Jahrestag des Aufstands Assads Schergen treiben Tausende Syrer in die Flucht
Flüchtlingslager in der Türkei: 30.000 Syrer sind bislang ins Ausland geflohen
Foto: BULENT KILIC/ AFPHamburg - An diesem Donnerstag jährt sich der Beginn des Aufstands in Syrien zum ersten Mal. Mehr als 8500 Menschen wurden nach jüngsten Angaben getötet, seit die Revolte mit Protesten in der südsyrischen Stadt Daraa am 15. März 2011 ihren Anfang nahm.
Immer mehr Flüchtlinge versuchen in den vergangenen Wochen, dem Blutvergießen in Syrien zu entkommen. Allein seit Mittwochmorgen sollen etwa tausend Syrer über die türkische Grenze geflohen sein. Die meisten von ihnen stammten nach türkischen Angaben aus der grenznahen Stadt Idlib, die inzwischen von Regimetruppen eingenommen wurde. Bei den Kämpfen sollen dort in den vergangenen Tagen bis zu hundert Menschen getötet worden sein. Am Donnerstag sollen nach Augenzeugenberichten auf einem Feld außerhalb der Stadt die Leichen von 23 Hingerichteten entdeckt worden sein. Insgesamt sind zurzeit 14.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei registriert.
Der Flüchtlingsstrom bringt die Regierung in Ankara zusehends in Bedrängnis. Zwar lehnt Ministerpräsident Erdogan eine Militärintervention in Syrien bislang strikt ab. Allerdings hat die türkische Führung signalisiert, dass sie sich bei einer weiteren Eskalation der Lage zum Eingreifen gezwungen sehen könnte. Unter anderem brachte die Türkei wiederholt die Einrichtung einer "Sicherheitszone" auf syrischem Boden nahe der Grenze ins Spiel, in der geflohene Syrer Zuflucht finden könnten.
In jedem Fall richtet sich Ankara auf einen weiteren Flüchtlingsstrom ein. Im April soll nahe der Stadt Kilis ein neues Lager eröffnet werden, das etwa 10.000 Menschen aufnehmen kann. Die Arbeiten an einer weiteren Zeltstadt für etwa 20.000 Flüchtlinge nahe dem Ort Ceylanpinar haben erst kürzlich begonnen. Offiziell äußern sich türkische Stellen nicht dazu, wie viele Syrer sie aufnehmen können, da sie fürchten, damit weitere Menschen zur Flucht zu animieren.
Das Uno-Flüchtlingshilfswerk hatte zuvor berichtet, dass landesweit etwa 230.000 Bürger vor den Kämpfen geflüchtet seien. Das ist etwas mehr als ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten von ihnen suchen innerhalb der syrischen Grenzen Zuflucht. Etwa 30.000 Syrern sei bislang die Flucht ins Ausland gelungen.
Auch wirtschaftliche Not zwingt Syrer ins Ausland
Das Assad-Regime versucht, einen Massenexodus mit allen Mitteln zu verhindern. Entlang der Grenzen zum Libanon und zur Türkei versteckt das Regime massenhaft Landminen. Dabei soll es sich um Anti-Personen-, aber auch Anti-Fahrzeug-Minen handeln. Nach Informationen von Human Rights Watch sind bereits zahlreiche Menschen durch die Sprengsätze verletzt oder getötet worden.
Doch nicht nur die Gewalt sondern auch wachsende wirtschaftliche Probleme treiben Tausende Syrer in die Flucht. Der Wert des Syrischen Pfunds hat sich innerhalb weniger Monate halbiert. Lebensmittel, Treibstoff und Heizöl sind für viele unerschwinglich geworden. Der Handel ist wegen der internationalen Sanktionen gegen Damaskus fast vollkommen zum Erliegen gekommen.
Eine Koalition von 200 Menschenrechtsgruppen aus 27 Ländern ruft nun den Uno-Sicherheitsrat dazu auf, dem Blutvergießen ein Ende zu setzen. In einer Resolution müsse das syrische Regime aufgefordert werden, den Beschuss von Wohnvierteln zu stoppen sowie Hilfslieferungen zuzulassen und Menschenrechtsbeobachtern und Journalisten freien Zugang zu gewähren. Außerdem müsse Diktator Baschar al-Assad dazu gebracht werden, willkürliche Festnahmen und die Folter von Häftlingen zu beenden.
"Russland und China haben zweimal das Handeln des Sicherheitsrats blockiert. Sie haben Assad verteidigt, und er hat das als Lizenz zum Töten interpretiert", erläutert Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch, die Initiative. "Moskau und Peking müssen aufhören, syrische Grausamkeiten diplomatisch zu schützen, und ein Ende des rücksichtslosen Beschusses und der Angriffe auf friedliche Demonstranten fordern."
Assads Regime ignoriert diese Appelle und demonstriert ein Jahr nach Beginn der Revolte weiterhin Normalität. Am Donnerstag organisierte die Staatsführung Jubelfeiern für den Präsidenten im Zentrum von Damaskus und anderen Städten. Der einfache Slogan der Demonstranten: "Wir lieben dich, Baschar".