Druck auf Journalisten in der Türkei Wer kritisch ist, fliegt raus
Protest für die Pressefreiheit in der Türkei
Foto: Sedat Suna/ dpaEigentlich wollte sie jetzt mit ihrem Verlobten für zwei Wochen in die USA reisen, ein Roadtrip entlang der Ostküste war geplant. In letzter Sekunde hat sie den Urlaub abgeblasen. "Wir bleiben in der Türkei und verlassen auf keinen Fall das Land", sagt die Journalistin. Sie lebt in Istanbul und schreibt für mehrere britische und US-Zeitungen. "Ich befürchte, dass die türkischen Grenzbeamten mich nicht wieder reinlassen."
Mehrere ausländische Journalisten wurden in den vergangenen Tagen am Atatürk-Flughafen aufgegriffen und zurück in ihre Heimatländer geschickt, darunter sogar einige, die gar nicht in der Türkei bleiben, sondern Istanbul nur als Transit nutzen wollten.
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warnt die Regierung in Ankara, "schwarze Listen" mit Namen unerwünschter Berichterstatter anzulegen."Listen mit Journalistennamen haben in Demokratien nichts zu suchen", sagte er der "Bild"-Zeitung.
"Mit dieser Einschüchterungstaktik schlägt die türkische Regierung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe", sagt ein deutscher Korrespondent mit Sitz in Istanbul. Er möchte wie alle anderen Gesprächspartner lieber nicht namentlich genannt werden. "Einerseits behindert sie die Arbeit der anreisenden Kollegen, die aus türkischer Sicht zu kritisch ist. Und andererseits setzt sie damit uns dauerhaft hier lebenden Journalisten unter Druck. Wann immer wir nun die Türkei verlassen, müssen wir damit rechnen, dass uns die Rückkehr verweigert wird. Dabei leben wir hier, viele mit Familien."
"Die Angst, die unsere türkischen Kollegen seit Jahren verspüren"
Eine britische Reporterin, die auch in Istanbul wohnt, sagt: "Jedes Mal, wenn ich aus dem Ausland am Atatürk-Flughafen in Istanbul ankomme, habe ich Schweißperlen auf der Stirn und Herzklopfen aus Angst, dass man mich in die Abschiebezelle sperrt und wieder zurückschickt. So schlimm habe ich es noch nicht erlebt, und ich lebe schon seit vielen Jahren hier."
Eine wirklich freie, kritische Berichterstattung sei in dieser Atmosphäre der Angst nicht mehr möglich, sagt ein Kollege: "Jetzt lernen wir ausländischen Korrespondenten die Angst kennen, die unsere türkischen Kollegen schon seit Jahren verspüren, weil sie bei jedem kritischen Artikel mit Jobverlust oder Gefängnis rechnen müssen."
Viele Themen sind tabu, besonders Erdogan selber
Tabuthemen gibt es viele, zum Beispiel die Gewalt an den Armeniern vor einem Jahrhundert, die man nicht Völkermord oder Genozid nennen darf und die man, ginge es nach der türkischen Regierung, am besten gar nicht thematisieren sollte.
Ebenso sind Berichte über den Krieg gegen die Kurden im Südosten des Landes unerwünscht. Die Regierung nennt ihr Vorgehen einen "Kampf gegen Terroristen" und meint damit die kurdische Arbeiterpartei PKK, die die Türkei zuletzt erneut mit Anschlägen überzogen hat. Tatsächlich bekämpfen die Sicherheitskräfte aber auch die kurdische Zivilbevölkerung. Ankara versucht zu verhindern, dass Journalisten überhaupt in diese Gebiete reisen, aus "Sicherheitsgründen", wie es offiziell heißt.
Faktisch verboten sind auch kritische Artikel über Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. So wurde ein Nachrichtenportal gesperrt, das über Korruptionsvorwürfe gegen Erdogans Sohn Bilal geschrieben hatte - mit der Begründung, das verletze die "Ehre des Sohns des Staatspräsidenten".
Werden die türkischen Drohungen erfolgreich sein?
Auch der in internationalen Medien geäußerte Verdacht, die Türkei liefere Waffen an Islamisten in Syrien, ist tabu. Weil die Journalisten Can Dündar und Erdem Gül von der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" darüber berichtet hatten, wird ihnen derzeit der Prozess gemacht, unter anderem wegen "Spionage" und "Unterstützung einer terroristischen Organisation".
Sie seien "Spione", "Provokateure", "Terroristenhelfer", "von einer fremden Macht gesteuert" - das sind Vorwürfe, die kritische Journalisten, inzwischen auch die ausländischen, zu hören bekommen, von staatlicher Seite, aber auch von regierungsnahen Medien und Regierungsanhängern im Internet. Nach jedem Artikel, nach jeder Sendung bricht eine Welle der Drohungen und Beschimpfungen über Journalisten herein. Auch mehrere westliche Medien sind schon zum Ziel solcher Kampagnen geworden.
Die amerikanische Journalistin, die auf ihren Urlaub an der US-Ostküste verzichtet, sagt, sie habe die Türkei seit Jahresanfang schon nicht mehr verlassen. "Dabei bin ich auch für einige andere Länder zuständig und müsste unbedingt außerhalb der Türkei reisen." Mit ihrer aggressiven Haltung gegenüber Journalisten werde die Türkei auf lange Sicht sogar erfolgreich sein, glaubt sie. "Irgendwann verweigern sie mir die Erneuerung meines Presseausweises, und spätestens dann muss ich sowieso wegziehen."
Auch SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim, Autor dieses Textes, geriet in Konflikt mit Anhängern der Regierungspartei AKP und der türkischen Regierung selbst.DER SPIEGEL 22/2014:Türkei - Pakistaner, Jude, Nazi!