Terror-Welle Blutrausch im Irak
Kerbela - Es waren die schwersten Anschläge im Irak seit mehreren Monaten. Das erste Attentat ereignete sich in der den Schiiten heiligen Stadt Kerbela, rund 110 Kilometer südwestlich von Bagdad. Ein Attentäter zündete seinen Sprengstoffgürtel in einer belebten Straße unweit des Imam-Hussein-Schreins, einem der wichtigsten Orte für Schiiten in der Stadt. Der Mann habe sieben bis acht Kilogramm TNT-Sprengstoff am Körper gehabt, teilte die Polizei mit.
TV-Sender zeigten Blutlachen in den Straßen. Am Boden lagen Trümmer. Passanten luden Verletzte in Autos und auf Lastwagen, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Eine in schwarz gekleidete Frau weinte und drückte ihr verletztes Baby an sich.
Bei der Explosion wurden mindestens 51 Menschen getötet und 138 verletzt. Erst vor zwei Tagen war die Stadt Schauplatz von Gewalt, nachdem es dort fast ein Jahr lang relativ ruhig geblieben war. Im März 2004 waren in der Stadt bei koordinierten Selbstmordanschlägen während eines religiösen Festes mehr als 90 Menschen getötet worden. Dahinter vermuten die Behörden den Chef der al-Qaida-Gruppe im Irak, den Sunniten Abu Mussab al-Sarkawi.
Nur Stunden nach dem Anschlag in Kerbala sprengte sich in der vor allem von Sunniten bewohnten Stadt Ramadi ebenfalls ein Attentäter in die Luft. Die Tat galt einmal mehr der irakischen Polizei sowie dem Militär. Der Anschlag ereignete sich nach Polizeiangaben inmitten einer Gruppe von Polizisten und Rekruten. Die Zahl der Opfer verdoppelte sich nach Angaben von Ärzten im Laufe des Tages: Demnach wurden mehr als 60 Menschen getötet und mindestens 70 verletzt.
Wenige Stunden später gab es auch in der Hauptstadt Bagdad mehrere Bombenexplosionen. Fünf US-Soldaten kamen dort ums Leben, weil eine Bombe an einer Straße neben ihrem Fahrzeug detonierte. Bei einer Bombenexplosion in der Stadt Nadschaf wurden zwei US-Soldaten getötet.
Bereits am Mittwoch waren bei offenbar koordinierten Attentaten im ganzen Land mindestens 58 Menschen getötet worden. Die Hoffnungen auf einen Start in ein friedlicheres Jahr 2006 erfüllten sich für den Irak damit nicht: In den fünf Tagen des neuen Jahres wurden bei Anschlägen bereits mehr als 225 Menschen getötet und 280 verletzt.
Seit den Parlamentswahlen vom 15. Dezember, bei denen die Schiiten und Kurden als Sieger hervorgingen, war es zunächst weitgehend ruhig geblieben. Die jetzige Serie von Anschlägen dürfte die Spannungen zwischen den religiösen Gruppen im Irak weiter verstärken.
Von den Verhandlungen der irakischen Parteien, die nun trotz aller Vorbehalte und Wahlfälschungsvorwürfe versuchen, eine Regierung der Nationalen Einheit zu bilden, lassen sich die Selbstmordattentäter und ihre Hintermänner offensichtlich nicht beeindrucken. Auch die Zahl der Videos verzweifelter Geiseln, die im Fernsehen um ihr Leben flehen, hat seit der Parlamentswahl vor drei Wochen nicht abgenommen.
Seit dem Sturz von Präsident Saddam Hussein dominieren die Schiiten zusammen mit den Kurden die irakische Politik. Viele Sunniten fühlen sich daher ausgegrenzt und hegen eine große Ablehnung gegen die Regierung in Bagdad und die US-Truppen, die sie als Besatzer ansehen. Die Ergebnisse der jüngsten Parlamentswahlen werden von führenden sunnitischen Politikern als gefälscht bezeichnet.
Schon vor Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses wird nun über die Bilung einer Konsens-Regierung verhandelt. Dazu sollen neben den religiösen Schiiten-Parteien und den Kurden diesmal auch einige Sunniten und die säkulare Allianz des Schiiten Ijad Allawi gehören.