Ukraine Widerstand mit ausgesuchter Höflichkeit
Kiew - Doch den scharfen Worten der Demonstranten folgten bislang keine gewalttätigen Aktionen, im Gegenteil: Der Widerstand war von einer ausgesprochenen Höflichkeit geprägt. Die eisige Kälte und das reichlich fließende Bier hätte die friedliche Menschenmasse in einen wütenden Mob verwandeln können. Doch in Kiew formte sich die Wut der Hunderttausenden in Kameradschaft. Ein alter Mann mit Fellmütze und abgetragenem Mantel tanzte auf dem Unabhängigkeits-Platz ausgelassen, wenngleich ein wenig steif, vor ein paar modischen Teenagern. Bekannte, die sich in der Menge wiedererkannten, umarmten sich freudig. Von den Rednerbühnen schossen bunte Laserstrahlen in den schwarzen Himmel und reflektierten an den Schneeflocken.
Es gab immer wieder Angst vor Zusammenstößen von Regierungs- und Oppositionsanhängern. Doch anders als in den vorangegangenen Tagen zogen in dieser Nacht keine Pro-Janukowitsch-Demonstranten in die Stadt. Und so schien sich die Anspannung wenige Stunden nach der Erklärung der Wahlkommission in der kalten Luft aufzulösen, nach Mitternacht leerte sich der Platz.
Obwohl das Regierungslager vor dem Gebäude der Wahlkommission mit Wodka und Champagner auf den amtlichen Sieg anstieß, blieb die Stimmung dort mürrisch. Konfrontationen mit den Demonstranten gingen die Janukowitsch-Anhänger aus dem Weg.
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Die Sicherheitskräfte wurden von beiden Seiten mit Respekt behandelt. Auf der Rückseite des Präsidialamtes stand ein Bereitschaftspolizist Wache, als sich eine Demonstrantin näherte. Mit einem schüchternen Lächeln bat sie, ihn Fotografieren zu dürfen. Wenig später zog der Polizist seine schwarze Maske ab, um eine angeregte, aber ruhige Diskussion mit Juschtschenko-Anhängern zu führen. "Leute, ich muss hier meine Arbeit machen", erklärte er. "Ihr müsst verstehen, dass ich hier bin. Die Verfassung verlangt, dass ich die Rechtstaatlichkeit schütze." "Aber das Recht sollte für das Volk sein", erwiderte ein Demonstrant mit heiserer Stimme. Höflich, wenngleich ohne Einigung, debattierten die beiden einige Minuten weiter.
Auch vom Schnee, der die Hügel Kiews in Rutschbahnen verwandelte, ließ sich die Opposition eher ermuntern als dämpfen. Auf dem Weg vom Präsidialamt zum Unabhängigkeitsplatz schlitterten einige Demonstranten ausgelassen über eine Eisfläche, einer von ihnen rutsche sogar auf dem Bauch. "Das war großartig", rief einer seiner Freunde. "Juschtschenko, Juschtschenko!"
Jim Heintz, AP