Türkei Putsch paradox
Istanbul - Die Türkei steht davor, eine große Rechnung endlich zu begleichen. Es geht diesmal nicht um die befürchteten Spaltungen der Ethnien und Religionen. Das Land wird durch eine viel fundamentalere und gefährlichere Entwicklung entzweit: Die kulturelle Teilung - in den Jahren der Republik stets dominant - ist noch schärfer geworden.
Es gibt jetzt auf dereinen Seite eine große Masse an Leuten, die ihre Schuhe vor der Tür stehen lassen, bevor sie ins Haus eintreten, deren Frauen Kopftuch tragen, deren Männer in Pyjamas auf die Straße gehen können, deren Söhne in die Kaffeehäuser gehen, während die Mädchen unter total repressiven Regeln leben. Es handelt sich um Menschen, deren Häuser mit billigen fluoreszierenden Glühbirnen erleuchtet werden, die Folklore oder arabische Musik hören, die womöglich noch nie ein Buch gelesen, nie getanzt, nie als Ehepaar ein Restaurant besucht haben, nie ins Theater gegangen sind, kaum gebildet und streng gläubig sind.
Auf der anderen Seite gibt es jene, die die High-School im Robert College in Istanbul besucht haben, die auf College-Partys und Hochzeiten getanzt haben, die ins Kino gehen, Bücher lesen - wenn auch vielleicht nicht viele - die einigermaßen gebildet sind, auch wenn ihr intellektuelles Level nicht sehr hoch ist. Deren Musikgeschmack von Pop bis Klassik reicht, deren Häuser relativ geschmackvoll eingerichtet sind, deren Frauen kein Kopftuch tragen, die ihren Töchtern zwar nicht erlauben, sich mit Jungs zu treffen, aber weggucken, wenn sie es trotzdem tun. Die an Gott glauben, aber Predigern wenig Aufmerksamkeit schenken, die Alkohol in gemischten Gruppen trinken, auch wenn sie nicht viel über Wein wissen. Die Zeitung lesen, Talkshows gucken und glauben, sie seien progressiver als die erste Gruppe und ihr Leben in der Nähe des westlichen Standards führen.
Der Lifestyle dieser beiden Gruppen ist nicht miteinander verbunden.
Anders als im Westen, wo eine klassenübergreifende Empfindsamkeit aus solchen Elementen wie Kirchenmusik, religiöser Ikonografie und Geschichten aus der Bibel, die sogar für die Leinwände adaptiert wurden, gespeist wird, gibt es keinen kulturellen Boden, der beide Gruppen in der Türkei miteinander verbindet. Ihr Leben, ihr Geschmack und ihr Glauben ist unterschiedlich. Sogar antagonistisch.
Die erste Gruppe wurde verachtet, diskreditiert und in den Jahren der Republik herumgeschubst. Jetzt hat sich diese Gruppe politisch organisiert. Sie ist groß. Und hat nun die politische Kraft, um jede Wahl zu gewinnen.
Die zweite Gruppe ist in der Minderheit. Und hat im Moment keine Chance, eine weitere Wahl zu gewinnen.
Die Armee verrät ihre eigenen Wurzeln
Genau an diesem Punkt kommt ein historisches Paradox auf: Weil die westlicherezweite Gruppe weiß, dass sie niemals mehr an die Macht kommen wird, wenn sie westliche politische Formen beachtet, wird sie immer antagonistisch zu den westlichen demokratischen Werten.
Und weil diejenigen, die dem Westen feindlich gegenüber stehen, wissen, dass sie nur mächtig sind, wenn sie westliche Kriterien beachten, versuchen sie sich, westliche Werte anzueignen und ihre Beziehungen mit dem Westen zu verbessern.
Die Armee spielt bei dieser kulturellen Desintegration eine wichtige Rolle. Wenn sie die erste Gruppe unterstützt und die Kriterien westlicher Demokratie beachtet werden, wird sie ihre Macht verlieren.
Tatsächlich wird die Armee von Kindern aus der ersten Gruppe gebildet, die mit der von ihnen feindlich angesehenen zweiten Gruppe kooperieren, um die Macht zu behalten. Auf eine Art und Weise verrät die Armee also ihre eigenen Wurzeln.
Gerede über Juntas, die Gefahr eines weltweiten Bruchs
Beide Gruppen scheinen für den finalen Kampf um die Macht zu mobilisieren.
Die erste Gruppe ist jetzt auch wirtschaftlich mächtig. Weil ihre Beziehungen zum "Staat" nicht gut sind, verkauft sie, was sie in Anatolien produziert, im Ausland. Sie hat Ertragskraft und fördert ihre politische Organisation.
Derzweiten Gruppe fehlt es an Finanzkraft.
DieUnterstützer der ersten Gruppe sind die Bourgoisie, die im Ausland Handel treibt und Kredite aufnimmt, ein intellektueller Sektor, der glaubt, dass die Türkei sich nur mit Mitteln der Demokratie normalisieren kann, und eine Gruppe von Bürokraten, die glaubt, die Strukturen des Staates müssten sich ändern, um besser mit dem Rest der Welt zusammenzuarbeiten.
Wichtige Sektoren des Rechtssystems, der Armee, des Beamtenapparats stehen hinter der zweiten Gruppe. Weil die zweite Gruppe realisiert, dass sie nicht durch politische und demokratische Mittel an der Macht bleiben kann, sucht sie nun andere Wege.
Die Präsidenten-Wahl hat die Absichten beider Seiten offengelegt und gezeigt, wie scharf ihr Konflikt ist.
Die zweite Gruppe, die durch die Armee unterstützt wird, will nicht länger Wahlen. Und die Gerüchte um einen möglichen Putsch werden von Tag zu Tag lauter.
Amerika wird gegen einen Putsch sein müssen
Es gibt Gerede über Juntas. Was wird also bei einem Putsch passieren?
Die zweite Gruppe, deren Lebensstil westlicher ist, wird mit der Unterstützung der Armee an die Macht kommen - und die Unterstützung des Westens verlieren. Denn Europa wird sich einem Militärputsch definitiv entgegenstellen.
Das stets pragmatische Amerika könnte einen Putsch akzeptieren, wenn es im Gegenzug Unterstützung für seine Politik im Nordirak und im Nahen Osten bekommt. Aber die US-Regierung steht vor einem Problem: Eine Nation, die den Irak besetzt, um dem Land "Demokratie" zu bringen, wird nicht in der Lage sein, der Welt oder sich selbst zu erklären, warum sie einen Putsch in der Türkei unterstützt. Und nach dem Desaster im Irak sind die USA nicht in der Lage, internationale Einwände einfach wegzuwischen. Amerika wird also gegen einen Putsch sein müssen - ob es will oder nicht.
Was wird ein Land, das vom Westen finanziert wird, eine Armee, die Waffen aus dem Westen bekommt, machen, wenn die Beziehungen zum Westen zerbrechen? Ich denke, die zweite Gruppe hat darüber nachgedacht und eine Antwort gefunden.
Wenn es einen Putsch in der Türkei gibt, wird eine politische Lage entstehen, die es noch nie gegeben hat: Die Türkei wird die Partnerschaft mit Russland und Iran suchen und ihre Waffen, ihre Energie und ihr Geld von diesen beiden Ländern bekommen. Erdgas, Öl und Atomkraft aus Iran und Russland werden ausreichen, um die Türkei am Leben zu halten - zumindest für eine Weile.
Der türkische Riss wird zu einem weltweiten Bruch führen
Aber ein Block aus Russland, der Türkei und Iran wird auch das weltweite Gleichgewicht verändern. Er wird totale Kontrolle über den Nahen Osten ausüben. Er wird Europa in den Grenzen des kleinen Kontinents einsperren. Er wird den Kaukasus, Afghanistan und Pakistan unter seine Hegemonie bringen. Er wird enge Beziehungen zu der muslimischen Welt bilden. Er wird die Ölquellen dominieren. Er wird versuchen, eine Partnerschaft mit China zu bilden.
Solche Entwicklung würde den Einfluss eines aus Europa, Amerika und Japan bestehenden Westens dramatisch mindern. Der neue Block hätte riesige militärische, finanzielle und energiepolitische Macht. Der türkische Riss würde zu einem weltweiten Bruch führen.
Wenn es irgendwann einen Dritten Weltkrieg gibt, dann glaube ich, wird er aus diesen internationalen Gräben resultieren.
Manche mögen denken: "So etwas wird niemals passieren." Wer unanfechtbare Belege dafür hat, soll sich melden. Aber wenn - und ich halte das nicht für unwahrscheinlich - was werden wir machen?
In Wahrheit müssen mehrere Akteure dieses Szenario bedenken: diejenigen, die heute die verschiedenen Lager in der Türkei bilden. Die europäischen Länder, die versuchen die Türkei aus Europa herauszuhalten - und unverschämt mit dieser Nation verhandeln, deren Erbe zugleich großartig und erbärmlich ist. Die vorgebe, n den Annäherungsprozess zu befördern, statt wirkliche Zusammenarbeit anzubieten. Und Amerika, das sich selbst für schlau hält, weil es in seiner Türkeipolitik ein doppeltes Spiel spielt.
Dass der blutige Konflikt, dem sich die Türkei nähert, die ganze Welt in Brand setzt, ist nicht so abwegig, wie viele denken. Wir sollten nicht vergessen, dass der Erste Weltkrieg mit einem Pistolenschuss begonnen hat.
Aus dem Englischen von Anna Reimann