Südserbien Die Gewalt eskaliert
Dobrosin - Im Grenzgebiet zwischen dem Kosovo und dem eigentlichen Serbien explodiert derzeit die Gewalt. In der so genannten Sicherheitszone in Südserbien, aus der sich die jugoslawische Armee nach dem Abkommen zum Ende des Kosovo-Krieges zurückziehen musste, häufen sich die Schießereien zwischen bewaffneten Albanern und serbischer Polizei.
Dobrosin, ein kleines Dorf hinter dem letzten amerikanischen Kfor-Checkpoint, wirkt bis auf die Präsenz neu gegründeter albanischer Milizen verlassen. Die Männer und die wenigen verbliebenen Frauen sitzen auf gepackten Koffern, um bei ersten Anzeichen neuer Schießereien in das Kosovo zu flüchten. Nur noch 200 von 1000 Einwohnern sind geblieben.
Kommandeur Rrufeja (Blitz) ist Anführer der Kämpfer der UCPMB, wie sich die "Armee zur Befreiung von Presevo, Medvedja und Bujanovac" nennt. In diesen südserbischen Orten östlich der Provinzgrenze zum Kosovo wohnen zahlreiche Albaner. "Wir haben die UCPMB gegründet, um unseren Leuten so gut wie möglich zu helfen", sagt er. "Wir suchen die Konfrontation mit der serbischen Polizei nicht, aber wir werden unsere Leute schützen". Andere junge Kämpfer sagen, sie seien schon UCK-Kämpfer gewesen.
Die Spannungen in der Region um die drei serbisch kontrollierten Kommunen haben seit dem Einmarsch der Friedenstruppe Kfor ins nahe Kosovo kontinuierlich zugenommen. Aus dem Kosovo abgezogene serbische Einheiten verbreiten Angst unter den 60.000 bis 100.000 Albanern in der Region. Einheimische wollen Paramilitärs und Armee gesehen haben.
Während die Albaner "serbische Übergriffe" beklagen, kommt aus Belgrad scharfe Kritik wegen der "Anschläge albanischer Terroristen". Mehrfach waren Polizisten Ziel von Angriffen. In dem Dorf Dobrosin wurden sie zuletzt im Januar gesehen. Seitdem ist die Straße Richtung Zentralserbien wie ausgestorben. Als vor einigen Tagen ein Wagen der Vereinten Nationen auf der Strecke unterwegs war, geriet er unter Feuer. Ein Uno-Mitarbeiter wurde verletzt.
Uno-Generalsekretär Kofi Annan fürchtet neue Gewaltausbrüche im Kosovo und ein Übergreifen auf den Süden Serbiens, wie es in einem neuen Bericht zur Lage in der Provinz heißt. Die Kfor will keine Provokationen dulden und hat angekündigt, die Grenzlinie fest unter Kontrolle bekommen zu wollen. Belgrad und die NATO werfen sich vor, mit ausgeführten oder geplanten Truppenkonzentrationen die Lage zu destabilisieren.
Die US-Armee hat "erhebliche" Verstärkung zum letzten Checkpoint vor der Grenzlinie geschickt, wie es heißt. Die amerikanischen Soldaten wurden schon Zeugen einer 15-minütigen Schießerei zwischen serbischen Polizisten und albanischen Extremisten. Anders als im Kosovo greifen sie bei Zwischenfällen jenseits der Provinzgrenze nicht ein - bislang.
Das Uno-Flüchtlingshilfswerk berichtet, die Albaner im Süden Serbiens gerieten zunehmend unter den Druck serbischer Einheiten und flüchteten ins Kosovo. Die Neuankömmlinge - mittlerweile mehrere tausend - berichteten von einer verstärkten Präsenz der jugoslawischen Armee und Polizei sowie von Beschlagnahmungen, Vergewaltigungsdrohungen und Erpressungsversuchen, sagte der UNHCR- Sondergesandte Dennis McNamara.
"Wir haben Angst. Jeder hat Angst, darum sind wir nach der Schießerei geflüchtet", sagt Kadire Shefkiu aus Dobrosin. Ihr 21 Jahre alter Sohn will bleiben, zusammen mit neuen Freiwilligen, die sich zur UCPMB gemeldet haben. Zwei Dorfbewohner in ziviler Kleidung wähnen sich schon in einem neuem Krieg. Der Ältere sagt: "Die Zeichen stehen so."
Albana Kasapi