Sydney-Geiselnahme: Dschihad Down Under - DER SPIEGEL
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Radikale Islamisten in Australien Dschihad Down Under

Australien liegt weit weg von den Konfliktherden des Nahen Ostens. Trotzdem steht das Land im Fokus der Dschihadisten - die militante Szene vor Ort pflegt enge Verbindungen zum "Islamischen Staat".
Sydney-Geiselnehmer Monis: Australiens Dschihad-Szene wächst
Sydney-Geiselnehmer Monis: Australiens Dschihad-Szene wächst

Sydney-Geiselnehmer Monis: Australiens Dschihad-Szene wächst

Foto: Dean Lewins/ dpa
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Sydney/Hamburg - Mit der Geiselnahme in einem Café in Sydney hat der islamistische Terror die größte australische Metropole erreicht. Der Täter Man Haron Monis war ein selbsternannter Dschihadist und seit Jahren in der islamistischen Szene aktiv. Er identifizierte sich mit der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Monis wählte ein sogenanntes weiches Ziel: nicht gesichert, voller Menschen, mitten in der Stadt.

Das Geiseldrama ist vorbei, der Terrorist getötet, doch noch immer steht Sydney unter Schock. Für die Sicherheitsdienste hingegen kam der Angriff nicht überraschend. Australien ist seit Jahren im Visier militanter Islamisten. 2002 verübten Terroristen mit Verbindungen zu al-Qaida einen verheerenden Anschlag auf eine Diskothek auf der indonesischen Ferieninsel Bali. Die Insel gehört zu den beliebtesten Urlaubszielen der Australier, unter den 202 Todesopfern waren 88 australische Staatsbürger. Die Terroristen wollten mit dem Attentat Rache dafür üben, dass die Regierung in Canberra den Kampf Osttimors für die Unabhängigkeit von Indonesien unterstützt hatte.

Zwölf Waffen, 28.000 Schuss Munition

Inzwischen droht die größte Gefahr nicht mehr von Terroristen aus dem Ausland. Australien hat selbst eine militante Islamistenszene, die in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Dazu hat auch die australische Beteiligung an den Kriegen im Irak und in Afghanistan beigetragen.

2003 nahmen die Behörden den pakistanisch-australischen Architekten Faheem Khalid Lodhi fest. Der Mann, der in einem Terrorlager in Pakistan trainiert hatte, plante, mit Bombenanschlägen das Stromnetz von Sydney lahmzulegen und mehrere Kasernen anzugreifen. 2006 wurde Lodhi, der sich selbst den Kampfnamen Abu Hamza gegeben hatte, zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er ist der erste Australier, der nach dem 2005 verabschiedeten Anti-Terror-Gesetz bestraft wurde. Sein Komplize, der französische Konvertit Willie Brigitte, wurde in Frankreich zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.

2005 nahm die Polizei in Sydney fünf Männer fest, die Terroranschläge in Australiens größter Stadt geplant hatten. Bei Hausdurchsuchungen fanden die Sicherheitskräfte unter anderem Pläne für den Bau von Bomben, zwölf Waffen und 28.000 Schuss Munition. In einem Mammutprozess mit 300 Zeugen, 3000 Beweisstücken und Telefonmitschnitten von 18 Stunden Länge wurden die sogenannten Sydney Five 2010 zu Gefängnisstrafen zwischen 23 und 28 Jahren verurteilt.

Hassprediger hetzt aus der Zelle

Die fünf Männer hatten Kontakt zu dem algerischstämmigen Imam Abdul Nacer Benbrika, der in einer Moschee in Melbourne predigte. Der Mann, der sich selbst nach dem ersten Kalifen Abu Bakr nennt, hatte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 landesweite Bekanntheit erlangt, als er in einem Interview mit dem TV-Sender ABC sagte: "Osama Bin Laden ist ein großartiger Mann." Benbrika soll unter anderem Anschläge auf Sportstadien und Bahnhöfe geplant haben, um so viele Menschen wie möglich zu töten. 2009 wurde er zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Aus seiner Gefängniszelle hetzt der 54-Jährige weiter: Benbrika bekam über Monate regen Besuch von Anhängern, die sich später der Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien und im Irak anschlossen. Deshalb wurde er inzwischen in ein anderes Gefängnis verlegt. "Er sieht die Gründung des 'Islamischen Staats' als etwas, das er immer gewollt hat", sagte ein australischer Sicherheitsbeamter bereits im Oktober. Deshalb stachele Benbrika seine Jünger an, sich den Dschihadisten anzuschließen. "Er ist ein Krimineller und ein Hassprediger, aber er hat immer noch Einfluss", heißt es aus Sicherheitskreisen. Die Behörden haben mehreren Islamisten, die den Imam regelmäßig in Haft besuchten, inzwischen die Reisepässe entzogen. Insgesamt sind mehr als hundert Australier in den Dschihad nach Syrien gezogen.

Benbrika trägt seinen Teil dazu bei, dass die Zahl der IS-Unterstützer, die auch in Australien Anschläge verüben wollen, in den vergangenen Monaten rapide gestiegen ist. Erst im September durchsuchten Polizisten bei der größten Anti-Terror-Operation in der Geschichte des Landes 25 Wohnungen. Die Verdächtigen sollen geplant haben, Menschen zu verschleppen und öffentlich zu enthaupten.

Wenige Tage später ging der 18-jährige Numan Haider mit einem Messer auf zwei Polizisten los und verletzte sie schwer. Ein Beamter erschoss den Angreifer in Notwehr. Haider trug nicht nur mehrere Messer bei sich, sondern auch die schwarze Flagge des IS. Ein ähnliches Banner führte auch der Geiselnehmer von Sydney bei sich.