US-Angriffe: 200 tote Zivilisten? - DER SPIEGEL
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US-Angriffe 200 tote Zivilisten?

Bei amerikanischen Luftangriffen im Osten Afghanistans sind nach Angaben der Taliban-Behörden 200 Einwohner getötet worden. Die Angriffe vom Mittwoch richteten sich angeblich gegen das Dorf Karam im Norden der Stadt Dschalalabad.
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London - "Wir graben immer noch Leichen aus den Trümmern", sagte der stellvertretende Gouverneur Sadra Asam. An den Bergungsarbeiten in Karam beteiligten sich auch Bewohner von Nachbardörfern, sagte der Taliban-Funktionär. In Karam gibt es wie in vielen abgelegenen Ortschaften Afghanistans weder ein Krankenhaus noch einen Notdienst. Die Informationen des stellvertretenden Gouverneurs konnten von unabhängigen Beobachtern nicht überprüft werden.

US-Kampfflugzeuge nahmen unterdessen am Donnerstagabend zum fünften Mal in Folge wieder ihre Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan auf. Seit rund einer Stunde werde wieder angegriffen, bestätigte gegen 18.20 Uhr (MESZ) eine Sprecherin des britischen Verteidungsministeriums. Nach ihren Angaben sind die britischen Streitkräfte an den Angriffen nicht direkt beteiligt, leisteten aber logistische Hilfe.

Nach Angaben des Fernsehsenders CNN gerieten vor allem die Hauptstadt Kabul sowie die nordwestlich gelegene Stadt Dschalalabad unter heftigen Beschuss von Kampfjets. In der Taliban-Hochburg Kandahar wurde den Angaben zufolge ein Munitionslager getroffen. Umherfliegende Projektile hätten möglicherweise Menschen verletzt. Bei den Angriffen soll das US-Militär Medienberichten zufolge neben so genannten Bunkerknacker- auch Streubomben abgeworfen haben.

Verlässliche Informationen über Opfer und Verletzte gab es allerdings auch am fünften Tag der Luftangriffe nicht. Nach Angaben der afghanischen Nachrichtenagentur AIP wurden allein am Donnerstag 130 Zivilisten getötet.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld versicherte, dass die USA in Afghanistan keine Zivilisten angriffen. Ungewollte Opfer seien aber nicht völlig auszuschließen, sagte Rumsfeld vor der Presse in Washington. "Das war schon immer der Fall." Rumsfeld und führende Militärs äußerten sich zufrieden über die bisherigen Ergebnisse der Bombardements. Es gebe aber immer noch keine völlige Lufthoheit, weil die Taliban weiter über eine Menge tragbarer Luftabwehrraketen wie die "Stinger", einige Abwehrstellungen des russischen Typs Sam und Abwehrartillerie verfügten.

Al-Qaida-Netzwerk gestört

Generalmajor Henry Osman vom US-Generalstab sagte ohne Angabe von Einzelheiten, durch die Angriffe sei das Netzwerk der Terrororganisation al-Qaida "gestört" worden. Osman bestätigte britische Informationen, wonach einige Anführer der fundamentalistischen Taliban zum Gegner übergelaufen seien.

Am Mittwoch wurden nach den Worten Osmans sieben Ziele in Afghanistan getroffen. Dazu hätten Trainingseinrichtungen, Truppen, Fahrzeuge, Raketen- und Radarstellungen bei Kandahar und Kabul gehört. Rund zehn landgestützte Bomber sowie zwölf bis 15 Kampfflugzeuge waren nach Osmans Angaben an den Attacken beteiligt. Außerdem wurden drei Tomahawk-Marschflugkörper von Kriegsschiffen abgeschossen.

Rumsfeld zeigte sich zufrieden über die internationale Unterstützung des Krieges gegen den Terrorismus. 36 Länder haben nach Angaben des Verteidigungsministeriums Truppen oder Ausrüstung angeboten, 44 Überflugrechte, 33 Landerechte und 14 das Recht auf Lagerung von militärischer Ausrüstung.

Schwere Angriffe am Tage

Am Tage hatten die USA die bisher schwersten Angriffe seit Beginn des Militäreinsatzes geflogen. In der Nähe des Flughafens von Kabul und im Osten der Stadt waren am Nachmittag starke Explosionen zu hören. Auch nahe der Militärakademie der Taliban und einer Artilleriegarnison waren am Abend schwere Detonationen zu hören. Kämpfer der Taliban reagierten mit Flugabwehrfeuer. Ein großer Feuerball war am Abend im Süden von Kabul zu sehen, wo ein Lager von Bin Laden sein soll. Von der pakistanischen Grenze aus waren auch im Gebiet von Kandahar große Feuerbälle und Explosionen zu sehen.

Zum Zeitpunkt des nachmittäglichen Angriffs gegen 17.30 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr) waren noch viele Menschen auf den Straßen von Kabul, um Einkäufe zu erledigen. In den Wohngebieten nahe des Flughafens ergriffen sie erschrocken die Flucht. Mit dem Taxi oder auf Fahrrädern eilten sie aus dem betroffenen Stadtteil. Am Himmel über Kabul waren zwei Kampfflugzeuge zu sehen, die nördlich des Flughafens Bomben Abwarfen und dann in Richtung Süden davonflogen.

Angriffe bis Sommer 2002?

Unterdessen erklärte der britische Generalstabschefs Michael Boyce, der Militäreinsatz könnte sich nach den Worten "mindestens" bis zum Sommer 2002 hinziehen. Bei der Schwächung der Luftabwehr und der Zerstörung der Ausbildungslager des mutmaßlichen Moslemextremisten Osama bin Laden seien jedoch bisher "gute Fortschritte" erzielt worden, betonte Boyce in London.

Der britische Premier Tony Blair erklärte bei einem Besuch in Kairo, den "Terroristen" werde es nicht gelingen, die Welt zu spalten und die arabische gegen die westliche Welt aufzubringen. Außenminister Jack Straw betonte, sein Land plane keine militärischen Aktionen gegen Irak oder andere Ziele außerhalb Afghanistans.

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