Truppenschwund: Amerika einsam im Irak - DER SPIEGEL
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Truppenschwund Amerika einsam im Irak

Als die US-Truppen im März 2003 in den Krieg gegen Saddam Hussein zogen, hatten sie 38 Nationen an ihrer Seite. Aber die geschlossene Front bröckelt - reihenweise kommen in Europa Regierungen an die Macht, die den Irak-Einsatz ablehnen. Italien ist nur das jüngste Beispiel.
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Berlin - Als der neue italienische Ministerpräsident Romano Prodi seine Antrittsrede vor dem Senat hielt, sagte er etwas, was in der europäischen Bevölkerung viele von Anfang an gedacht haben: "Der Irakkrieg war ein schwerer Fehler." Die italienischen Truppen müssten abgezogen werden, man solle nicht mehr lange zögern, so Prodi.

Italien will raus aus dem Irak - andere sind diesen Schritt bereits gegangen.  "'Die Koalition der Willigen' - das war schon immer vor allem eine Kampagne der Amerikaner", sagt Joost Hiltermann des Londoner Think-Tanks International Crisis Group zu SPIEGEL ONLINE. Entweder sei es ideologische Nähe zu den USA gewesen, die Regierungen veranlasst hätte, am Irakkrieg teilzunehmen - oder "nicht selten einfach nur Druck". Aber während der Terminus "Koalition" vor drei Jahren immerhin noch deswegen passte, weil mehr als drei Dutzend Nationen, darunter große europäische Länder wie Polen, Spanien und Italien zusammen mit den USA kämpften, scheint er heute fast wie eine Farce.

Denn seit März 2003 ist viel passiert: Wie bei einem Dominospiel hat der Truppenrückzug der einen den der anderen angestoßen. Von den 38 Staaten, die fast 300.000 Soldaten für den Krieg im Irak stellten, haben sich bis heute zwölf aus der Koalition zurückgezogen. Zwar haben die Amerikaner mit ihrem riesigen Aufgebot von über 100.000 Soldaten von jeher die große Mehrheit gestellt, immer mehr aber stützt sich jetzt der vermeintlich breite multi-nationale Charakter der heute etwa insgesamt 158.000-Soldaten starken Koalitionstruppen auf die Minimal-Beiträgen von Ländern wie Aserbeidschan (150 Soldaten), der Mongolei (130) oder Bosnien und Herzegowina (36).

Anschlag in Madrid ließ Spanier umdenken

Genau wie die Italiener jetzt, haben die Spanier im Frühjahr vor zwei Jahren eine Regierung gewählt, deren Politiker den Irakkrieg von Beginn an ablehnte. Unter dem Eindruck der Terroranschläge von Madrid vom 11. März 2004 besiegelte das spanische Volk nur wenige Tage später den Wechsel vom Konservativen José Maria Aznar zum Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero. Es dauerte nur zwei Monate, bis Zapatero sein Wahlversprechen einlöste und die 1300 Soldaten des Landes vom Golf zurückholte. Fast zeitgleich verließen die kleinen lateinamerikanischen Kontingente aus Honduras, Nicaragua und der Dominikanischen Republik den Irak. Wenig später beugten sich die Philippinen einer Erpressung von Geiselnehmern und holten 50 Männer nach Hause.

Und die "Koalition der Willigen" bröckelte weiter: Im Frühjahr vergangenen Jahres kehrten die letzten von einst 1300 Niederländern dem Persischen Golf den Rücken, die Ukraine zog bis Ende 2005 alle Soldaten ab, die im Süden des Landes unter polnischem Kommando standen. Polen selbst reduzierte seine Truppen deutlich, einen Abzugsbeschluss der Linken revidierte die neue konservative Regierung in Warschau allerdings.

Dass nun auch Italien seine Truppen so schnell wie möglich nach Hause holen will, ist aber nicht nur die Fortsetzung dieser generellen Entwicklung - sondern für die Amerikaner ein besonders schwerer Schlag: Zwar nahmen die italienischen Truppen an der Invasion im Irak im Jahr 2003 nicht teil. Später aber übernahmen sie die Verantwortung für die Sicherheit in der Umgebung der Stadt Nasirija. Insgesamt hielten sich bis zu 3000 italienische Soldaten im Irak auf.

Bushs treuster Verbündeter unter Druck

"Mit den Italienern geht der drittstärkste Partner der USA", sagt Hiltermann. Zwar könnten sich die Amerikaner in einem Punkt glücklich schätzen: "Roms Truppen verlassen eine Region, die zwar nicht hundertprozentig ruhig ist, aber auf jeden Fall einer der besseren Regionen." Der Abzug sei jedoch eine Botschaft in Richtung USA - die so oft propagierte "Koalition der Willigen" hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.

Eine Botschaft, der bald auch die Briten Nahrung geben könnten: Denn Bushs wichtigster Verbündeter, Großbritanniens Premier Tony Blair, steht angesichts der Krise seiner Labour-Partei unter enormem Druck, einen Abzug der britischen Truppen vorzubereiten. Immer wieder gab es zuletzt Berichte über angeblich konkrete Rückzugspläne der mehr als 8000 britischen Soldaten im Südosten des Landes bis zum Sommer 2008. Die Regierung hat einen strikten Zeitplan dagegen stets dementiert, der Abzug sei von der "Sicherheitslage" anhängig. Der "Daily Telegraph" ermittelte zuletzt in einer Umfrage, dass nur noch 33 Prozent der Briten den Einsatz im Irak unterstützen, mehr als die Hälfte hält ihn danach für falsch.

Schon jetzt stellen neben den Amerikanern und Briten nur noch die Süd-Koreaner ein großes Kontingent von mehr als 1000 Soldaten im Irak.

Was aber machen die Amerikaner, wenn auch diese Unterstützung irgendwann bröckelt? Schließlich wird, wenn nicht offen in der Regierung, so zumindest in der Bevölkerung längst darüber diskutiert, wie lange die Soldaten noch bleiben müssen, ob sie überhaupt etwas bewirken oder ob die vielen amerikanischen Toten nicht unnötige Opfer sind.

Der Experte Hiltermann glaubt, dass es drei Szenarien gibt, die zu einem Ende auch der amerikanischen Besatzung führen können: Entweder werde der öffentliche Druck zu stark, die Lage im Irak stabilisiere sich, so dass irakische Kräfte die Sicherheit allein gewährleisten könnten. "Oder aber es kommt endgültig zu einem Bürgerkrieg im Irak. Die Amerikaner werden ihre Truppen dann nicht in bewohnten Gegenden lassen", sagt Hiltermann. Aber noch habe Bush die Hoffnung, dass er am Ende doch Recht behält und Frieden im Irak schafft, schätzt Hiltermann. Auch wenn diese Hoffnung offensichtlich nicht mehr viele teilen.

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