US-Angriffe Kabul unter Dauerfeuer
Kabul - Ein Kampfjet donnert über unsere Köpfe. Flugabwehrgeschütze feuern. Auf der Straße geht ein Taliban-Soldat hin und her, eine Kalaschnikow hängt über seiner Schulter. Er schaut in den Himmel und lauscht: ein, zwei, drei Minuten. Das Flugzeug patrouilliert am Himmel über Kabul, dann fliegt es davon. Dieses Mal fallen keine Bomben auf die Stadt.
Der Soldat geht immer noch hin und her und hält ein Radio an sein Ohr. Außer Rauschen hört er aber nichts. Radio Schariat, der Sender der Taliban, stellt seine Sendungen immer mit Sonnenuntergang ein. In diesem belagerten Land, das die USA wegen seiner Verbindungen zum mutmaßlichen Terroristenführer Osama Bin Laden angreifen, ist das Radio das einzige Fenster zur Außenwelt. In Afghanistan gibt es kein Fernsehen, die Taliban haben es verboten.
Funktionieren würde der Fernseher ohnehin nicht. Um 21 Uhr wird in Kabul der Strom abgeschaltet, um es für die Amerikaner schwieriger zu machen, Ziele für ihre Angriffe zu finden. Die Straßen sind leer, es ist still. Hunde bellen. Nur Kerzen verbreiten etwas Licht. Das Abendessen, das normalerweise in Afghanistan eher spät stattfindet, ist jetzt schon gegen acht Uhr beendet.
Wieder donnert ein Flugzeug heran
Kabul wird fast jede Nacht angegriffen. In der letzten Zeit fielen die Bomben aber vor allem auf die Frontstellungen, wo die Taliban gegen die Nordallianz kämpfen. Die USA und ihre Verbündeten vermuten, dass die wichtigsten Frontabschnitte von Arabern gehalten werden, die Bin Laden und seiner Organisation al-Qaida nahe stehen, sowie von Pakistanern, die auf Seiten der Taliban kämpfen. Am Dienstag wurde eine Gruppe militanter Pakistaner in Kabul getötet. Eine Bombe hatte offenbar das Haus getroffen, in dem sie sich versammelt hatten.
Wieder donnert ein Flugzeug über die Stadt. Dieses versucht offenbar, Flugabwehrfeuer zu provozieren, damit die Stellungen erkannt werden können. Die Taliban schießen gelegentlich, scheinen ihre Kanonen aber nur selten zu benutzen. Eine kurze Stille, dann donnert wieder ein Flugzeug heran. Die Fenster wackeln. Es gibt sechs schwere Explosionen, ihr Schein erleuchtet den Nachthimmel. Hinter den Hügeln im Norden der Stadt steigt Rauch auf. Die Bomben könnten einer Flugabwehrstellung der Taliban gegolten haben. Ob dem so ist, bleibt unklar. Niemand kann es überprüfen. Seit Beginn der Angriffe herrscht ein Ausgehverbot von 20.30 Uhr an.
Wieder kommt ein Flugzeug. Zwei Bomben fallen in der Nähe des Flughafens von Kabul, wie es scheint. Die Taliban antworten mit ihren Flugabwehrgeschützen. Aber die Maschine fliegt zu hoch. Sie donnert in die Nacht und verschwindet. In Kabul herrscht wieder Ruhe.
Von AP-Korrespondentin Kathy Gannon