Totalblockade Scharon riegelt besetzte Gebiete ab
Tel Aviv/Ramallah - Wenige Stunden, nachdem 18 Israelis einem palästinensischen Selbstmordattentäter zum Opfer fielen, hat die israelische Regierung am Samstag eine vollständige Blockade der Palästinensergebiete verfügt. Die vor zehn Tagen erklärte einseitige Waffenruhe Israels in den Gebieten wurde zwar offiziell nicht aufgehoben. Allerdings wurden am Samstag sämtliche Grenzübergänge zum Westjordanland und dem Gazastreifen geschlossen.
Der israelische Regierungschef Ariel Scharon erklärte die Palästinenserbehörde zu einer "Organisation, die Terrorismus unterstützt". Aus Furcht vor Vergeltungsschlägen der israelischen Armee evakuierten die Palästinenser alle öffentlichen Gebäude.
Bei dem Anschlag am Freitag kurz vor Mitternacht waren 18 junge Israelis ums Leben gekommen. Ein palästinensischer Extremist hatte sich vor einem Nachtlokal am Strand im Süden der Stadt unter eine Gruppe wartender junger Israelis gemischt und eine um seinen Leib geschnallte Bombe mit Nägeln und Munition gezündet. 120 Wartende erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Am Samstag schwebten immer noch mehrere Verletzte in Lebensgefahr.
Arafat verurteilt Gewalt ohne Einschränkungen
Nicht zuletzt auf massiven Druck von Bundesaußenminister Joschka Fischer kündigte Palästinenserpräsident Jassir Arafat nach dem Anschlag an, er werde "jetzt alles tun, um das Blutvergießen unseres und des israelischen Volkes zu verhindern und um einen sofortigen, bedingungslosen und echten Waffenstillstand zu verwirklichen". Gleichzeitig verurteilte er die Gewalt gegen die Israelis erstmals ohne Einschränkungen.
Auch US-Präsident George W. Bush, Uno-Generalsekretär Kofi Annan und Bundeskanzler Gerhard Schröder verurteilten das Attentat scharf. Die ägyptische Regierung sprach Israel ihr Mitgefühl aus.
Demonstranten fordern Vergeltung
Vor einer alten Moschee gegenüber dem Ort des Anschlags kam es zu gewalttätigen Demonstrationen aufgebrachter Israelis. Auch vor dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv, wo Scharon eine Sondersitzung seines Sicherheitskabinetts leitete, forderten hunderte Demonstranten Vergeltung für das Attentat.
Nach stundenlangen Beratungen ließen Regierungssprecher jedoch offen, ob Scharon mit Vergeltungsangriffen auf palästinensische Ziele reagieren werde. Aus Regierungskreisen verlautete, Israel wolle Arafat einige Stunden Zeit geben, die angekündigte Waffenruhe durchzusetzen. Ein Regierungssprecher bestätigte am Abend die Absage von Scharons geplanter Europareise, die ihn Anfang kommender Woche zunächst nach Berlin führen sollte.
Die Regierung kündigte eine totale Blockade der Palästinensergebiete an. Außerdem wolle man die Reisemöglichkeiten Arafats in Ausland beschränken. Die Stellungnahme Arafats, die erstmals auch vom palästinensischen Rundfunk und Fernsehen ausgestrahlt wurde, wurde von Regierungsvertretern mit Skepsis betrachtet.
"Erst wenn Arafat die Terroristen stoppt und seinen Sicherheitsdiensten und der Fatah befiehlt, die Feindseligkeiten einzustellen, werden wir zu den Verhandlungen zurückkehren", meinte der Politiker. Ein Anführer der radikalen Hamas-Organisation in Gaza lehnte eine Waffenruhe bereits ab, solange die "israelische Militäraggression gegen unser palästinensisches Volk weitergeht".
Fischer: Druck auf Arafat
Bundesaußenminister Fischer legte am Morgen nach dem Anschlag einen Blumenstrauß an dem Ort nieder, wo die jungen Israelis starben. Nach mehrstündigen Beratungen fuhr der Minister dann nach Ramallah, wo Arafat nach einem längeren Gespräch seine Erklärung abgab. Fischer sagte, er habe ihn zu einer eindeutigen Erklärung bewegt.
Arafat befürwortete in seiner Rede die Umsetzung des vor zwei Wochen veröffentlichten Mitchell-Reports. Der von einer Kommission unter dem früheren US-Senator George Mitchell abgefasste Bericht spricht sich unter anderem für ein Ende von Gewalt und Terror sowie einen Stopp des jüdischen Siedlungsbaus in den besetzten Gebieten aus.
Fischer, der am Sonntag mit Scharon zusammentreffen wird, sagte: "Wir stehen nun am Scheideweg, ob der Friedensprozess noch Zukunft hat oder ob wir in eine tragische Situation hineinschlittern."