Türkei Lebende Fackeln
rdem Hanoglu ist ein fröhliches Kind. Übermütig scheucht der Zehnjährige eine Katze durch sein Elternhaus im Istanbuler Slumviertel Küçük Armutlu. Die vielen Fremden, die mit ernsten Gesichtern im Flur herumstehen, stören ihn nicht. Die Männer boxt er zur Seite, mit den Frauen schäkert er, bis sie ihn vorbeilassen.
Alle paar Minuten düst der Junge in das abgedunkelte Hinterzimmer, wo seine Mutter Senay vor sich hindämmert. Mit Kraft lässt er sich auf ihr Bett fallen, doch die abgemagerte Frau hebt nur kurz die Lider und starrt ihren Sohn mit ausdruckslosen Augen an.
Seit 161 Tagen hat Senay Hanoglu nichts als Zuckerwasser, Apfeltee, Salz- und Vitamintabletten zu sich genommen. Auf ihren eingefallenen Wangen haben sich Hungerödeme gebildet, ihre ausgezehrten Arme liegen wie zwei leere Schläuche auf der Decke. Wenn eine der Helferinnen die Plastikschüssel unter dem Bett hervorzieht, damit sie sich übergeben kann, geht Erdem taktvoll vor die Tür.
Senays Hungern wird von pathetischen Parolen begleitet: "Verflucht sei der Faschismus!" und "Es lebe unser Kampf!" steht in großen roten Lettern über dem Bett der Todgeweihten. Darunter hängt ein zerknittertes Bild von ihrem Mann Yüksel, einem Häftling in der Strafanstalt im nordwestanatolischen Kandira. Für ihn und rund tausend andere politische Gefangene sind Senay Hanoglu und drei ihrer Freundinnen entschlossen zu sterben. 14 Menschenleben hat der landesweite Hungerstreik bis zum vergangenen Freitag gekostet.
Im Herbst hatte Ankara fünf so genannte F-Typ-Gefängnisse fertig gestellt, Strafanstalten nach europäischem Vorbild, in denen die Häftlinge in Einzel- und Dreierzellen untergebracht werden statt wie bisher in Schlafsälen mit bis zu 120 Personen. Der Europarat hatte die Umstellung gefordert: Die humanitären und hygienischen Verhältnisse in den türkischen Riesenknästen sind katastrophal und führen seit Jahren regelmäßig zu Revolten.
Während inhaftierte Edel-Gangster mit guten Verbindungen zu den Vollzugsbeamten seit je die wenigen komfortablen Einzelzellen bevorzugen, wehren sich die politischen Gefangenen vehement gegen ihre Einlieferung in die neuen Gefängnisse. Sie fürchten, in kleineren Einheiten den Übergriffen brutaler Gefängniswärter schutzlos ausgeliefert zu sein. Ärzte- und Juristenverbände, die mit den Zuständen in türkischen Haftanstalten vertraut sind, teilen die Sorge.
Die Angst vor Misshandlung und Folter ist freilich nur das eine Motiv für den Widerstand der Häftlinge. Einige linksextremistische Organisationen, Relikte aus den Tagen des bewaffneten Straßenkampfs in den siebziger Jahren, rekrutieren ihre Kader heute fast ausschließlich in den überfüllten Sammelzellen. Sie sind auf dieses Reservoir angewiesen.
Die Revolutionäre Volksbefreiungsfront (DHKP-C) etwa, in Deutschland seit 1998 verboten, hatte über Jahre einen ganzen Trakt des Istanbuler Bayrampaza-Gefängnisses unter Kontrolle und herrschte dort mit blanker Gewalt. Nicht nur der türkische Staat, sondern auch Amnesty International berichtete von parteiinternen Hochverratsprozessen und Exekutionen hinter Gefängnismauern.
Als im vergangenen Oktober die ersten Häftlinge in die neuen Gefängnisse verlegt werden sollten, griffen die Linksextremisten zu einem Mittel, mit dem sie bereits 1996 die Regierung des Islamisten Necmettin Erbakan in die Knie gezwungen hatten. Mehrere hundert Gefangene verbarrikadierten sich und traten in den Hungerstreik. Freunde, Schwestern und Ehefrauen schlossen sich an.
Tagelang wurde verhandelt, doch ohne Ergebnis. Kurz vor Weihnachten schließlich stürmte die Armee mit Panzern und Bulldozern die Zuchthäuser. Die Operation trug den Namen "Rückkehr zum Leben" und dauerte vier Tage. Zwei Sicherheitskräfte und mindestens 30 Insassen starben. Die Mehrzahl wurde erschos- sen, manche zündeten sich selbst an und stürzten den Soldaten als lebende Fackeln entgegen.
Nach diesem blutigen Fiasko verhärteten die Fronten vollends. Die Häftlinge, nun mit Gewalt in die neuen Anstalten verfrachtet, fasteten dort weiter und mobilisierten europaweit ihre Truppen. Am Gründonnerstag drangen Sympathisanten der Hungerstreikenden ins Foyer der Hamburger SPIEGEL-Zentrale ein. Vorigen Dienstag besetzten sie vorübergehend das Uno-Hauptquartier in Genf.
Ankara lehnt Verhandlungen inzwischen kategorisch ab. Ein Istanbuler Gericht verbot kurzerhand die Berichterstattung über das Todesfasten doch das war faktisch gar nicht nötig. Seit Februar beherrscht ausschließlich die schwere Wirtschaftskrise die Schlagzeilen der türkischen Presse. Die Regierung steht vor dem Kollaps, kaum jemand nimmt den Hungerstreik überhaupt noch zur Kenntnis.
Die Philosophiestudentin Fatma Sener, 22, eine von etwa 250 Fastenden, sitzt denn auch nervös in S¸enay Hanoglus Sterbehaus und zappt sich kettenrauchend von einem Kanal zum nächsten. Vor zwei Wochen war im Zimmer nebenan ihre Freundin gestorben; am 15. April folgte ihr Canan Kulaksiz in den Tod. "Ich bin Sportlerin", sagt Sener, "mir geht es sogar nach 154 Tagen noch relativ gut."
Kurz vor Sonnenuntergang bringen zwei Postboten einen Stapel Telegramme. Eines ist an Canan Kulaksiz' Schwester Zehra gerichtet, die sich dem Hungerstreik der Frauen angeschlossen hat. "Muss ich Dir sagen, wie nahe mir Canan stand?", schreibt ihr Onkel Mehmet aus der Haftanstalt im thrakischen Tekirdag. "Doch bleibt stark: Meine Wut wird immer größer. Ich bin auf dem Weg zu ihr."
BERNHARD ZAND