TV-Marathon - DER SPIEGEL
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TV-Marathon Putins Spielplatz

Wladimir Putins TV-Sprechstunde ist mehr als die Folklore eines alternden Autokraten. Der Präsident punktet mit akribischer Vorbereitung, Geschenken und Attacken gegen die USA - und sorgt für hohe Einschaltquoten.
Russischer Präsident Putin: "Gegen gemeinsame Bedrohungen kämpfen"
Russischer Präsident Putin: "Gegen gemeinsame Bedrohungen kämpfen"

Russischer Präsident Putin: "Gegen gemeinsame Bedrohungen kämpfen"

Foto: MIKHAIL KLIMENTYEV/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Stoppuhren der Journalisten mit 4 Stunden und 53 Minuten längst den üblichen TV-Rekord anzeigen, geht er noch einmal entschlossen in die Verlängerung. Mit wiegenden Schultern und ausgreifendem Schritt läuft er zu den Journalisten: Wladimir Putin, Präsident Russlands, Mann der tausend Antworten. Putin hat fünf Stunden zu Russlands TV-Publikum geredet, er hat auf 85 Fragen aus dem Riesenreich erwidert, manchmal ist er einer direkten Antwort ausgewichen. Heiser ist er nicht.

Jahr für Jahr baut das Staatsfernsehen ein Studio für Russlands Präsidenten, schwärmen Korrespondenten in die Winkel des Riesenreiches aus, müssen immer neue Superlative fallen. 1,5 Millionen Anrufe, 300.000 SMS und 190.000 E-Mails mit Fragen melden die Moderatoren schon vor Beginn der Sendung, an ihrem Ende werden es mehr als vier Millionen Bürgerfragen an den Präsidenten sein.

Das Format ähnelt Treffen mit Bürgern, wie sie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel oder US-Präsident Barack Obama gelegentlich inszenieren. Das Fernsehen hat Zuschauer im Halbkreis um den Präsidenten gesetzt, darunter sind Prominente und "Helden des Alltags" wie die Landärztin aus Südrussland, die sich zu Fuß durch einen Schneesturm kämpfte und einer Familie das Leben rettete.

Putin brilliert als bestens informierter Vater der Nation

Dem Präsidenten kommt das Format entgegen, der Präsident ist schlagfertig und hat ein exzellentes Gedächtnis. Schon Anfang der Woche hatte der Kreml verlauten lassen, der Staatschef bereite sich seit Tagen auf die Sendung vor. Das lohnt sich. Weil auch die meisten Fragen abgesprochen sind, brilliert Putin als bestens informierter Vater der Nation. Der Rentenanspruch eines Invaliden? 8800 Rubel. Die Staatshilfe bei Geburt eines Kindes? 407.000 Rubel. Die Mittel für regionalen Straßenbau? 445 Milliarden Rubel. Die Menge nach Russland eingeführten Geflügelfleischs? 100.000 Tonnen.

Das wirkt wie die schrullige Folklore eines alternden Autokraten, hat sich aber durchaus bewährt. Bei der letzten Sendung im Dezember 2011 lagen die Einschaltquoten in Moskau bei 35 Prozent, im Landesdurchschnitt waren es sogar 42 Prozent.

Abwechselnd stellen Studiogäste, Anrufer und E-Mail-Schreiber ihre Fragen, unterbrochen von einem halben Dutzend Liveschalten an Orte, quer im Riesenreich. Sankt Petersburg im Westen kommt ebenso zu Wort wie die Bergarbeitersiedlung Nowoschachtinskoje nicht weit vor Russlands Grenze zu Nordkorea. 6600 Kilometer liegen zwischen beiden Städten, während Putins diesmal perfekt inszenierter Call-In-Sendung aber schnurrt die Distanz zwischen beiden Orten auf ein paar Minuten zusammen.

In Nowoschachtinskoje präsentiert das Fernsehen ein Ehepaar, dass neben drei eigenen Sprösslingen auch zwölf Pflegekinder großzieht. Tochter Elena bittet den Präsidenten "um einen Spielplatz, weil wir doch so viele Kinder sind". Die Sendung läuft noch, da tickern die Agenturen schon, der Provinzgouverneur habe den Bau des Spielplatzes angeordnet.

Schlagabtausch mit einem Ex-Finanzminister

Die beste Szene beschert Alexej Kudrin der Sendung, ein offenes Wortgefecht mit dem Präsidenten. Kudrin war elf Jahre Finanzminister, bevor ihn der damalige Staatschef Dmitrij Medwedew feuerte, sein Rivale.

Eben noch hatte der Präsident sich damit gebrüstet, dass im Land Löhne und Gehälter viel schneller wachsen als die Produktivität. Kudrin leistet sich den Luxus, den Staatschef dafür vor laufenden Kameras zu kritisieren. Nachhaltige Wirtschaftspolitik sehe anders aus, sagt Kudrin: Priorität müsse "ein hohes Wachstumstrempo der Abreitsproduktivität haben, und dann erst das Einkommens-Wachstum".

Die Wirtschaft lahme trotz anhaltend hoher Ölpreise, das Land müsse endlich seine Abhängigkeit von Öl- und Gasexporten loswerden. Die Rohstoffausfuhren aber waren bislang die Eckpfeiler von Putins Wirtschaft. Der Präsident tadelt, Kudrin sei zwar ein guter Finanzminister gewesen, ihm fehle aber das Gespür für die soziale Lage der Bevölkerung.

Wann er denn Kudrin zurück ins Kabinett hole, will der Moderator vom Präsidenten wissen.

"Er will nicht", sagt Putin spitz, Kudrin habe einen Posten abgelehnt.

Und die restlichen vier Millionen Fragen?

Kudrin kontert. Für halbe Reformen stehe er eben nicht zur Verfügung, "es braucht ein Programm". Das war ein Seitenhieb gegen Regierungschef Medwedew. In Moskau ist es ein offenes Geheimnis, dass Kudrin sich selbst für den besseren Premier hält und sich Medwedew nicht als Minister unterordnen wollte.

Putin spricht noch viele Themen an. Fünf Stunden sind eine lange Zeit. Der Konflikt mit den USA um die Magnitsky-Liste und das Adoptionsverbot? Grund ist Amerikas "imperiales Verhalten in der Außenpolitik. Wir haben gewarnt, dass wir antworten".

Korruption? Ist eine "Gefahr für die Gesellschaft insgesamt. Deshalb werden wir sie mit der gleichen Beharrlichkeit bekämpfen, wie die Inflation in der Wirtschaft".

Die umstrittene Registrierungspflicht für NGOs als "ausländische Agenten"? Warum solle sich Russland nicht genauso vorgehen, wie Washington mit seinem Foreign Agents Registrations Act?

Den Journalisten verspricht er die Einsetzung einer Kommission, sie soll sich um die Beantwortung der übrig gebliebenen vier Millionen Antworten kümmern. "Zumindest die drängendsten", sagt der Präsident, dann tritt er ab.