Terrorismus: Die olympischen Ziele - DER SPIEGEL
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Terrorismus Die olympischen Ziele

Festnahmen, Razzien, ausgehobene Terrorcamps: Chinas Sicherheitsbehörden warnen vor Anschlägen von Terroristen während der Spiele von Peking - und meinen damit Muslime aus der Provinz Xinjiang. Doch Experten glauben, dass Peking die Terrorgefahr mit Absicht übertreibt.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Explosionen und Schusswechsel; chemische, biologische oder gar nukleare Sprengsätze; dazu Entführungen oder Brandstiftung: Dies ist eine Auswahl der 39 verschiedenen Arten von Terroranschlägen, vor denen die chinesischen Behörden die Einwohner der Hauptstadt Peking derzeit warnen.

Ein "Anti-Terror-Handbuch" hält Ratschläge bereit, wie man sich im Ernstfall verhalten soll. "Wenn Sie von Kidnappern entführt werden, sollten sie Ihr Handy verstecken", heißt es etwa in der Broschüre. "Wenn Sie etwas Verdächtiges sehen, untersuchen Sie es zuerst, lauschen Sie, dann riechen Sie daran. Aber vermeiden Sie eine Berührung."

Noch ist unklar, wie viele Exemplare der Fibel verteilt werden sollen. Aber kein Zweifel besteht daran, dass das chinesische Regime die Sorge vor einem Terrorangriff überaus ernst nimmt. So haben die Behörden eigens 40 neue Anti-Terror-Einheiten mit 100.000 Beamten geschaffen, die im Notfall innerhalb von zehn Minuten an jedem Punkt in Peking sein können. Rund um die Stadt wurden kaum verhohlen Boden-Luft-Raketen stationiert.

Werden das die Panikspiele von Peking?

Eines ist klar: Wer sich bei der Einschätzung der Bedrohung des Weltsportfestes allein auf die Verlautbarungen der chinesischen, staatlichen Presse verlässt, dem könnte mulmig werden: Alle paar Wochen, manchmal auch im Abstand weniger Tage werden Festnahmen mutmaßlicher islamistischer Terroristen vermeldet, die möglicherweise auch die Olympischen Spiele im Visier gehabt hätten. Fast immer zeigt der ausgestreckte Finger der chinesischen Regierung dabei nach Xinjiang - einer Provinz im Nordwesten des Riesenreiches. Xinjiang hat etwa 20 Millionen Einwohner, rund die Hälfte sind Muslime, von ihnen wiederum gut acht Millionen ethnische Uiguren.

Die Uiguren sind ein Turkvolk mit eigener Sprache. Xinjiang nennen sie "Ost-Turkistan", es wurde 1949 von China annektiert.

Die Uiguren streben einen autonomen Status an und werfen Peking vor, gezielt Han-Chinesen in der Provinz anzusiedeln, die dann bevorzugt behandelt würden. Tatsächlich ist der Anteil der Han-Chinesen von ursprünglich zwei auf heute gut 50 Prozent gestiegen. Ebenso richtig ist, dass die Muslime Xinjiangs in der Ausübung ihrer Religion beschnitten werden. So dürfen die Muezzine dort nicht von den Minaretten zum Gebet rufen, und Moscheebesuche unter 18 Jahren sind nicht erlaubt.

Uiguren in Guantanamo

Peking wiederum verortet in Xinjiang zahlreiche Separatisten, die, religiös radikalisiert, mit al-Qaida und Co. gemeinsame Sache machten. Nach dem 11. September 2001 sorgte Peking dafür, dass die Organisation East Turkestan Islamic Movement (ETIM) auf die Terrorlisten Washingtons und der Uno kam. Terrorexperten weltweit hegen allerdings Zweifel an der Maßnahme. Die obskure Organisation seit vor ihrer Listung unbekannt gewesen, schrieb 2004 lakonisch das Fachmagazin "Jane's Intelligence Review".

Auf der anderen Seite ist unbestritten, dass es islamistische Terroristen auch mit uigurischem Hintergrund gab und gibt.

Hasan Mahsum, der mutmaßliche ETIM-Chef, wurde 2003 von pakistanischen Soldaten in Süd-Waziristan getötet. Mahsum widersprach kurz vor seinem Tod zwar dem Vorwurf, seine Organisation habe Beziehungen zu al-Qaida. Es sei aber möglich, räumte er ein, dass Einzelne sich in den Lagern von Osama Bin Ladens Netzwerk hätten ausbilden lassen. Im US-Gefangenenlager Guantanamo saßen zeitweise 22 Uiguren fest, die von der US-Armee in Afghanistan und Pakistan gefangen genommen worden waren. Die meisten, so das Pentagon heute, seien allerdings unschuldig.

Die bisher konkretesten Drohungen gegen Olympia stammen von Ende Juli - da veröffentlichte die Islamische Partei Turkistan (IPT) eine Videoansprache ihres angeblichen Führers Saifullah. "Trotz der wiederholten Mahnungen der Islamischen Partei Turkistan an China und die internationale Gesellschaft, die 29. Olympischen Spiele abzusagen, haben die Chinesen unsere Warnungen ignoriert", sagt der vermummte Islamistenchef darin. "Unser Ziel ist, auf die kritischen Punkte zu zielen, die in Zusammenhang mit Olympia stehen. Wir werden versuchen, zentrale chinesische Städte anzugreifen und dabei Praktiken anwenden, die nie zuvor angewendet wurden."

Wie ernst die Warnungen zu nehmen sind, darüber gehen die Expertenmeinungen auseinander. Sicher ist: Die IPT hat bereits Sprengstoffanschläge mittleren Kalibers durchgeführt. Und erst vor wenigen Monaten rechtfertigte sie den Einsatz biologischer Waffen. Ob sie solches für Olympia plant und die entsprechenden Kapazitäten hat: Das aber weiß niemand.

Droht die wahre Gefahr von al-Qaida?

Das Band der IPT trug unterdessen den Titel "Unser gesegneter Dschihad in Yunnan", und die Islamistentruppe übernahm darin auch gleich die Verantwortung für zwei Sprengsätze, die in der Woche vor der Publikation in öffentlichen Bussen gezündet worden waren. Yunnan, eine Provinz im Süden Chinas, die an Vietnam, Burma und Laos grenzt, ist der zweite Unruheherd in dem Riesenreich neben Xinjiang, in den militante Muslime sich organisiert zu haben scheinen.

In Xinjiang starben nach offiziellen chinesischen Angaben zwischen 1990 und 2001 162 Menschen durch die Hände von Aufrührern. Für Yunnan sind keine Zahlen bekannt. Aber was soll man überhaupt mit solchen Angaben anfangen? Von Außen ist schwer zu beurteilen, wie viele der Opfer durch Anschläge oder durch militärische Konfrontationen oder bei Razzien ums Leben kamen. Ebenso unmöglich einzuschätzen, wie viele der angeblichen Militanten islamistisch inspiriert waren - und wie viele nationalistisch eingestellt oder von Autonomiebestrebungen beseelt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kam 2004 zu dem Schluss, dass Peking grundsätzlich jede ethnisch motivierte Handlung als terroristisch einstufe.

Angebliche Terrorlager gestürmt

Die prominentesten Verfechter uigurischer Autonomie, etwa die Bürgerrechtlerin Rebiya Kadeer, verneinen die Existenz eines bewaffneten Widerstands gegen Peking unterdessen. Kadeer, die es als Unternehmerin zur reichsten Frau Chinas gebracht hatte, lebt heute in den USA im Exil. Nur Autonomie, mehr fordere man nicht, erklärt sie. Jene, die einen eigenen Staat haben wollten, lebten gar nicht in Xinjiang, sondern im Ausland.

Je näher der Beginn der Olympischen Spiele rückt, desto mehr häuften sich Razzien und Festnahmen. Im Januar stürmten Sicherheitskräfte ein angebliches "Terrorlager" der ETIM an der Grenze zu Pakistan und Afghanistan. Kürzlich erklärte Peking, ein rundes Dutzend Terrorzellen sei soeben ausgehoben worden. Und Mitte Juli wurden erneut 82 mutmaßliche Terroristen verhaftet. Alle waren chinesische Muslime, die meisten aus Xinjiang. Praktisch jedes Mal wurde eine Verbindung zu den Olympischen Spielen suggeriert.

Im März kam es zu einem besonders spektakulären Zwischenfall: Eine Boeing 757 der "Southern China Airlines" musste auf dem Flug von Urumqi in Xinjiang nach Peking zwischenlanden. An Board war eine 19-jährige Uigurin überwältigt worden. Angeblich, so die Behörden, hatte sie mit Benzin gefüllte Getränkedosen an Board gebracht, um einen Anschlag während des Fluges durchzuführen. Die Crew, die die mutmaßliche Terroristen stoppte, habe 420.000 Yuan (Knapp 40.000 Euro) als Prämie erhalten, berichtete die "Welt".

Droht die wahre Gefahr von al-Qaida?

Etliche Terrorexperten weltweit gehen trotz solcher Ereignisse davon aus, dass China die terroristische Bedrohung aus dem Inneren übertreibt, um ein weiteres Argument zur Unterdrückung nationalistischer Bestrebungen in die Hand zu bekommen. Sie trauen den chinesischen Beteuerungen nicht.

Im April warnte derweil Ronald Noble, der Chef der Internationalen Kriminalpolizei Interpol, vor einem möglichen Terroranschlag während der Spiele von Peking. Allerdings nannte er al-Qaida als potentielle Bedrohung, nicht die ETIM oder militante Uiguren.

Droht die wahre Gefahr also möglicherweise von Bin Laden und Co.? Natürlich werden Großereignisse wie Olympia, genau wie auch Welt- oder Europameisterschaften im Fußball, von den jeweiligen Sicherheitsbehörden als mögliche Ziele genannt - schon weil so viele Menschen an einem Ort versammelt und die Kameras der Welt auf die Stadien gerichtet sind.

Doch auch hier mahnen etliche Terroranalysten zur vorsichtigen Gelassenheit. Ein Grund ist, dass Anschläge auf Sportfans sich schlecht religiös begründen lassen. Schon nach den Terroranschlägen von London um Juli 2005 kehrten viele Sympathisanten al-Qaida den Rücken, weil sie die U-Bahn-Passagiere nicht als legitimes Ziel akzeptieren konnten. Der zweite Grund ist, dass China nicht eben weit oben auf dem Katalog der von al-Qaida identifizierten Feinde steht. In den Internet-Diskussionsforen, in denen sich Cyber-Dschihadisten tummeln, und wo Debatten häufig anzeigen, was die Szene besonders umtreibt, ist Olympia bislang kaum Thema - ebenso wenig wie China überhaupt.

Peking ficht das alles nicht an. Noch Ende Juli berichtete Rabiya Kadeer, die vom Regime als "Terroristin" verfemte Präsidentin des Uigurischen Weltkongresses, von einer Ausweitung der Unterdrückungskampagne: Erschießungen und Massenfestnahmen habe es in Xinjiang gegeben.