Terrorismus: Qaida im Irak e.V. - DER SPIEGEL
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Terrorismus Qaida im Irak e.V.

Memos, Videos, Spionagematerial: Irakische Qaida-Gegner haben ein gigantisches Konvolut erbeuteter Dokumente aus dem Inneren des Terrornetzwerks an CNN weitergereicht. Es verrät viel über Denken und Struktur der Qaida-Filiale im Zweistromland in den Jahren 2005 und 2006.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Ab einer bestimmten Größe benötigt ein Terrornetzwerk mehr als nur Kämpfer. Irgendjemand muss die Verwaltungsarbeit erledigen, Waffen, Fahrzeuge und Geld zuteilen, Bewerbungsgespräche führen und Agentenberichte dokumentieren. Doch weil solcherlei Arbeit eine Papierspur erzeugt, die das Netzwerk potentiell in Gefahr bringt, versuchen Terroristen in der Regel, die Dokumentation auf ein Minimum zu beschränken.

Bei der Qaida-Filiale im Irak war das zumindest zeitweise anders: Tausende Seiten Unterlagen und Hunderte Stunden Videomaterial aus den Jahren 2005 und 2006 lagerten die Terroristen an einem einzelnen Ort - und zwar ausgerechnet im Unterschlupf des Qaida-Sicherheitschefs für die Anbar-Provinz.

Vor anderthalb Jahren wurde der Mann mit dem Kampfnamen Faris Abu Azzam von irakischen Qaida-Gegnern getötet, die die USA unterstützen. Das erbeutete Konvolut gaben die Kämpfer an die US-Armee weiter - und an den US-TV-Sender CNN. Dessen Reporter Michael Ware hat die Dokumente jetzt ausgewertet.  Sie erlauben einen interessanten Blick in Denken und Struktur der wohl wichtigsten Qaida-Filiale.

Zu den brisantesten Funden, von denen CNN berichtet, zählt das Schreiben eines Architekten an Abu Azzam. Der Mann bat um Erlaubnis, den Auftrag der US-Armee zum Bau von Bunkern in einer US-Militärbasis annehmen zu dürfen - versehen mit dem Angebot, dort für al-Qaida zu spionieren und Waffen zu stehlen. Zum Beweis seiner wahren Absichten schickte er die Bunker-Blaupausen gleich mit. Auch im irakischen Innenministerium hatte al-Qaida offenbar einen Maulwurf. Jedenfalls berichtet CNN von einer von dort stammenden Liste aller inhaftierten ausländischen Kämpfer.

Al-Qaida im Irak ist weitgehend irakisiert

Andere Fundstücke bestätigen, was man über al-Qaida im Irak bereits seit Längerem annahm: Dass das Netzwerk zum Beispiel lange Todeslisten seiner Gegner angelegt hatte oder dass Freiwillige, die sich al-Qaida anschließen wollten, Bewerbungsunterlagen ausfüllen mussten. Dass al-Qaida den Verbleib ihrer Fahrzeuge, Waffen und Finanzen dokumentiert, wird auch durch andere Quellen gestützt, etwa durch das erbeutete "Tagebuch" eines Qaida-Kaders, welches das Pentagon kürzlich veröffentlichte. 

Interessant wiederum ist, was die Funde über die innere Verfasstheit der Qaida-Filiale aussagen, die 2004 aus dem Netzwerk "al-Tawhid wa al-Dschihad" des Jordaniers Abu Musab al-Sarkawi hervorging, nachdem dieser sich dem Oberbefehl Osama Bin Ladens unterstellte. So berichtet CNN etwa, dass in dem Versteck auch 80 Hinrichtungsvideos gelagert worden waren; sie waren allerdings nicht für die Veröffentlichung bestimmt, sondern sollten als Beweismittel dafür dienen, dass bestimmte Personen ausgeschaltet worden waren.

Ebenso beweisen die Dokumente laut CNN, dass die Führungsspitze al-Qaidas im Zweistromland mittlerweile weitestgehend irakisiert ist.

Ausländische Kämpfer würden vor allem als Frontkämpfer und Selbstmordattentäter eingesetzt. Diese Irakisierung freilich ist ein Prozess, den schon Abu Musab al-Sarkawi absichtsvoll in Gang setzte, als er feststellen musste, dass seine Organisation im Iran deshalb an Zustimmung verlor, weil sie zu wenig auf den Irak fixiert war und zu viele arabische Ausländer in ihren Reihen hatte.

Auch interne Kritik lässt sich in den Unterlagen nachweisen. So hätten hochrangige Qaida-Kader ihrer Sorge Ausdruck verliehen, dass die öffentliche Hinrichtung von angeblichen "Sündern" und "Verrätern" das Ansehen der Organisation beschädigen könnte, denn die Exekutionen würden "auf die falsche Art, nämlich halb-öffentlich durchgeführt, so dass eine Menge Familien mit Vergeltung drohen..."

In der Tat halten Terroranalysten innerhalb und außerhalb von Nachrichtendiensten es mittlerweile für eine gesicherte Erkenntnis, dass das Image al-Qaidas im Irak unter der extremen Blutrünstigkeit ihrer Kader gelitten hat. Schon 2005 hatte Bin Ladens Stellvertreter Aiman al-Sawahiri öffentlich die Frage aufgeworfen, ob es wirklich nötig sei, dass Blut von Schiiten zu vergießen, denn man vergraule so seine Anhänger.

Memos schon aus den Neunzigern bekannt

Ein Qaida-Aussteiger bestätigte CNN gegenüber die Authentizität der Funde. Im Grunde zeigen sie vor allem eines: Dass al-Qaida im Irak kein völlig unkoordinierter Haufen von Freischärlern ist, sondern auch Kader hat, die etwas von Organisation verstehen.

Al-Qaida war stets eine verhältnismäßig gut organisierte Truppe. Mehrere Biografen Osama Bin Ladens führen das nicht zuletzt darauf zurück, dass der saudische Qaida-Gründer und -Chef von seiner Ausbildung her ein Geschäftsmann ist. Schon aus den Neunzigern sind Memos von und an Bin Laden bekannt, ebenso regelrechte Einstellungsverträge für Qaida-Kämpfer, in denen Urlaubstage und Gehalt festgeschrieben wurden.

Die Mutterorganisation al-Qaida war zudem streng hierarchisch organisiert, die "Schura", eine Art oberstes Beratungsgremium, stand an der Spitze der Pyramide, darunter folgten Unter-Schuras wie etwa das Medienkomitee, das Scharia-Komitee, die Sicherheitsabteilung, das Militär-Komitee und die Lager-Verwaltung.

Al-Qaida im Irak wiederum hat bereits vor fast zwei Jahren nominell einen "Islamischen Staat" ausgerufen, in dem sich diese Struktur spiegelt: Neben einem "obersten Amir" an der Spitze wartet das Phantasiegebilde mit zehn Ministerien auf, darunter sogar eines für Fischereiweisen.

Zugleich freilich bilden die Dokumente einen zwei Jahre alten Stand ab - und auch nur den in einer Provinz des Irak. Heute, das ergibt sich unter anderem aus der Zahl der Anschläge und der Todesopfer, ist al-Qaida im Vergleich schwächer. In ganzen Landstrichen sind die Terroristen durch die irakischen US-Verbündeten, meistens Stammeskämpfer, vertrieben worden. "Wir finden nach wie vor Dokumente wie diese", sagte ein nicht genannter US-Terroranalyst zu CNN. "Aber ich würde sagen, es werden weniger in dem Maße, in dem die Organisation schrumpft."

Wenn man al-Qaida im Irak jedoch nicht genau im Auge behalte, warnte ein hochrangiger US-Militär im Gespräch mit dem Sender, dann werde die Gefahr im alten Umfang zurückkehren.

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