Thatcher-Geburtstag Die Eiserne Rebellin
London - Eine Reihe von Schlaganfällen vor drei Jahren hatte sie fast zum Verstummen gebracht und ein wenig scheu werden lassen. Es war also nicht wirklich erstaunlich, dass sofort böse Gerüchte umgingen, als ihre dunkle Limousine nicht pünktlich vor jenem roten Teppich stoppte, den das Mandarin Oriental Hotel im vornehmen Londoner Knightsbridge hatte ausrollen lassen, anlässlich der Feier zu ihrem 80. Geburtstag. Aber sie kam trotzdem. Mit 15 Minuten Verspätung. Und einer guten Ausrede: Der Präsident der Vereinigten Staaten hatte angerufen. Es mag sicherlich Gratulanten geben, die sympathischer sind, aber noch immer keinen, der mächtiger ist.
So groß ihre Bedeutung immer noch sein mag, als die Baroness Thatcher of Kesteren vorgestern Abend das Spalier der Fotografen abschritt, wurde klar, wie viel Mühe sie dieser Auftritt kostete: Klein waren ihre Schritte und auch ihre Handtasche schien nur noch eine Miniaturausgabe jenes Ungetüms zu sein, mit dem bewaffnet die Tochter eines Krämers aus dem mittelenglischen Grantham vor 30 Jahren die politische Bühne betrat, um Großbritannien zu reformieren. Sie hinterließ ein Land, das heute in Europa die geringste Arbeitslosenquote aufweist und das höchste Wirtschaftswachstum. Außerdem bereicherte sie die englische Sprache um zumindest ein Idiom - "to handbag" heißt nun auf der Insel: jemanden sehr grob behandeln.
"Sie lässt einen niemals schlafen"
Auch wenn Krankheiten und Gebrechen die Eiserne Lady dazu verurteilt haben, leiser zu werden, so schaffte es ihr Wille auch an ihrem 80. Geburtstag lauter zu sein als die vereinte Ärzteschaft, welche ihr geraten hatte, sich zu schonen und auf gar keinen Fall das Wort zu ergreifen. Als die Gläser gefüllt waren mit Champagner, die 685 Gäste "Happy Birthday" gesungen hatten, hielt Lord Carrington, ihr erster Außenminister eine Lobrede, die er abschloss mit den Worten : "Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen jemals das Vergnügen hatten, mit ihr zu reisen, aber es ist ein kompletter Albtraum. Wenn ich es mir recht überlege, ist Albtraum nicht das richtige Wort, weil man schlafen können muss, um überhaupt Albträume haben zu können. Und wie viele von Ihnen wissen, lässt Sie einen niemals schlafen."
Daraufhin erhob Thatcher ihr wie immer orkanfest frisiertes Haupt und entgegnete: "Peter Carrington war bekannt dafür, dass er oft für Ärger sorgte, aber selbst er musste zugeben, dass er überhaupt nicht wusste, was Ärger überhaupt sein kann, ehe er mich traf."
In der Tat war Margret Thatcher von Anfang an das exakte Gegenteil einer bundesrepublikanischen Konsenspolitikerin, und sie schämte sich nicht dafür. Sie hatte in Oxford studiert, hatte dazu eine Ausbildung als Steueranwältin absolviert und war der festen Überzeugung, dass die freie Entfaltung der Kräfte, harte Arbeit und der Erwerb von Eigentum am Ende besser für die eine Gesellschaft sind als ein Prozess stetiger Umverteilung. "Meine Politik gründet nicht auf irgendeiner wirtschaftlichen Theorie", pflegte Thatcher zu sagen, "sondern auf Grundsätzen, mit denen ich wie Millionen andere groß geworden bin: Ehrliche Bezahlung für ehrliche Arbeit, lege was beiseite für schlechte Zeiten, bezahle deine Rechnungen pünktlich, unterstütze die Polizei."
Zugegeben, das klang weder besonders brillant oder gar charmant und stand absolut entgegengesetzt zum libertinären Zeitgeist der siebziger Jahre, aber diese Art bodenständiger Common Sense war exakt das, was Großbritannien brauchte Anfang der achtziger Jahre, als die Insel dahinsiechte, ausgezehrt von andauernden Streiks, einer veralteten, hoch subventionierten Industrie, einer Inflationsrate von 13.5 Prozent und einer rasend zunehmenden Staatsverschuldung. So schlimm war es, dass sogar einer wie Bundeskanzler Helmut Schmidt glaubte, es handle sich "nicht länger um ein entwickeltes Land".
Politische Testamentsvollstreckung der Eisernen Lady
Mit der Privatisierung von Kolossen wie British Airways und British Steel, mit dem Verkauf von Sozialwohnungen an deren Besitzer, mit der Zurückdrängung sich milizhaft gebärdender Gewerkschaften, half Thatcher einen Volkskapitalismus zu entfachen, in dessen Verlauf die meisten Bürger wohlhabender wurden statt wie im Labour-Sozialismus ärmer.
Der Preis, den Großbritannien für diese Brachial-Reformen zu zahlen hatte, schien nicht nur hoch, er war es auch. Die Arbeitslosenzahlen wuchsen, als Thatcher ihr Werk begann von einer Million auf drei Millionen; die Kinderarmut nahm auf obszöne Weise zu; im Norden Englands entstand regionenweise industrielles Brachland. Aber am Ende hatte sie die Etablierung einer wettbewerbsfähigen Eigentümergesellschaft so durchgreifend auf den Weg gebracht, dass Tony Blairs New Labour die Revolution von "Attila the Hen" nicht bekämpfte, sondern auf ihr aufbaute und mit einem "Thatcherismus mit menschlichem Antlitz" drei Wahlen hintereinander gewann, so viel wie noch nie ein Premierminister in der Geschichte der Partei.
Als Gordon Brown auf dem Labour Parteitag vor drei Wochen sagte, er wolle ein Land mit Aktien- und Immobilienbesitzern, war das nichts anderes als eine Art konsequenter politischer Testamentsvollstreckung der Eisernen Lady.
So erfolgreich Thatcher das Land wirtschaftlich erneuerte, so wenig Talent bewies sie dabei, eine sympathische Erscheinung abzugeben. Die Liste ihrer unpopulären Maßnahmen ist lang: Sie begann damit, dass sie den Schulkindern die Gratis-Milch strich und endete mit einem Hinweis bezüglich ihres Stils der Kabinettsführung, nämlich, dass sie eigentlich gar nicht autoritär sei, solange man sich ihr nicht widersetzte. Vor 500 Jahren, wahrscheinlich, hätte man sie als Hexe verbrannt.
Kein Zweifel, sie war im Amt laut, schrill, meistens unversöhnlich, und ein Frauenkenner wie der Franzose Francois Mitterand bemerkte einmal, sie habe die Augen von Caligula, ehe er hinzufügte, aber den Mund von Marylin Monroe. Nur: Selbst ein unverbesserlicher Linksaußen wie der Labourabgeordnete Tony Benn bekennt heute, sie habe niemals durch leere Versprechen die Wähler getäuscht. "Jeder wusste immer, was sie vorhatte."
Die Eiserne Rebellin wurde trotzdem neben Winston Churchill zur herausragenden Führungsfigur der britischen Konservativen des vergangenen Jahrhunderts und noch heute ist ihr Schatten so lang, dass sich die Torys seit ihrem Abgang in einer permanenten Identitäts- und Personalkrise befinden. Den neuen vermeintlichen Hoffnungsträger, einen Burschen namens David Cameron, hat sie nicht einmal eingeladen am Donnerstag ins Mandarin Oriental. Der Eton-Zögling, der sich vom früheren US-Präsidenten Bill Clinton die "I can feel your pain"-Haltung abgeschaut hat und vom amtierenden George W. Bush das Label des heuchlerischen "Compassionate Conservatism", windet sich derzeit in der englischen Öffentlichkeit, weil er nicht zugeben will, bei wilden College-Partys Drogen genommen zu haben.
Dementieren möchte er deren Gebrauch aber auch nicht. Schließlich trägt seine Frau einen Delphin tätowiert über dem Fußknöchel und rühmt sich, dass ein Musiker namens Tricky ihr das Pool-Billiardspielen beigebracht hat.
Wie auch immer. Frauen mögen Cameron, und Lady Thatcher mag ihn nicht. Als die Jubilarin darauf angesprochen wurde, dass der Name des neuen "Tory Superstars" ("The Observer") auf der Gästeliste fehle, entgegnete Lady Thatcher bloß achselzuckend, sie kenne den Herrn kaum.
Das natürlich hatte, bei einer Party mit fast 700 Gästen, schon wieder echte Klasse.