Terror in Israel Krieg, Krieg, Krieg
Jerusalem - Als sei nicht schon genug Blut geflossen, plant die israelische Armee nach den jüngsten palästinensischen Terrorattacken eine Verschärfung ihrer Gegenangriffe. Der israelische Generalstabschef Schaul Mofas kündigte an, die Angriffe gegen die Palästinenser würden "aus der Luft, am Boden und zur See" fortgesetzt. Zugleich sprach er sich dagegen aus, die Autonomiegebiete zurück zu erobern. Mofas gab bekannt, er wolle verstärkt Reservisten zur Sicherung jüdischer Siedlungen in den Palästinensergebieten einberufen.
Vorausgegangen waren zwei verheerende palästinensische Anschläge, die am Samstagabend in Netanja und Jerusalem 16 Todesopfer - darunter die drei Attentäter - und hundert Verletzte gefordert hatten. Daraufhin hatte die israelische Armee am frühen Sonntagmorgen den Amtssitz von Palästinenserpräsident Jassir Arafat in der Stadt Gaza mit 35 Luft-Boden-Raketen in Trümmer gelegt.
"Wir sind in einem Krieg, einem sehr brutalen Krieg, der mitten in Jerusalem gegen jede jüdische Person ausgerufen wurde", sagte der Bürgermeister der Stadt, Ehud Olmert.
Angesichts der fortgesetzten Gewalt rief Bundesaußenminister Joschka Fischer die Konfliktparteien im Nahen Osten am Sonntag zur Besinnung auf. Die Verantwortlichen beider Seiten müssten "der Gewalt den Rücken kehren und unverzüglich in ernsthafte Gespräche über eine Waffenruhe eintreten", sagte Fischer in Berlin. US-Nahostvermittler Anthony Zinni soll in den nächsten Tagen mithelfen, die Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen. Er wird am Donnerstag in Israel erwartet wo er sich erneut um eine Waffenruhe bemühen will.
Scharon will auch ohne Frieden verhandeln
Unterdessen hat der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon seine harte Position aufgeweicht. Er bekräftigte auf einer Kabinettssitzung in Jerusalem, dass er angesichts der Eskalation der Gewalt auf seine bisherige Forderung nach sieben Tagen völliger Ruhe vor Beginn von Verhandlungen mit den Palästinensern verzichte. Diese Forderung wurde bisher von den Europäern und der US-Regierung als Haupthindernis für eine dauerhafte Waffenruhe angesehen.
Der palästinensische Geheimdienstchef im Gazastreifen, Mohammed Dachlan, nannte einen israelischen Rückzug aus allen palästinensisch kontrollierten Gebieten innerhalb von 48 Stunden als Bedingung für eine Waffenruhe. Das Büro des palästinensischen Parlamentspräsidenten Achmed Kurei dementierte Medienberichte über ein geplantes Treffen Kureis mit dem israelischen Außenminister Schimon Peres.
Boykottaufruf gegen Israel
Die Außenminister der arabischen Staaten wollten sich am Ende ihres Treffens in Kairo nicht auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Israel einigen. Libyen dagegen rief zum Boykott gegen Israel auf. "Alle Versuche, zusammen mit Israel eine Lösung zu finden, sind gescheitert", sagte der libysche Minister für Afrikanische Einheit, Ali Abdelsalam el Treiki. "Es ist die Pflicht für jeden, den Aufstand der Palästinenser zu unterstützen", fügte er hinzu.
Zugleich kündigte er an, seine Regierung wolle den Palästinensern kurzfristig mit 50 Millionen US-Dollar helfen. Außerdem werde Libyen die Kosten für die medizinische Behandlung aller Opfer israelischer Angriffe übernehmen. Ein Vertreter des Sudans sagte auf die Frage eines Journalisten, ob es nicht beschämend sei, wie wenig wirksame Hilfe die arabischen Staaten den Palästinensern leisten könnten: "Ja, ich schäme mich".
In den Palästinensergebieten hat am Mittag ein Generalstreik aus Protest gegen die jüngste Offensive der Armee begonnen. Die Armee zog sich am Sonntag aus der autonomen Stadt Tulkarem zurück. Bei Kämpfen mit militanten Palästinensern hatten Soldaten in den Flüchtlingslagern der Stadt in der vergangenen Woche mehrere Dutzend Menschen getötet, darunter zahlreiche Zivilisten.
Raketen in Flüchtlingslager entdeckt
Bei einem Einmarsch in ein Flüchtlingslager nahe Bethlehem hat die Armee nach eigenen Angaben drei Bombenfabriken aufgespürt, berichtet der US-Sender CNN. Die Truppen entdeckten 10 Raketen vom Typ Qassam-2. Seit Februar feuern Palästinenser immer wieder Raketen gleichen Typs in israelisches Gebiet.
Auch am Sonntag kamen die Palästinensergebiete nicht zur Ruhe. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Zwischenfällen. Die israelische Armee liquidierte nach palästinensischen Angaben erneut zwei mutmaßliche palästinensische Extremisten. Das Auto der beiden sei auf der Straße von Bethlehem nach Jerusalem von der Rakete eines Kampfhubschraubers getroffen und zerstört worden. Sie seien auf dem Weg zu einem Anschlag in Jerusalem gewesen, hieß es. Bereits am frühen Sonntagmorgen hatte ein israelischer Kampfhubschrauber beim Versuch, einen von Israel gesuchten Extremisten zu töten, versehentlich das Auto seines Bruders getroffen. Der Mann kam dabei ums Leben.
Schon wieder neue Tote
Im Gazastreifen wurde am Sonntagmorgen ein Palästinenser bei dem Versuch getötet, eine jüdische Siedlung zu überfallen. Zwei israelische Siedler wurden dabei schwer verletzt. Bei Nablus im nördlichen Westjordanland schossen Soldaten auf zwei bewaffnete Palästinenser und töteten einen von ihnen. An einem Militärkontrollpunkt nördlich von Jerusalem erschossen israelische Soldaten einen palästinensischen Schuljungen. Sie hatten offenbar geglaubt, der Elfjährige trage einen Sprengsatz in seiner Tasche.
Die EU wird nach Angaben von Bundesaußenminister Fischer an diesem Montag beim Rat der Außenminister über die Lage im Nahen Osten beraten. Gemeinsam mit den USA habe die EU sehr deutlich gemacht, "dass der Punkt der Umkehr erreicht ist und von den Konfliktparteien konkrete Schritte hin zum Frieden erwartet werden".