Terrorkampf Indiens chinesische Mauer
Berlin - Beinahe unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat Indien bereits einen Großteil der Grenzbefestigung, die sich durch fünf indische Bundesstaaten schlängelt, gebaut. "60 Prozent des Zaunes sind mittlerweile fertig gestellt", sagte Damodar Sarangi von der "Border Security Force" (BSF) kürzlich einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Die BSF, eine Sondereinheit zur Grenzsicherung, koordiniert den vor sechs Jahren begonnenen Bau der Anlage.
Für die vier Meter hohen und mit Flutlicht beleuchteten Stacheldrahtzäune zahlt die indische Regierung laut einem Bericht der britischen "Times" rund 870 Millionen Euro. Mit über 4000 Kilometern wird der Grenzwall am Ende nur etwa 1000 Kilometer kürzer als die Große chinesische Mauer sein.
Der bisher fertig gestellte Teil des Schutzwalls habe bereits dazu geführt, dass sich die Zahl der illegalen Einwanderer um "schätzungsweise ein Fünftel" verringert habe, so Sarangi. Indische Beamten greifen allerdings laut dem Grenzer noch immer jedes Jahr 10.000 Illegale auf.
20 Millionen Bangladeschi in Indien
Doch die Zahl derer, die unbemerkt in das wirtschaftlich aufstrebende Nachbarland gelangen, schätzt nicht nur Sarangi um ein Vielfaches höher ein. Ein Teil der Aufgegriffenen sollen Schmuggler sein, beim Rest handelt es sich um verarmte Tagelöhner auf der Suche nach Arbeit. Neu Dehli geht davon aus, dass in Indien bis zu 20 Millionen Bangladeschi illegal leben.
Als Rechtfertigung für das teuere Mega-Projekt hat die Regierung des Landes, in dem noch immer die Hälfte aller Kinder unterernährt ist, eine angebliche Terrorgefahr seitens des Nachbarlands ausgemacht. "Wir sind ernsthaft besorgt über die Situation in Bangladesch. Sie stellt eine potentielle Gefahr für uns dar", ist Sarangi überzeugt. Mit den Menschen, "die verbotenerweise die Grenze überschreiten, kommen auch radikale Ideologien". Der indische Premierminister Manmohan Singh sagte im November, er sei "besorgt" über die Entwicklungen in einigen seiner Nachbarstaaten.
Die Regierung des östlichen Nachbarns bestreitet vehement, dass muslimische Fundamentalisten - mit sicherem Rückzugsgebiet in Bangladesch - Anschläge in Indien verüben. Allerdings wurde Bangladesch in jüngster Zeit von einer Welle von Attentaten heimgesucht: Islamisten versuchen dort einen Gottesstaat zu errichten. Doch auch in Indien gab es in der Vergangenheit zahlreiche blutige Zusammenstöße zwischen den rund 140 Millionen Muslimen und der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit.
Auf wenig Gegenliebe stößt der Grenzwall bei den im Niemandsland zwischen den beiden Ländern lebenden Indern. Etwa 100.000 Menschen wohnen und arbeiten in einer "internationalen Zone" hinter den Grenzzäunen. Nach deren Fertigstellung sind sie abgeschnitten vom indischen Militär und fürchten deshalb zukünftig vermehrt Übergriffe durch Truppen der Bangladeschi.
Ausgesperrt aus dem eigenen Land
"Wir sind aus unserem eigenen Land ausgesperrt", so ein Betroffener des Projekts gegenüber der "Times". Der Bauer fürchtet vor allem eine mögliche Krisensituation zwischen beiden Staaten. "Was ist, wenn es einen Notfall gibt und wir zurück ins Mutterland müssen? Was ist, wenn da niemand am Tor ist, um uns raus zulassen?", fragt er.
Nicht nur der Bau der Zäune sorgt im Osten des indischen Subkontinents für Verstimmungen. Nach einem Reuters-Bericht hat Indien im September diesen Jahres beschlossen, seine Truppen an der Grenze zu Bangladesch um 8000 auf insgesamt 53.000 Mann aufzustocken. Die Angst vor möglichen Konflikten kommt nicht von ungefähr. Vor vier Jahren kam es an der längsten Grenze in Südostasien zu Gefechten. Damals starben 16 Inder und drei Bangladeschi.