Top-Terrorist gefasst: Ende einer langen Pinkelpause - DER SPIEGEL
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Top-Terrorist gefasst Ende einer langen Pinkelpause

Er plante einen zweiten 11. September, narrte Singapurs Behörden und floh aus einem Hochsicherheitsgefängnis - angeblich bei einer Pinkelpause. Jetzt wurde der islamistische Terrorplaner Mas Selamat in Malaysia erneut verhaftet.
Von Jürgen Kremb
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der in Singapur als unter Terrorverdacht gesuchte Mas Selamat Kastari ist in Malaysia gefasst worden. Dem 48-jährigen Indonesier wird vorgeworfen, einen Anschlag ähnlich wie jene vom 11. September 2001 geplant zu haben. Für viele Einwohner von Singapur kommt die Meldung überraschend, waren doch Gerüchte verbreitet, Mas Selamat sei längst tot - obwohl die Sicherheitsbehörden gemeldet hatten, ihm sei im Februar 2008 die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis gelungen.

In Wahrheit, so munkelte man, hätten die Sicherheitsbehörden den Staatsfeind, der als mutmaßlicher Planer einer ganzen Reihe von Bombenanschlägen einsaß, einfach zerstückelt und an Haie verfüttert. Es gibt zwar eigentlich gar keine Haie in den Gewässern Singapurs - doch diese Räuberpistole erschien auch nicht unglaubwürdiger, als die Version, die von der Regierung verbreitet wurde:

Der Terrorist sei während einer Pinkelpause aus dem Whitley-Hochsicherheitsgefängnis entkommen.Jetzt vermeldete Singapurs Presse stolz die erneute Verhaftung des Top-Terroristen. "Mas Selamat gefasst" titelte die regierungsnahe "Straits Times" - und widmete gleich die gesamte erste Seite dem spektakulären Fahndungserfolg. Bereits Anfang April sei Mas Selamat von einer Sondereinheit des malaysischen Geheimdienstes in Johor festgenommen worden, jenem malaysischen Bundesstaat, der im Norden an den Stadtstaat Singapur grenzt.

Er plante einen Anschlag wie am 11. September 2001

Die Festnahme, nur wenige Kilometer vom Whitley-Gefängnis entfernt, sei auf Hinweise von Fahndern aus Singapur erfolgt. Gegenwärtig werde der Mann, der einst geplant hatte, Passagierflugzeuge zu entführen und über dem Singapurer Flughafen Changi zum Absturz zu bringen, noch verhört. Erst danach werde über eine Auslieferung an Singapur verhandelt.

Mit der Festnahme geht eine der peinlichsten Pannen in der Geschichte der Singapurer Polizei doch noch halbwegs glimpflich zu Ende. Denn obwohl die Flucht gerade in Singapurs muslimischen Nachbarländern für Spott und Häme sorgte, ist der gerade mal 1,58 Meter große Mas Selamat, der überdies noch gehbehindert ist, alles andere als ungefährlich.

Der 1961 in Zentral-Jawa geborene Muslim war schon 1990 dem Terrordachverband Darul Islam ("Haus des Islam") beigetreten. Die Gruppe kämpft seit den fünfziger Jahren für die Errichtung eines islamischen Staates in Indonesien, der mit gut 200 Millionen Gläubigen größten muslimischen Nation. Nach Informationen des SPIEGEL bildet die Gruppe bis heute Terrorkommandos für die radikale Splittergruppe Jemaah Islamiah (JI) aus.

1992 trat Mas Selamat der JI-Untergrundzelle im Nachbarstaat Singapur bei. In den folgenden Jahren wurde er nach Afghanistan geschickt, um in Qaida-Lagern das Bombenbauen zu lernen. 1999 soll ihn der JI-General Hambali, der lange im US-Gefängnis Guantanamo einsaß, zum Chef der JI- Filiale des Stadtstaates gemacht haben. Wie gefährlich der gläubige Muslim ist, erfuhr die Singapurer Öffentlichkeit aber erst im April 2002.

Damals machte nämlich der gefürchtete Geheimdienst Internal Security Department (ISD) eine Gruppe von 13 JI-Mitgliedern dingfest. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt nicht nur genaue Pläne zum Angriff auf die amerikanische Schule und auf ein Bürohochhaus in Singapur ausgearbeitet, sondern wollten auch nach Vorbild des Anschlags vom 11. September 2001 ein Verkehrsflugzeug entführen und dann über dem internationalen Flughafen Singapurs zum Absturz bringen.

Ausbruch: Mit Klopapier durch das Gefängnisfenster

Mas Selamat zeichnete für diesen Terrorplan verantwortlich, konnte sich aber der Festnahme entziehen und flüchtete nach Indonesien. Dass ihm dort bei einem späteren Gefängnisaufenthalt ein Ausbruch gelang, hätte der Polizei in Singapur eine Warnung sein müssen. Doch ein Jahr, nachdem er 2007 an den Stadtstaat ausgeliefert wurde, gelangt dem JI-Anführer erneut die Flucht.

Nicht nur die Details, die in den Wochen danach von den Sicherheitskräften der Stadt nur häppchenweise und widerwillig verbreitet wurden, ließen allerhand Verschwörungstheorien aufkeimen. So habe der Islamist, der sich bei seiner früheren Flucht in Indonesien so schwer verletzt hatte, dass er auf einem Bein hinkt, einen Familienbesuch genutzt, um aus der Gefängnistoilette zu entkommen - doch das gab die Polizei damals erst nach Wochen bekannt. Kurz darauf sickerte durch, der Chefterrorist sei bei seiner Pinkelpause nur von einem muslimischen Polizistin bewacht worden. Seinen Sprung aus dem Toilettenfenster habe er mit Klopapierrollen abgefedert, die er sich in die Hosen gesteckt habe.

All das klang für das stets nach Perfektion strebende Singapur mehr als unglaubwürdig. Wenige Bürger wollten das glauben, was in der regierungsnahen Presse über die Flucht berichtet wurde. Und so hatten in Chatrooms und in Kaffeehäusern die wildesten Gerüchte darüber Hochkonjunktur, wie dem vermeintlichen muslimischen Ausbrecherkönig die Flucht in Wirklichkeit gelungen sei.

Glaubensbrüder hingen eher der Theorie an, dass Mas Selamat bei einem Verhör von herbeigerufenen CIA-Mitarbeitern zu Tode gefoltert worden sei. Chinesen schenken der angeblich "absolut zuverlässigen Insiderinformation" Glauben, dass der Mann von einem islamischen Terrorkommando freigepresst worden sei, im Austausch gegen ein Mitglied der Familie Lee. Ein Enkel von Staatsgründer Lee Kuan Yew sei nämlich bei einem Studienbesuch in den USA entführt worden. Um den jungen Mann - oder war es gar ein Mädchen? - vor dem sicheren Tod zu retten und den Deal zu kaschieren, habe man eben den kleinen Terroristen zum Ausbrecherkönig gemacht.

Der dilettantische Umgang der Behörden mit dem Debakel befeuerte nur noch die wilden Spekulationen. Acht Aufseher und der Leiter des Gefängnisses verloren damals ihren Job, doch Innenminister Wong Kan Seng, zuständig für Polizei, Gefängnisse und Geheimdienste ist noch heute im Amt.

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