Terrorismus: Bin Ladens Oklahoma-Connection - DER SPIEGEL
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Terrorismus Bin Ladens Oklahoma-Connection

Eine alte Theorie bekommt wieder Aufwind: War al-Qaida in den Bombenanschlag von Oklahoma City 1995 verwickelt? Bisher galt das Attentat als das alleinige Werk zweier rechter US-Waffennarren. Doch jetzt gibt es neue Zweifel an dieser offiziellen Version.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Sie nennen sie die "Königin des Südens". Cebu City, die älteste Stadt der Philippinen, ist heute nicht nur Universitätssitz und Wirtschaftszentrum, sondern auch eine der beliebtesten Touristenattraktionen des Inselstaates. Jedes Jahr strömen Millionen Besucher nach Cebu, um die Tempel, Strände und feinen Golfplätze am Pazifik zu genießen.

In der letzten Novemberwoche 1994 befanden sich darunter auch ein Amerikaner und ein Exil-Iraker. Der Amerikaner besuchte seine Ehefrau, eine philippinische "Katalogbraut". Der Exil-Iraker traf sich mit alten Freunden in Cebu. Beide Männer wurden gleichzeitig an Cebus Southwestern University gesichtet, wo sowohl die Gattin des Amerikaners als auch die Freunde des Irakers studierten. Beide Männer hatten ihre Visa in derselben Woche beantragt. Beide Männer buchten denselben Rückflug nach Los Angeles, Northwest Airlines Flug 30.

Und hier wird die Geschichte spannend. Der Amerikaner war Terry Nichols, der sich fünf Monate später in die Geschichte einschrieb, als Komplize beim Bombenanschlag von Oklahoma City, einer angeblichen Einzelaktion zweier rechtsextremer US-Waffennarren. Der Exil-Iraker war Ramsi Ahmed Jussuf, der Drahtzieher des ersten Attentats auf das World Trade Center von 1993 - ein islamischer Fundamentalist und Bombenbauer unter Obhut des Qaida-Gründers Osama Bin Laden.

Ouvertüre zum 11. September 2001?

Die zeitgleiche Anwesenheit der beiden in Cebu ist unumstritten. Heiß debattiert dagegen wird eine Folgetheorie, die Insider seit Jahren fasziniert: Kannten sich Nichols - rechte Hand des hingerichteten Oklahoma-Haupttäters Timothy McVeigh - und Jussuf? Trafen sie sich in Cebu City? War der bis dahin schwerste Terrorakt auf US-Boden nicht nur das Werk zweier heimischer Fanatiker, wie bisher behauptet? Steckte auch dahinter al-Qaida?

Oder, drastischer gefragt: War Oklahoma City eine Ouvertüre zum 11. September 2001?

Jetzt hat diese brisante Theorie frische Nahrung bekommen. Und zwar gleich mehrfach. Zum einen von der investigativen Journalistin Jayna David, die in ihrem neuen Buch "The Third Terrorist" die Nichols-Jussuf-Spur akribisch nachzeichnet. Zum anderen von einem, der es wissen muss: von Richard Clarke, dem langjährigen Anti-Terror-Koordinator des Weißen Hauses, der mit seinem Auftritt vor dem 9/11-Ausschuss und seinem Vorwurf, die US-Regierung habe die al-Qaida-Gefahr absichtlich verschlafen, für weltweite Schlagzeilen gesorgt hat.

In seinem Enthüllungs-Bestseller "Against All Enemies" hält auch Clarke, ein intimer Kenner der Szene, die Qaida-Oklahoma-Connection nach langer Spekulation endlich für offiziell nennenswert: "Ich konnte sie nie widerlegen", schreibt der Mann, über dessen Schreibtisch alle Ermittlungsakten gingen. "Was wir definitiv wissen ist, dass Nichols' Bomben nicht funkionierten, bevor er auf die Philippinen flog, und tödlich waren, nachdem er zurückkehrte."

Als rassistisches Vorurteil begraben

Jayna Davis' fast zehnjährige Recherchen, verbunden mit der - zufälligen? - Fußnote eines der renommiertesten, angesehensten Terrorexperten der USA, lassen aufhorchen. Prompt griff auch der Untersuchungsausschuss zu den Anschlägen von 2001 die Fährte von Oklahoma City nach Südostasien auf. Ob er davon wisse, fragte Ausschussmitglied John Lehman den FBI-Chef Louis Freeh am Dienstag. Der antwortete ausweichend: Ja, er kenne die Verbindung "zwischen Ramsi Jussuf und diesem Terrorakt". Mehr wolle er dazu aber nicht sagen, wegen des zurzeit laufenden, zweiten Gerichtsverfahrens gegen Nichols.

Dabei ist die al-Qaida-Variante kaum Neuland. Das FBI begann sie schon am 19. April 1995 zu verfolgen, dem Tag des Oklahoma-Attentats. Nur Stunden nachdem McVeighs Mietlaster vor dem Murrah Federal Building explodiert war und 168 Menschen in den Tod gerissen hatte, sagte ein in New York inhaftierter Qaida-Mann aus, Jussuf sei der wahre Hintermann. Zugleich begann das FBI das Phantombild eines McVeigh-Komplizen ("John Doe 2") mit "nahöstlichen Gesichtszügen" zu verbreiten, den Zeugen am Tatort gesehen haben wollten.

Doch binnen Tagen war davon keine Rede mehr. McVeigh und Nichols wurden gefasst, die mutmaßlichen Nahost-Hinweise umgehend als rassistisches Vorurteil begraben. Nur die üblichen Verschwörungs-Fans und McVeighs Verteidiger Stephen Jones blieben dran - sowie eine Handvoll investigativer Journalisten.

Rechtsextreme mit islamischem Flankenschutz

Zum Beispiel eben Jayna Davis, die damals für den lokalen Fernsehsender KFOR über den Anschlag berichtete. Ihr Fazit, nach einem Jahrzehnt einsamer Recherche: Die Attentate von 1993 und 1995 seien direkt miteinander verbunden - durch die Achse Nichols-Jussuf: "Der Terrorist, der die Platzierung eines Ryder-Trucks mit einer gewaltigen Dünger-Treibstoff-Bombe in Amerikas Finanzdistrikt organisierte, orchestrierte wahrscheinlich auch einen ähnlich durchgeführten Anschlag in Oklahoma City."

Selbst der frühere CIA-Direktor James Woolsey ist von diesem Verdacht zusehends fasziniert: Die "Beweislast", sagt er, liege inzwischen eindeutig bei denen, die darauf beharrten, dass McVeigh und Nichols alleine gehandelt hätten, ohne Flankenschutz islamischer Extremisten.

Terry Nichols' Drähte in die Philippinen sind gut dokumentiert. Zwischen 1989 und 1995 flog der Hilfsfarmer und Waffensammler mindestens fünfmal nach Manila und Cebu, der zweitgrößten Stadt des Landes. Über eine Katalogvermittlung fand er dort schließlich eine philippinische Ehefrau, Marife Torres, damals 17. Doch die örtliche Touristenführerin Daisy Legaspi berichtete noch von einem weiteren Ansinnen: "Terry fragte mich, ob ich jemanden kenne, der weiß, wie man Bomben baut."

Erstes Kapitel eines Horrorplans

Dass er dabei schließlich dem Qaida-Bombenbastler Jussuf über den Weg gelaufen sei, ist keine so abwegige Annahme. Jussuf, der eigentlich in New Jersey wohnte, war ebenfalls ein häufiger Besucher in den Philippinen. Er hatte ein Appartement in Manila, in dessen Gästebuch sich mehrfach ein Besucher namens "Nick" fand. Auch tauchte Jussuf immer wieder in Cebu auf, wo Terrorpate Bin Laden begonnen hatte, Nachwuchsterroristen zu rekrutieren. Einige dieser Extremisten wohnten in derselben Siedlung wie Nichols' Gattin Marife und zeitweise auch Terry Nichols selbst. Es sei gut möglich, sinniert Clarke, dass Jussuf "Nichols beigebracht hat, wie er das Federal Building in Oklahoma City in die Luft sprengen kann".

Ein weiterer Fingerzeig: Das einzige Telefon dieser dubiosen Siedlung, wo Nichols vorübergehend unterkam, befand sich in einem Holzunternehmen, das Anwohner seither mit einer Bin-Laden-Tarnfirma in Verbindung gebracht haben. Später fand das FBI eine Telefonkarte, mit der Nichols aus Oklahoma 78-mal in diesem Holzlager angerufen hatte, zum letzten Mal knapp zwei Stunden vor seiner Verhaftung. Zu dem Zeitpunkt lebte seine philippinische Frau aber längst in den USA.

Jussufs Attentat auf das World Trade Center 1993 sollte nur das erste Kapitel eines elaborierten Horrorplans sein: Der Bin-Laden-Vertraute, so offenbarte sein US-Prozess 1998, habe auf lange Sicht vorgehabt, "kommerzielle Flugzeuge zu entführen" und auf Ziele innerhalb der USA zu stürzen, darunter "die CIA-Zentrale, das Pentagon und ein Atomkraftwerk". Zweiter Akt sollte ein in letzter Minute vereiteltes Terror-Projekt namens "Bojinka" sein, bei dem Jussuf elf Jumbos über dem Pazifik in die Luft sprengen wollte. Die erste Bombe sollte am 21. Januar 1995 hochgehen - exakt der Tag, an dem Terry Nichols letztes Visum für die Philippinen ablief.

"Grelle Fragen unter den Teppich gekehrt"

Fragen, Zufälle, Vermutungen. Zweifler sehen die Qaida-Theorie allein dadurch widerlegt, dass sie bisher niemand zu einem konkreten, wasserdichten Plot verdichten konnte. Den Schuldigen dafür will der konservative Star-Staatsanwalt David Schippers in der Regierung ausgemacht haben, die das Komplott aus "unerklärlichen Gründen" bis heute vertusche: "Die grellen Fragen, die unbeantwortet blieben, wurden unter den Teppich gekehrt und ignoriert." Zum selben Schluss kommt auch Davis: "Das FBI hatte offensichtlich keine Absicht, der Nahost-Komplizität nachzugehen."

Jussuf, in Pakistan gefasst, und Nichols sitzen beide längst in lebenslanger Haft, der eine für den Anschlag von New York, der anderen für den von Oklahoma City. Zeitweise befanden sie sich sogar im selben Hochsicherheitstrakt. Sie streiten ab, sich vor 1995 gekannt zu haben.

Mehr dazu dürfte in den kommenden Wochen in einem kleinen Verhandlungssaal im Ort McAlester in Oklahoma ans Licht kommen. Hier steht Nichols seit März erneut vor Gericht, diesmal als Angeklagter des Bundesstaates und nicht, wie zuvor, der Regierung in Washington. Die Ankläger streben, wie bei Timothy McVeigh, die Todesstrafe an.

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