Taliban-Führer Mullah Baradar: Der Terrorstratege tappt in die Falle - DER SPIEGEL
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Taliban-Führer Mullah Baradar Der Terrorstratege tappt in die Falle

Er war die Nummer zwei der Taliban, der Chefstratege der Radikalislamisten - jetzt ist Mullah Baradar in Pakistan gefasst worden. Seine spektakuläre Festnahme ist ein wichtiger Erfolg für den Westen, der allerdings die Regierung des Landes in Erklärungsnot bringt: Warum konnte er sich dort so lange verstecken?
Von Matthias Gebauer, Hasnain Kazim und Shoib Najafizada
Pakistanische Soldaten nehmen Terrorverdächtige fest: Erfolg gegen die Taliban
Pakistanische Soldaten nehmen Terrorverdächtige fest: Erfolg gegen die Taliban

Pakistanische Soldaten nehmen Terrorverdächtige fest: Erfolg gegen die Taliban

Foto: HO/ AFP
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Taliban

Berlin/Islamabad/Kabul - Es ist ein wichtiger Etappensieg des Westens im Kampf gegen die - und der wohl größte Schlag gegen die Führung der Radikalislamisten seit Beginn des Afghanistan-Krieges: Mit der Festnahme von Mullah Abdul Ghani Baradar haben die CIA und Pakistans Geheimdienst ISI einen Top-Mann der Terroristen festgesetzt.

Baradar befinde sich seit mehreren Tagen in Gefangenschaft, bestätigte am Dienstag ein ranghoher Vertreter der USA. Ein Offizier des pakistanischen Geheimdienstes sagte, Baradar sei "vor rund zehn Tagen" in der pakistanischen Hafenmetropole Karatschi festgenommen worden. Seitdem verhören ihn demnach pakistanische und amerikanische Geheimdienstler.

Der etwa 40 Jahre alte Mann gilt den Fahndern als Nummer zwei hinter Taliban-Chef Mullah Omar. Die Festnahme lässt Taliban-Jäger auf weitere Erfolge hoffen, denn Mullah Abdul Ghani Baradar ist nach Geheimdiensterkenntnissen außerdem der Organisator der afghanischen Widerstandskämpfer und damit ein führender Kopf im Aufstand gegen die Regierung und die internationale Schutztruppe Isaf. Baradar, da sind sich die Dienste sicher, befehligte bis zuletzt die Kampfeinheiten der Taliban in Afghanistan. Er suchte Kommandeure aus, gab Anweisungen und taktische Vorgaben an die Kämpfer.

Pakistan

Dass man den Terrorvordenker nun überraschend festnehmen konnte, gilt als Riesenerfolg für die USA. Peinlich hingegen ist der Fall für . Auch wenn der pakistanische Geheimdienst an der Verhaftung und damit an dem Coup offenbar beteiligt war, beweist die Aktion doch, dass führende Taliban sich in dem Land ungestört bewegen können. Die Aussagen der Regierung in Islamabad, Top-Terroristen wie Mullah Omar oder Qaida-Chef Bin Laden seien in Afghanistan, wirken nach der Festnahme unglaubwürdiger denn je.

Pakistans Politiker und Militärs spielen den Einsatz herunter

Aus US-Quellen ist zwar zu hören, dass die Kooperation mit dem Geheimdienst ISI, dem traditionell eine Nähe zu den Taliban bescheinigt wird, möglicherweise eine neue Ära bei der Jagd nach Top-Terroristen einleitet. Gemeinsam mit den Pakistanern versuchen CIA-Agenten seit der Festnahme, Informationen von Baradar zu bekommen. Doch dass der Kommandeur in der pakistanischen Metropole untertauchen konnte, in der auch Mullah Omar und Bin Laden gelegentlich vermutet werden, bringt Pakistans Staatsspitze in Erklärungsnot.

Entsprechend spielt Pakistan den Fall herunter. Innenminister Rehman Malik erklärte am Dienstag, man überprüfe alle, die man festnehme. "Wenn ein dicker Fang dabei ist, werde ich das der Nation mitteilen." Weder bestätigte noch dementierte er die Festnahme damit. Allerdings sagte er, die USA und Pakistan teilten zwar Geheimdienstinformationen miteinander, gemeinsame Ermittlungen oder Razzien gebe es aber auf keinen Fall. Berichte über eine gemeinsame Aktion von ISI und CIA seien daher "Propaganda".

Auch Militär und der ISI redeten den Fall klein, indem man die Bedeutung Mullah Baradars in Frage stellte. "Es gibt viele Männer, die sich für die Nummer zwei der Taliban halten", sagte ein ISI-Offizier. "Baradar mag ganz oben mitgespielt haben, aber seine Festnahme ist sicher kein so großer Erfolg, wie es die amerikanische Presse jetzt darstellen mag." In den USA hingegen heißt es, der ISI habe stets gewusst, wo der Top-Taliban ist - aber nie zugegriffen.

Informationen über die Festnahme waren nach Angaben der "New York Times" (NYT) absichtlich zurückgehalten worden. Obwohl die Zeitung schon vergangenen Donnerstag von dem Fall hörte, hielt sie den Zugriff auf Wunsch des Weißen Hauses zunächst geheim. Die US-Regierung habe die Befürchtung geäußert, dass die Nachricht andere Top-Taliban zu größerer Vorsicht bewegen und damit das Aufspüren weiterer Terroristen erschweren könnte.

Baradar kämpfte schon gegen die Sowjets

Mullah Omar

Baradar gilt unter Taliban-Kennern als disziplinierter Kommandeur. Gemeinsam mit hat er schon gegen die Sowjets in Afghanistan gekämpft, später wurde er Minister während der Herrschaft der Gotteskrieger. Baradar kommt aus dem mächtigen Paschtunenstamm der Popalzai. Seit etwa drei Jahren soll er die Führung der sogenannten Quetta-Schura innehaben, welche als geistige Autorität die Taliban-Bewegung leitet. Mehrmals in dieser Zeit hat er Pamphlete mit Kampfaufrufen aber auch konkreten Taktiken herausgegeben.

Afghanistan

Noch im August 2009 beantwortete er per E-Mail Fragen des Nachrichtenmagazins "Newsweek". "Es ist allen Afghanen deutlich geworden, dass die Ausländer als Eindringlinge in unser Land gekommen sind und nicht zum Wohle der Afghanen", beschimpfte er die alliierten Truppen. Verhandlungen mit den Amerikanern lehnte der Taliban-Anführer kategorisch ab: "Wir sehen in solchen Gesprächen keinen Vorteil für unser Land und für den Islam." Voraussetzung für einen Frieden sei ein Abzug der ausländischen Streitkräfte aus .

Baradar wird jetzt verhört und sei durchaus bereit, Auskunft zu geben, meldeten pakistanische Fernsehsender. Taliban-Sprecher dementierten die Nachricht von einer Verhaftung als "amerikanische Propaganda". "Mullah Baradar ist in Afghanistan", sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid. Bei der Nato-Offensive in der südafghanischen Provinz Helmand würden die Taliban erfolgreich Widerstand leisten. Meldungen über eine Festnahme Mullah Baradars sollten nur dazu dienen, "unsere Kämpfer zu demoralisieren".

Allerdings bestätigten Taliban-Kommandeure, dass ihr Anführer in Pakistan verhaftet worden sei. "Mullah Baradar ist vor zehn Tagen nach Pakistan gereist, vor fünf Tagen haben wir erfahren, dass er in Karatschi festgenommen worden ist", sagte Mullah Wali Jan SPIEGEL ONLINE. Der Kommandeur befehligt die Taliban in der afghanischen Provinz Uruzgan und bekam seine Order direkt von Baradar. Der Taliban-Kämpfer ergänzte, dass Baradar nach Pakistan immer ohne seine Bodyguards reisen musste, da er sonst aufgefallen wäre.

Baradars Einfluss reichte bis ins Einsatzgebiet der Bundeswehr

Für die Taliban ist die Festnahme damit ein empfindlicher Schlag. Zwar sind Kommandeure wie Baradar zu ersetzen, doch seine Autorität ist gerade während der anlaufenden Truppenverstärkung durch die USA sehr wichtig. Die wohl tödlichste Kampftaktik der Taliban, das Verstecken von Bomben auf allen wichtigen Straßen, wurde von Baradar ausgegeben. Die Sprengfallen bereiten derzeit US-Truppen bei der Offensive in der Unruheprovinz Helmand große Probleme. Baradar hatte seine Kommandeure angewiesen, nicht mehr den offenen Kampf zu suchen, sondern eben diese Fallen zu legen.

Einsatzgebiet der Bundeswehr

Der Einfluss Mullah Baradars reichte bis ins in Nordafghanistan. Dort agiert der Taliban-Kommandeur Mullah Salam im Auftrag des nun Verhafteten. Das jedenfalls geht aus geheimen Nato-Papieren hervor. Mullah Baradar hatte im Frühjahr 2009 ein Dekret mit dem Codenamen "Nusrat" - Sieg - erlassen und darin explizit den Norden als Kampfzone und die Deutschen zum Feind erklärt. In dem Papier, das wie alle Baradar-Dekrete das Logo des islamischen Emirats Afghanistan trägt, forderte er seine Kommandeure auf, mehr Aktivität in Nordafghanistan und damit auch in Kunduz zu zeigen.

Diesen Plan sollte Mullah Salam im vergangenen Sommer umsetzen. Tatsächlich verschärfte sich die Lage vor allem in Kunduz bald. Angriffe auf die deutschen Truppen nahmen zu, außerdem wurden mehrfach Nato-Transporte angegriffen. Baradar, so die Meinung von westlichen Geheimdienstlern, soll die Entwicklung genau beobachtet haben. Mehrmals musste Mullah Salam zum Rapport nach Pakistan reisen, da die Taliban-Führung mit seiner Arbeit nicht zufrieden war.

Von Mullah Baradar erhoffen sich Amerikaner und Pakistaner jetzt Informationen über den Aufenthaltsort weiterer Top-Terroristen, allen voran des Taliban-Chefs Mullah Omar. Bashir Ahmed, Chef des Instituts für Regionale Studien (IRS) in Islamabad, sieht jedoch wenig Chancen, Details über die Verstecke der Gesuchten zu erfahren. "Die Grenze zwischen Afghanistan und der südwestlichen pakistanischen Provinz Belutschistan ist ziemlich offen", sagt der pensionierte Brigadegeneral. "Da können sich Terroristen relativ unkontrolliert bewegen."

Hasnain Kazim berichtete aus Islamabad, Shoib Najafizada aus Kabul und Matthias Gebauer aus Berlin