Taliban-Boss USA halten Pakistans Staatsfeind Nummer eins für tot
Pakistanischer Taliban-Chef Hakimullah Mehsud (Mitte): "Ein sehr, sehr böser Mensch"
Foto: REUTERS TV/ REUTERSAls der staatliche pakistanische Fernsehsender PTV am Wochenende die Nachricht verbreitete, , der junge Chef der Tehrik-i-Taliban (TTP), sei gestorben, sorgte das für Aufregung. Was hatte diese Meldung ohne Quellenangabe zu bedeuten? Zwei Wochen zuvor, kurz nach dem US-Drohnenangriff am 14. Januar auf die Region Shaktoi in Nord-Waziristan, war das Gerücht von seinem Tod schon einmal kursiert.
War Hakimullah Mehsud wirklich tot?
"Ich weiß es nicht", hatte Richard Holbrooke, der US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, SPIEGEL ONLINE am Tag des Angriffs gesagt. "Ich weiß nur, dass er ein sehr, sehr böser Mensch ist. Sein Ende wäre eine gute Nachricht."
Die Amerikaner hatten ihre Jagd auf den Mann intensiviert, nachdem er die Verantwortung für den Anschlag auf die CIA in der afghanischen Provinz Khost für sich beansprucht hatte. Bei dem Selbstmordattentat waren Ende Dezember fünf CIA-Beamte und zwei weitere Mitarbeiter ums Leben gekommen. In einem Video bekannte sich ein Doppelagent für den jordanischen Geheimdienst und die CIA zu dem Anschlag, in dem Film war auch Hakimullah Mehsud zu sehen.
Für Mehsuds Tod gab es aber keine Beweise.
An dieser Lage hat sich in den vergangenen zwei Wochen nichts geändert - und doch deutet nach Angaben von Regierungsvertretern in Washington und Islamabad immer mehr darauf hin, dass Mehsud, der als besonders brutal geltende Taliban-Anführer, in den vergangenen Tagen seinen Verletzungen durch den Drohnenangriff erlegen ist. Die "New York Times" zitiert am Montag eine namentlich nicht genannte Quelle aus der US-Regierung, wonach Geheimdienstberichte inzwischen "mit 90-prozentiger Sicherheit" davon ausgehen, dass Mehsud aufgrund der Folgen der Drohnenattacke gestorben sei und in den vergangenen Tagen in der Region Mamuzai im Westen Pakistans begraben wurde.
Wurde ein Arzt entführt und zu Mehsud gebracht?
Auch Stammesangehörige in Waziristan erklärten gegenüber Lokaljournalisten, dass Mehsud schwer verletzt worden, knapp zehn Tage nach dem Drohnenangriff gestorben und am 27. Januar nach islamischem Ritual beerdigt worden sei.
Die pakistanische Tageszeitung "Daily Times" schreibt, ein Arzt sei in der Stadt Hangu entführt und zu Mehsud gebracht worden, um ihn zu behandeln. Pakistanische Regierungsvertreter wollten dies auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nicht bestätigen, erklärten aber, man stehe in engem Kontakt zu den US-Geheimdiensten und gehe davon aus, dass Mehsud tatsächlich gestorben sei. Beweise gebe es aber noch nicht. Man werde Militärs in die Gegend entsenden, in der das Grab Mehsuds vermutet werde. Dort sollten sie überprüfen, ob der Taliban-Chef tot sei. "Wir werden uns außerdem die amerikanischen Berichte sehr genau ansehen", erklärte Armee-Sprecher Generalmajor Athar Abbas.
Taliban-Sprecher teilten dagegen in Telefongesprächen mit pakistanischen Journalisten mit, Mehsud sei noch am Leben und bei der Drohnenattacke nicht einmal verletzt worden, da er sich rechtzeitig vor dem Angriff in Sicherheit gebracht habe. Als Beweis erwähnten sie zwei Tonbänder, die nach dem 14. Januar veröffentlicht wurden und auf dem angeblich die Stimme Mehsuds zu hören ist. Demnach erklärt er, er sei unverletzt. In einer Aufnahme erwähnt er außerdem das Datum des 17. Januar, was die Taliban als Beweis dafür sehen, dass er den 14. Januar überlebt habe.
Jung und rücksichtlos: Mehsud setzte sich im Machtkampf durch
Mehsud war sehr jung - er ist Ende zwanzig, sein genaues Alter ist unbekannt - an die Spitze der TTP gerückt, nachdem sein Vorgänger, der nicht mit ihm verwandte Baitullah Mehsud, im August 2009 ebenfalls bei einer US-Drohnenattacke ums Leben gekommen war. Wie sein Vorgänger hielt auch Hakimullah Mehsud sich dem Vernehmen nach zu dem Zeitpunkt, als die Drohnen die Raketen abfeuerten, bei seinen Schwiegereltern auf. Und in beiden Fällen kursierten wochenlang Gerüchte über den Tod des Taliban-Anführers, während die Taliban die Meldung dementierten.
Baitullah Mehsuds Tod löste einen heftigen Machtkampf innerhalb der pakistanischen Taliban aus. Hakimullah Mehsud drohte mit der Spaltung der Taliban-Dachorganisation TTP, sollte er nicht zum neuen Chef bestimmt werden. Viele Taliban räumten ihm angesichts seines noch jungen Alters und seiner eher geringen Verankerung in der Organisation wenig Chancen auf einen langen Verbleib in der Funktion als TTP-Chef ein. Andere sahen in seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber Feinden wie Freunden einen idealen Charakterzug dafür, die zerstrittenen Taliban zur Not mit Gewalt zu einen. Vor allem die Unterstützung des Terrornetzwerks al-Qaida machte für Mehsud den Weg an die TTP-Spitze frei.
Dass er gefährlich lebte, bekam der Paschtune spätestens Mitte Oktober zu spüren: Das pakistanische Militär startete seine lange angekündigte Offensive in Süd-Waziristan, um die Taliban in der westpakistanischen Region zu schwächen. Hakimullah Mehsud und seine Anhänger hatten das gesamte Land mit einer Reihe von Selbstmordattentaten erschüttert, seit Oktober sind mehr als 500 Menschen bei Anschlägen getötet wurden. Der Druck auf die pakistanische Regierung, gegen die Taliban vorzugehen, kam zuletzt nicht nur aus den USA, sondern auch aus der eigenen Bevölkerung.
Nachfolger bereiten sich vor
Nur zehn Tage nach Beginn der Militäroperation nahm die Armee Mehsuds Heimatstadt Kotkai ein. Von Mehsud und seinem Stellverteter Qari Hussain, ebenfalls aus Kotkai, gab es jedoch keine Spur. Überhaupt nahm die Armee zwar schnell die gesamte Region ein, ergriff jedoch kaum Taliban-Kommandeure, die vermutlich nach Afghanistan, in pakistanische Großstädte wie Quetta und Karatschi, vor allem aber nach Nord-Waziristan geflüchtet waren.
US-Geheimdienstler, pakistanische Sicherheitskräfte und Journalisten schauen in diesen Tagen besonders genau auf die Aktivitäten der Taliban. Akribisch beobachtet man, ob es Anzeichen für interne Kämpfe gibt. Die wären ein deutlicher Hinweis dafür, dass Mehsud tot ist und die Taliban nach einem neuen Anführer suchen. Wali-ur-Rehman, der Chefstratege der TTP, und Hussain, Ausbilder von Selbstmordattentätern, stehen bereit für die Nachfolge.
Totgesagt wurde Mehsud bereits früher: Im September 2009 hatte Pakistans Innenminister Rehman Malik erklärt, der neue TTP-Chef sei bei einer Schießerei mit den Anhängern eines Konkurrenten getötet worden. Beobachter sahen darin ein Manöver der pakistanischen Regierung, die Taliban zu verunsichern und den Machtkampf zu befeuern. Tatsächlich tauchte der bärtige Paschtune kurze Zeit später wieder auf - und startete die blutige Serie von Selbstmordanschlägen.