Uno-Verbrechensbekämpfer Dimitri Vlassis über Korruption - DER SPIEGEL
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Uno-Verbrechensbekämpfer "Kein Volk akzeptiert Korruption"

Fußball-Leaks, die großen Rüstungs- und Flugzeughersteller - immer wieder machen große Korruptionsfälle Schlagzeilen. Doch insgesamt gehe Korruption zurück, sagt Dimitri Vlassis, oberster Korruptionsbekämpfer der Uno.
Fahne der Vereinten Nationen
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Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa
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Mehr als 2000 Delegierte aus der ganzen Welt wollen in der kommenden Woche in Wien bei der Uno über engere Zusammenarbeit in der Korruptionsbekämpfung sprechen. Insgesamt, findet Dimitri Vlassis, Chef des Antikorruptionsprogramms des Uno-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, sei man auf dem richtigen Weg. Er widerspricht dem Bild, dass Korruption weltweit zunehme. Im Gegenteil, sie nehme sogar ab, sagt er im Interview. "Immer mehr Menschen werden wegen Korruption bestraft, immer höhere Geldbußen werden ausgesprochen."

Zur Person
Foto: ECOSOC Chamber

Der Grieche Dimitri Vlassis arbeitet seit 1989 für die Uno, im Bereich der Verbrechensbekämpfung. Er ist Jurist, studierte in Athen, Miami und Washington und leitet das Antikorruptionsprogramm des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung. Vlassis ist verheiratet und hat zwei Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich Ihnen sagte, ich mag Rotwein, geben Sie mir eine Flasche, dann kommt hier ein für Sie sehr schmeichelhaftes Interview heraus, das wäre Korruption, richtig?

Vlassis: Würde ich Ihrem Wunsch nachkommen, wäre das auf jeden Fall der Versuch, Einfluss auf Sie zu nehmen, ja.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ich nur fallen ließe, dass ich Rotwein mag, ohne damit konkret eine Gegenleistung zu verbinden? Und wenn Sie mir dann später von sich aus eine Flasche schickten?

Vlassis: Das könnte ebenfalls Korruption sein, da wir möglicherweise eine Beziehung begründen, in der Sie sich, wenn ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder einmal etwas von Ihnen möchte, mir gegenüber verpflichtet fühlen.

SPIEGEL ONLINE: In beiden Fällen wären wir aber beide schuldig, korrekt?

Vlassis: Absolut. Zur Korruption gehören immer zwei Seiten. Es gibt den, der Bestechungsgelder gibt, und den, der sie annimmt. Beide tragen, auch im juristischen Sinne, Schuld.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich ganz einfach. Warum ist Korruption dennoch so weit verbreitet und akzeptiert?

Vlassis: Im Gegenteil, sie geht zurück. Ich arbeite seit 1989 für die Uno. Damals gab es überall Vorbehalte, über Korruptionsverbote zu sprechen. Die Weltbank erklärte zum Beispiel, Korruptionsbekämpfung gehöre nicht zu ihrer Aufgabe. Aber das Thema hat in den zurückliegenden Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Toleranz gegenüber Korruption hat ganz sicher abgenommen, das Problembewusstsein zugenommen. Die Uno-Konvention gegen Korruption, Ende 2005 in Kraft getreten, ist ein Meilenstein in dieser Hinsicht.

SPIEGEL ONLINE: Was genau bringt solch eine Konvention?

Vlassis: Es ist ein sehr robustes gesetzliches Instrument. Alle Staaten, die sie ratifiziert haben, und das sind immerhin 182, sind verpflichtet, Regeln einzuhalten. Jedes Land wird von zwei anderen, die im Losverfahren bestimmt werden, überprüft. Die Staaten verpflichten sich, in Sachen Korruptionsbekämpfung Reformen voranzutreiben und gesetzliche Maßnahmen zu ergreifen. Das ist ein großer Fortschritt!

SPIEGEL ONLINE: Man liest und hört trotzdem ständig von Korruption, sei es bei den großen Rüstungs- oder Flugzeugherstellern, sei es beim Fußball, sei es bei Absprachen zwischen Industrie und Politik. Von Erfolg kann keine Rede sein.

Vlassis: Die Tatsache, dass viel mehr darüber berichtet wird und dass mehr Fälle aufgedeckt und vor Gericht gebracht werden, zeigt, dass die Arbeit von Korruptionsbekämpfern wirkt. Das bedeutet nicht, dass es mehr Korruption gibt - ich bin überzeugt, dass das Gegenteil richtig ist. Immer mehr Menschen werden wegen Korruption bestraft, immer höhere Geldbußen werden ausgesprochen. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Geht sie schnell genug? Nein.

SPIEGEL ONLINE: Ist Korruption in bestimmten Ländern eher akzeptiert als in anderen?

Vlassis: Es gibt keine Nation, kein Volk, keine Kultur in dieser Welt, die Korruption akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Ich könnte Ihnen einige Länder nennen, in denen sie sehr weit verbreitet ist. Länder, in denen es zum Beispiel kein funktionierendes Steuersystem gibt und wo Korruption eine Art Ersatz dafür ist.

Vlassis: Korruption gedeiht überall dort, wo es entweder zu viel oder gar keine Regulierung gibt. Aber akzeptabel ist sie nirgendwo. Die Menschen spüren mehr und mehr, dass es einen Zusammenhang zwischen ihrer eigenen Armut und der Korruption der Mächtigen gibt. Sie sind deshalb zu Recht wütend. Abgesehen davon existiert Korruption in mehr oder weniger versteckter Form überall.

SPIEGEL ONLINE: In jeder Branche?

Vlassis: Überall.

SPIEGEL ONLINE: Was sind wirksame Instrumente dagegen?

Vlassis: Unsere Aufgabe ist es, dass Staaten, die die Uno-Konvention unterzeichnet haben, sie auch umsetzen. Das sind vor allem juristische Instrumente, auch grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Justiz und Polizei. Und das Sensibilisieren für das Thema, sodass zum Beispiel ein Unternehmen sich gut überlegt, ob es in einem bestimmten Land überhaupt aktiv wird. Ein weiteres wichtiges Instrument ist Bildung. Sie hilft, Widerstand gegen Korruption zu bilden, vor allem bei den künftigen Generationen. Wir bieten Material für Universitäten an, und wir wollen sogar in die Grundschulen gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen mit Grundschülern über Korruption und die Uno-Konvention sprechen?

Vlassis: Nein, aber über Dinge wie Ehrlichkeit und Ethik. Also eher allgemein. Wir planen eine Zeichentrickserie darüber. Aber auch Juristen müssen wir bilden, denn wie eine Umfrage ergab, wissen weniger als 35 Prozent aller Firmenanwälte, dass es überhaupt eine Uno-Konvention gegen Korruption gibt.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht hängt die Unwissenheit auch mit einem gewissen Desinteresse am Thema zusammen, weil Korruption strukturell keine Opfer hat?

Vlassis: Oh doch, sie fordert viele Opfer. Nehmen Sie den Arzt, der sagt, er könne eine lebenswichtige Operation erst in drei Monaten anbieten, es sei denn, man zahlt ihm 500 Dollar Bestechungsgeld. Abgesehen davon ist ein wesentliches Opfer immer auch das Vertrauen der Menschen in die Politik, in die Wirtschaft, in Institutionen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre eine Welt, in der Frauen das Sagen haben, eine Welt ohne Korruption?

Vlassis: Das kann man so nicht sagen. Jedenfalls weiß ich von keinem Gen, das Frauen weniger anfällig dafür macht. Aber was ich weiß, ist, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen, weil ihre Sicht, ihre Erfahrungen, ihre Beiträge, ihre Führungsfähigkeiten fehlen.

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