Terrorismus Deutsche im Irak entführt
Berlin - Laut der ARD-"Tagesschau" wurde die Frau bereits am vergangenen Freitag zusammen mit ihrem Fahrer von Unbekannten verschleppt. Für die Erfüllung der Forderungen gibt es laut ARD ein Ultimatum mit einer sehr "knappen zeitlichen Einschränkung".
Nach Angaben des TV-Senders N24 handelt es sich bei der Geisel um die 43 Jahre alte Archäologin Susanne Osthoff aus dem bayerischen Glonn (Kreis Ebersberg). Sie sei kurz nach Mitternacht telefonisch über das Verschwinden ihrer Tochter informiert worden, sagte die in Rott am Inn lebende Mutter von Susanne Osthoff am Morgen dem Sender. Die Mutter der Entführten sagte weiter, ihre Tochter liefere "seit Jahren" Medikamente für eine Organisation, die sich "Direkthilfe Irak" nenne. Sie zähle auf die Bundesregierung bei der Befreiung der Tochter.
Die Tochter sei Archäologin in der Region gewesen, durch die Kriege seien aber ihre "Pläne durchkreuzt" worden, sagte Ingrid H. weiter. Schon zur Zeit des ersten Golfkriegs 1991 habe die Tochter Medikamente in den Irak gebracht. Sie habe auch in Krankenhäusern geholfen. Die Mutter wurde nach eigenen Angaben lediglich davon unterrichtet, dass ihre Tochter entführt ist. Mehr wisse sie nicht. Ihre Tochter habe sie seit etwa fünf Jahren nicht mehr gesehen. Die Tochter sei schon als junge Frau oft im Irak gewesen und spreche fließend arabisch. Sie habe schon immer "Interesse für die Leute, die Kultur und das Land" gehabt.
Susanne Osthoff hat einen Studienabschluss in vorderasiatischer Archäologie, Semitistik und Osteoarchäologie. Sie hat mehrere Studien- und Ausgrabungsreisen in die Türkei, nach Syrien, Tunesien, Jordanien, Algerien, Marokko, Ägypten, in den Irak und den Jemen unternommen. Seit 1998 arbeitet Osthoff als Beraterin, Organisatorin und Trainerin für das Unternehmen Faktor M. im Bereich Interkulturelles Management.
Zeitung: Schon früher im Visier von Sarkawi
Laut Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" soll sie schon im Sommer im Visier von Terrorgruppen gewesen sein. Nach Angaben des Blattes gab es ernste Drohungen gegen die 43-Jährige. Zu diesem Zeitpunkt habe sie sich in der nordirakischen Stadt Mossul aufgehalten. Osthoff hatte im Oktober der "Neuen Osnabrücker Zeitung" in Bagdad gesagt, dass sie Entführungsdrohungen aus Kreisen des irakischen al-Qaida-Chefs Abu Mussab al-Sarkawi erhalten habe. US-Soldaten hätten sie damals aus Mossul nach Bagdad in die "Grüne Zone" in Sicherheit gebracht.
Nach Informationen der Zeitung wollte die Bayerin in der nordirakischen Stadt Arbil ein deutsches Kulturzentrum aufbauen. Diesbezüglich habe sie bei der deutschen Botschaft in Bagdad sowie mit der kurdischen Regionalregierung Gespräche geführt. Die Frau sei mit einem Iraker verheiratet gewesen. Beide seien aber schon lange getrennt. Die gemeinsame Tochter lebe in einem Internat in Süddeutschland.
Krisenstab tagt
"Wir tun alles, um die körperliche Unversehrtheit der Frau sicherzustellen", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes (AA) am frühen Morgen in Berlin. Seit dem Wochenende arbeite ein Krisenstab in Berlin unter der Leitung des krisenerfahrenen Staatssekretärs Klaus Scharioth. "Wir arbeiten mit allen relevanten Stellen im Irak zusammen, um das Schicksal (der Frau) zu klären." Oberste Priorität habe das Leben der Betroffenen. Zur Stunde erörtert das Bundeskabinett unter Leitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Lage. Um 11 Uhr will Merkel vor die Presse treten.
Die ARD hat ein Video mit Bildern der Entführten und ihrer Kidnapper erhalten. Der Sender strahlte das Band aber nicht aus, veröffentlichte jedoch ein Standbild. Darauf ist eine kniende Person zu sehen, die als die entführte Frau identifiziert wurde. Neben ihr sitzt demnach ihr Fahrer, offenbar mit gesenktem Kopf und den Händen auf dem Rücken. Beide haben die Augen verbunden. Um sie herum stehen drei vermummte Männer mit Waffen. Einer davon scheint etwas von einem Blatt abzulesen. Im Hintergrund ist nur eine helle, konturlose Fläche wie eine Wand zu sehen.
Deutschland ist nicht am Irak-Krieg beteiligt. Es werden lediglich einige irakische Polizisten von deutschen Experten außerhalb des Landes ausgebildet. Ansonsten beschränken sich die Beziehungen beider Länder auf wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit.
Im Irak wurden bisher etwa 200 Ausländer entführt, bisher aber keine Deutschen. Zuletzt wurde am Wochenende die Verschleppung von zwei Kanadiern, einem US-Bürger und einem Briten bekannt. Nicht in allen Fällen liegt ein Bekennerschreiben oder -Video vor. Von den ausländischen Geiseln ist die Tötung von 52 bekannt, davon 41 im Jahr 2004 und elf 2005.
Die Forderungen der Entführer müssen nach Ansicht des SPD-Außenpolitikers Hans-Ulrich Klose zurückgewiesen werden. "Man muss ihnen klar machen, dass es Forderungen gibt, die inakzeptabel sind", sagte Klose im Deutschlandfunk. Man müsse sehen, was das Motiv hinter der Entführung sei. Deswegen müsse jetzt versucht werden, mit den Entführern in Kontakt zu treten. Dabei werde die Regierung vermutlich alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen.
Bislang hat die Bundesregierung seiner Einschätzung nach vernünftig reagiert: "Sie hat einen Krisenstab gebildet und sie spekuliert nicht allzu viel in der Öffentlichkeit, was in solchen Fällen - wie man weiß - nicht hilfreich ist."