Terror in Jordanien "Wie bei einem Erdbeben"
Beirut - "Der Boden unter uns hat sich gehoben und gesenkt wie bei einem Erdbeben", beschrieb ein Bewohner Ammans am Abend gegenüber SPIEGEL ONLINE telefonisch die Wucht der Anschläge, die die jordanische Hauptstadt am späten Abend erschütterten: "Das gesamte öffentliche Leben steht still, jeder sitzt zuhause und telefoniert mit seinen Verwandten." Über 50 Menschen mussten sterben, mindestens 300 wurden verletzt, so die letzten Angaben. Zeitgleich waren bei der Anschlagsserie drei große Hotels in der Innenstadt durch Selbstmordattentäter angegriffen worden.
Es ist ein Anschlag mit vielen Ankündigungen. Auch, wenn es zur Stunde noch kein Bekennerschreiben gibt, steht so gut wie außer Zweifel, dass militante Islamisten für das Blutbad verantwortlich sind. Zu oft haben sie in den letzten Jahren den jordanischen Staat zum Ziel ausgerufen, weil die Politik des Königs ihnen zu amerika- und israelfreundlich und zu unislamisch erscheint. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Attentäter im Namen des Terrornetzwerks al-Qaida handelten oder zumindest von ihm inspiriert wurden. Erst im Dezember 2004 hatte Osama Bin Laden höchst persönlich das haschemitische Königreich in einer Ansprache angegriffen und Abdallah II. und sein Land zum Abschuss frei gegeben.
Es ist ebenfalls denkbar, dass Abu Musab al-Sarkawi, der Führer der irakischen Qaida-Filiale, sich als Drahtzieher der Attacke entpuppt - er ist gebürtiger Jordanier und hat schon in der Vergangenheit Anschläge in dem 4-Millionen-Einwohner-Staat geplant und durchführen lassen. Zwei Mal wurde er deshalb in Abwesenheit zum Tode verurteilt, er ist der Staatsfeind Nummer 1 in Jordanien. Zurzeit laufen noch Prozesse gegen ein gutes Dutzend Sarkawi-Anhänger in Amman, die im vergangen Jahr einen massiven Anschlag gegen die Geheimdienstzentrale geplant hatten. Auch Chemikalien sollten dabei zum Einsatz kommen, nach Angaben einiger Ermittler hätten sie zigtausende Menschen getötet. Andere indes erklärte, die geplante Anschlagsmethode hätte gar nicht funktioniert. Spätestens seitdem galt das Land als gefährdet.
Anschlag wegen Israel-Besuch des Königs?
Noch vor wenigen Monaten hatte der jordanische Terrorexperte Fuad Hussein im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erläutert, dass für Sarkawi sein Heimatland noch immer ganz oben auf der Liste der Ziele stehe. Der Irak, so der Autor eines Buches über Sarkawi, sei für den Terroristen wie ein Sprungbrett, um auch in Jordanien zuzuschlagen und das Land zu destabilisieren. Es ist noch nicht einmal drei Monate her, da war Jordanien zuletzt Anschlagsziel: Terroristen feuerten Mitte August mehrere Katjuscha-Raketen von der Hafenstadt Akaba aus auf ein im Hafen liegendes US-Kriegsschiff; Sarkawi bekannte sich zu der Tat, die einen jordanischen Soldaten das Leben kostete.
Seit Jordanien Mitte der Neunziger Jahre Frieden mit Israel schloss, wird der Staat von Islamisten des Verrats und der Willfährigkeit gegenüber den USA bezichtigt. Für den Jahreswechsel 1999/2000 hatten militante Islamisten deshalb den so genannten "Millenium-Plot" ausgeheckt, um ein blutiges Zeichen zu setzen: Unter anderem sollten die Taufstelle Jesu Christi am Jordanufer, eine christliche Pilgerstätte am Berg Nebo und das Radisson-SAS-Hotel angegriffen werden. Die Anschläge konnten seinerzeit in letzter Minute verhindert werden, das Radisson-Hotel wurde heute indes erneut zum Ziel. Im Jahr 2002 wurde dann mitten in der Hauptstadt ein US-Diplomat erschossen; auch hier wird Sarkawis Gruppe der Urheberschaft verdächtigt.
Dass die Anschläge gerade heute stattfanden, ist vermutlich kein Zufall. Schon oft hat al-Qaida Anschlagszeitpunkte unter symbolischen Gesichtspunkten ausgewählt. In den kommenden Tagen wollte der jordanische König einen Besuch in Israel und den besetzen palästinensischen Gebieten abstatten - für seine islamistischen Kritiker eine Provokation. Außerdem hält sich zurzeit der Uno-Generalsekretär Kofi Annan im Nahen Osten auf; in den kommenden Tagen wollte er Amman aufsuchen. Auch die Uno zählt für Islamisten zu den Feindbildern. Dass die Ziele vor allem von Touristen frequentierte Hotels waren, passt ebenfalls ins Bild: Der Tourismus ist die Lebensader des bitterarmen und schwer verschuldeten Königreichs.