Nordirlandkonflikt Wer oder was ist eigentlich die "IRA"?
Kinder mit Waffen: In 30 Jahren Bürgerkrieg wuchs man quasi zum Paramilitär heran
Foto: APAuch nach dem Friedensschluss von 1998 hat Nordirland nie zu echter Ruhe gefunden. Immer wieder machten paramilitärische Organisationen mit Morden und Bomben Schlagzeilen. Die Anschläge aus dem republikanischen Lager werden in den deutschen Medien meist der "IRA" zugeschrieben.
Das aber ist ein untauglicher, weil völlig unpräziser Begriff. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es immer mehrere Gruppen, die sich so nannten - und sich mitunter konkurrierend, mitunter aber auch verfeindet gegenüberstanden. Die Unterscheidung von PIRA, CIRA, RIRA oder NIRA ist wichtig, weil all diese Gruppen unterschiedliche Ziele verfolgen.
Wie es dazu kam, hat SPIEGEL ONLINE in einem zeitgeschichtlichen Überblick bei einestages dokumentiert. Wer wofür steht und in welcher Tradition, lässt sich am besten visuell aufschlüsseln. Das folgende Schaubild dokumentiert die Entwicklung des "republikanischen Mainstreams", heute repräsentiert durch die Provisional IRA (PIRA) und - von der IRA der Revolutionszeit ausgehend - die wichtigsten Verzweigungen und Abspaltungen. Zu erkennen sind dabei drei Hauptstränge, die auch ideologisch für unterschiedliche Orientierungen stehen.
Klicks auf die Namen der verschiedenen Organisationen rufen kurze Erklärungen auf.
Die drei Hauptstränge des irischen Republikanismus
1. Der Mainstream: Zur Zeit der Revolution standen die Irish Volunteers, die sich ab dem Osteraufmarsch 1916 Irish Republican Army (IRA) nannten, vor allem für ein Ziel - die englische Kolonialherrschaft zu beenden und einen eigenen Staat zu gründen. Óglaigh na hÉireann und Saoirse na hÉireann sind gälische Varianten dieser Bezeichnung, alle drei werden auch von verschiedenen heutigen Paramilitärs in Nordirland geführt.
Nach dem Bürgerkrieg war die Official IRA (OIRA) ein Produkt der ersten Spaltung der ursprünglichen Revolutionsarmee. Bis Ende der Sechzigerjahre stand sie für den Mainstream des Republikanismus, der weiter mit Gewalt gegen die Existenz Nordirlands und die Präsenz Großbritanniens in Irland vorging. Mit dem Aufbrechen des sogenannten Nordirlandkonflikts ab etwa 1966 schwand ihre Bedeutung, die jüngere, radikalere Provisional IRA (PIRA) übernahm die Rolle bis heute. In ihren Anfängen stärker nationalistisch geprägt, entwickelten die PIRA und die ihr nahestehende Partei Sinn Féin ab Anfang der Achtzigerjahre eine sozialistisch geprägte Ideologie. Ihr Ziel ist nicht die Wiedervereinigung, sondern die Schaffung eines neuen, "links" geprägten Irlands.
Und zwar mit Waffengewalt. Als Sinn Féin/IRA Anfang der Neunzigerjahre diesem Kurs abschworen und mit dem Waffenstillstand von 1994 den Friedensprozess einleiteten, kam es zur Abspaltung der Real IRA (RIRA) - die Hardliner des Mainstreams, die weitermachten. Ideologisch der PIRA durchaus nahe, setzen die RIRA und ihre Nachfolgeorganisationen, von denen die New IRA (NIRA) die wichtigste und gefährlichste ist, weiter auf Bombe und Gewehr. Sowohl der Friedensvertrag und die Sinn-Fein-Beteiligung an der Regierung als auch der sich ankündigende Brexit gaben offenbar Anlass zu weiteren Gründungen terroristischer Organisationen.
Architekten des Kurswechsels: Das Führungsduo Gerry Adams (links, Sinn Féin) und Martin McGuinness (IRA, später Sinn Féin) 1987
Foto: AP2. Die extreme Linke: Die OIRA propagierte anfänglich nur die Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik. Sie verstand ihren Kampf, zu dem zwei ausgedehnte Bombenkampagnen in den Fünfzigerjahren gehörten, als Fortführung des Befreiungskampfes von 1916.
Auch sie durchlief jedoch eine Ideologisierung - und die führte sie ganz weit nach links. Landläufig nannte man die OIRA-Terroristen lange "Greens", ab den Sechzigerjahren aber wurden sie als "Reds" bekannt: Auf stramm marxistischem Kurs bombten sie für die Schaffung eines "Arbeiterstaates Irland".
Mit der Wucht der bunten Bürgerrechtsbewegungen der Endsechziger war das nicht kompatibel - und als die in Nordirland in einen bewaffneten Konflikt mündeten, verlor die OIRA an Unterstützung. Sie wurde zu einer Nischenorganisation, die den "bewaffneten Kampf" offiziell 1972 aufgab und bis spätestens 1979 komplett verschwand.
Nur besonders radikale Kader machten weiter. Als Irish National Liberation Army (INLA) existiert bis heute noch eine Nachfolgeorganisation der OIRA - ultralinks, heute vor allem kriminell und weitgehend unbedeutend.
3. Die Traditionalisten: Am wenigsten links im Spektrum des Republikanismus stehen die Terrortruppen, die sich bis heute an den Zielen der frühen PIRA orientieren. Die hatte zur Zeit ihrer Gründung das Ziel des "Éire Nua", des Neu-Irlands, ausgegeben: eine föderale Republik mit vier teilautonomen Bundesstaaten, die sich an den Grenzen der historischen Provinzen Irlands orientieren sollten, Ulster, Leinster, Munster und Connacht.
Als sich Sinn Féin und die PIRA von diesem Ziel verabschiedeten, kam es zur Abspaltung der "Éire Nua"-Befürworter. Die größte und bekannteste Gruppierung war und ist die Continuity IRA (CIRA), die auch weiterhin aktiv ist. So wie mindestens fünf weitere Abspaltungen von Radikalen, denen der Kurs der CIRA nicht ruppig genug war (im Schaubild oben gelb dargestellt).
Zahlenmäßig insgesamt schwächer aufgestellt als zur Zeit des Bürgerkriegs von 1968 bis 1998, gibt es heute in Nordirland mehr aktive republikanische Terrororganisationen als zu jedem anderem Zeitpunkt seit 1900.
Partner und Einnahmequellen
Traditionell unterhalten die Terrororganisationen und Parteien aus der "IRA-Familie" Kontakte zu linken bis linksextremen Organisationen auch im Ausland. Waffen wurden über Jahrzehnte aus dem Ostblock und seinen Nachfolgestaaten geliefert. Das Gros des Plastiksprengstoffs, der teils bis heute von nordirischen Terroristen eingesetzt wird, stammt aus tschechischen Beständen. Enge Verbindungen unterhielt beispielsweise die PIRA auch zu Gruppen wie der baskischen ETA.
Die große Ausnahme bildete das sich eher nostalgisch-nationalistisch präsentierende NORAID-Netzwerk in den USA: Dahinter verbarg sich ein Fundraising-Netzwerk der PIRA, dass an irischstämmige Amerikaner appellierte, den "Befreiungskampf" finanziell zu unterstützen. Sowohl die PIRA, als auch Sinn Féin und NORAID werden heute in den USA nicht mehr als terrornahe Organisationen gesehen. NORAID wirkt heute als Sinn-Féin-Unterstützungsnetzwerk.
Vor 1994 stand NORAID dagegen selbst unter Beobachtung: Neben Schutzgelderpressungen, Baukorruption und der Kontrolle über das Taxigewerbe in Nordirland war NORAID für die PIRA lange die wichtigste Einnahmequelle.
Viele der nordirischen Paramilitärs finanzieren sich seit dem Friedensschluss zunehmend aus kriminellen Aktionen, manche auch durch Kontrolle des Drogenmarkts. In dieser Frage sind die verschiedenen Organisationen, die sich traditionell auch immer als "Polizei" ihrer Bevölkerungsgruppe verstanden, stark zerstritten. Ein nicht geringer Teil der Morde und "Bestrafungsaktionen", die meist aus Knieschüssen bestehen, sind heute gegen Dealer gerichtet oder Vertreter von Terrortruppen, die um den Drogenmarkt konkurrieren.