Wladimir Putin: Was Russland in Syrien erreichen will - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Erste Luftschläge Was Putin in Syrien will

Nun fliegen also doch russische Kampfjets über Syrien. Aber was ist Putins Plan? Wie geht es weiter mit Assad? Und was macht der Westen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Russische Suchoi-Kampfflugzeuge (Symbolbild): Erste Ziele unter Beschuss genommen
Russische Suchoi-Kampfflugzeuge (Symbolbild): Erste Ziele unter Beschuss genommen

Russische Suchoi-Kampfflugzeuge (Symbolbild): Erste Ziele unter Beschuss genommen

Foto: © Sergei Karpukhin / Reuters/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es um Syrien ging, wurden die Äußerungen des russischen Präsidenten zuletzt schwammig. So etwa im US-Sender CBS, vergangene Woche. Da sagte Wladimir Putin erst sehr entschlossen, man werde sich nicht "an irgendwelchen Militäroperationen in Syrien oder anderen Ländern beteiligen".

Auf die erste Nachfrage ("Was soll das heißen?") blieb er noch dabei ("Das bedeutet, unsere Streitkräfte werden sich nicht direkt an Feindseligkeiten beteiligen"). Bei der zweiten Nachfrage ("Meinen Sie Luftangriffe?") war Putin dann aber schon weit weniger definitiv - und wollte nur noch "Kampfoperationen auf dem Boden" ausschließen.

Seit Dienstag gibt es keine Unklarheiten mehr: Der Kreml hat sich vom Parlaments-Oberhaus die Entsendung von Truppen nach Syrien genehmigen lassen. Moskau eilt Diktator Baschar al-Assad mit Militär zu Hilfe, die Luftschläge haben bereits begonnen. Ziel sei "der Kampf gegen den Terror und die Unterstützung der legitimen Staatsmacht Syriens", so Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow. 20 Luftschläge seien bereits erfolgt, teilte das russische Verteidigungsministerium am Abend mit.

Im Video: Russland fliegt Luftangriffe in Syrien

Was will der Kreml in Syrien erreichen?

Putin sucht seit Monaten Unterstützung für eine Koalition gegen den IS. Dafür hat er mehrfach mit der Türkei, Israel und auch Saudi-Arabien gesprochen. Der "Islamische Staat" kann Russland selbst gefährlich werden. Aus dem von Moskau beherrschten Nordkaukasus sind in den vergangenen vier Jahren Tausende nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschließen. "Statt auf ihre Rückkehr zu warten, sollten wir Assad helfen, sie in Syrien zu bekämpfen", hat Putin gesagt.

Fotostrecke

Russland: Der Kreml greift in Syrien ein

Foto: Alexei Nikolsky/ AP/dpa

Konkret könnte Moskau Assad etwa helfen, die berühmte Stadt Palmyra zurückzuerobern. Russland könnte die Islamisten auch von Öl- und Gasfeldern nahe der Stadt Homs vertreiben. Der Kreml würde damit gleich doppelt punkten: Diktator Assad wäre gestärkt und im Westen kämen solche Erfolge im Kampf gegen den islamistischen Terror auch gut an.

Geht es Moskau wirklich nur um die Bekämpfung des "Islamischen Staats"?

Das ist unwahrscheinlich. Russland hat seine Truppen an Syriens Küstenstreifen im Westen des Landes stationiert. Die Stellungen des IS sind davon sehr weit entfernt. Die eigentliche Gefahr für Assads Hochburgen geht von den jüngsten Vorstößen syrischer Rebellen-Verbände aus.

Syrien: Die Rebellen breiten sich in der Provinz Hama zwischen Aleppo und Homs aus

Syrien: Die Rebellen breiten sich in der Provinz Hama zwischen Aleppo und Homs aus

Foto: SPIEGEL ONLINE

Moskau setzt die Opposition allerdings regelmäßig mit militanten Islamisten gleich. So sagte Putin im CBS-Interview, die Bezeichnung Opposition sei lediglich eine "Interpretation" des Westens: "Tatsächlich kämpft Assads Armee gegen terroristische Organisationen."

Der Militär-Blogger Ruslan Lewijew geht davon aus, dass Moskau nicht nur auf den IS abzielt: "Luftschläge gegen den IS helfen Assad wenig. Deshalb sind auch Angriffe gegen die bewaffnete Opposition zu erwarten."

Erste Indizien dafür gibt es bereits. Unbestätigten Meldungen der "Freien Syrischen Armee" zufolge haben russische Jets Angriffe in Hama geflogen. Die Provinz liegt keine hundert Kilometer östlich der Luftwaffenbasis Latakia, die von Russland genutzt wird. Auch Homs soll bereits Ziel russischer Kampfflugzeuge geworden sein.

Verlassene Stadt: Homs soll bereits Ziel russischer Kampfflugzeuge geworden sein

Verlassene Stadt: Homs soll bereits Ziel russischer Kampfflugzeuge geworden sein

Foto: MAHMOUD TAHA/ AFP

Will Putin nun Syrien für Assad zurückerobern?

Nein. So schreibt der angesehene Moskauer Außenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow am Dienstag in der Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta", auch der Kreml habe begriffen, dass "das alte Syrien nicht mehr existiert". Russland will aber den endgültigen Fall des Assad-Regimes verhindern und bereitet sich für die immer wahrscheinlichere Teilung Syriens vor. Nach russischen Vorstellungen soll dann aus dem Herrschaftsgebiet des Assad-Regimes eine Art Rumpf-Syrien hervorgehen, das die Hauptstadt Damaskus kontrolliert, die Mittelmeerküste und möglichst große Teile im Westen des Landes. Es gehe darum, "noch zu retten, was vom säkularen syrischen Staatswesen übrig ist", so Lukjanow. Die Person Assad sei für Russland zweitrangig.

Ist ein Einsatz russischer Bodentruppen tatsächlich ausgeschlossen?

Das zumindest behauptet der Kreml. Allerdings hat Moskau die Luftschläge gegen den IS stets als nicht wirksam kritisiert. Russlands Uno-Botschafter Witalij Tschurkin betonte noch in der vergangenen Woche, die Bombenangriffe der westlichen Verbündeten hätten den IS praktisch nicht geschwächt. Das sei ein Beweis dafür, dass man den "'Islamischen Staat' nur am Boden besiegen kann".

Hinzu kommt: Einsätze der von Russland in Syrien stationierten Suchoi-Kampfflugzeuge gelten vor allem dann als besonders effektiv, wenn sie von vorrückenden Bodentruppen unterstützt werden. Theoretisch könnte Moskau ein Vorrücken von Assads Regierungstruppen flankieren. In der Vergangenheit hat die syrische Armee allerdings nur selten Offensiven gegen den IS geführt.

Wie ist die Stimmung in der russischen Bevölkerung?

Im syrischen Bürgerkrieg hält die Mehrheit der Russen Assad für den Guten. Laut einer Umfrage des russischen Lewada-Instituts unterstützt eine Mehrheit deshalb Waffenlieferungen an Damaskus. Ein militärisches Eingreifen dagegen lehnen 69 Prozent ab, nur 14 Prozent der Russen sind dafür. Allerdings haben große Kreml-treue Medienhäuser bereits vor Tagen Korrespondenten nach Syrien geschickt - und Moskaus Propaganda-Maschine nimmt schon jetzt Einfluss auf die Stimmung in der Bevölkerung.

Wie verhalten sich die USA?

Bislang forderten die USA den Rücktritt von Syriens Präsidenten, erst danach könne man verhandeln. Inzwischen spricht US-Außenminister John Kerry davon, dass eine Übergangszeit mit Assad vorstellbar sei ("managed transition"). Ansonsten reagiert Washington bislang bemerkenswert passiv. Die USA scheinen sich mit Russlands militärischem Vorgehen weitestgehend abgefunden zu haben. Minister Kerry begnügte sich mit der Warnung, Putin könnte durch sein Vorgehen leicht zur "Zielscheibe von Dschihadisten" werden.

1 Min