US-Experte Hoffman "Terror wird Obamas Präsidentschaft prägen"
US-Präsident Barack Obama: "Sein Regierungsstil wird sich verändern"
Foto: KEVIN LAMARQUE/ REUTERSSPIEGEL ONLINE: Hat das fehlgeschlagene die Fortschritte im Kampf gegen den Terror zunichte gemacht?
Bruce Hoffman: Wir erleben gerade wirklich eine Trendwende. Im vergangenen Jahr hat es in den USA ein Dutzend Terrorismusattacken gegeben, eine pro Monat. Das ist noch nie da gewesen. Einige wurden direkt von al-Qaida organisiert, wie der Beinahe-Anschlag auf den Northwest-Airlines-Flug an Heiligabend. In anderen Fällen handelten Einzeltäter, die sich von der Ideologie des Netzwerks inspirieren ließen, wie der Massenmord durch Nidal Malik Hasan auf der Militärbasis in Fort Hood im November.
SPIEGEL ONLINE: Aber auch der heimische Terrorismus scheint zuzunehmen.
Hoffman: Amerikanische Bürger tarnen sich als "Schläfer" und schlagen irgendwann zu - wie der Fall eines in Afghanistan geborenen US-Bürgers zeigt, der von al-Qaida in Pakistan trainiert wurde, um Selbstmordattentate in Manhattan auszuführen. Außerdem gibt es noch Einzeltäter, die ganz auf eigene Faust handeln - so wie eine Gruppe von Radikalen, die im Mai festgenommen wurde. Sie wollten zwei Synagogen in der Bronx in die Luft sprengen und Militärflugzeuge bei New York abschießen.
SPIEGEL ONLINE: Die Terrorbedrohung ist also noch vielfältiger geworden.
Hoffman: Genau. Wir sehen jetzt eine brandgefährliche Allianz aus motivierten Rekruten, geschulten Qaida-Terroristen und unauffälligen Einzelgängern, die wie Hasan irgendwann zuschlagen. Es macht mir große Sorge, dass die Attacken nun aus so vielen verschiedenen Richtungen kommen. Das setzt unsere Geheimdienste weiter unter Druck. Dabei sind sie ohnehin schon überlastet.
SPIEGEL ONLINE: Doch heißt das nicht auch, dass al-Qaida schwächer geworden ist? Statt spektakulärer Großattacken muss das Netzwerk nun auf viele kleine Anschläge und Einzeltäter vertrauen.
Hoffman: Ganz im Gegenteil. Wäre die Bewegung schwächer geworden, könnte sie ja nicht so viele verschiedene Bedrohungsszenarien aufbieten. Ich glaube vielmehr, dass es sich um eine neue Strategie von al-Qaida handelt. Sie wollen so viele Einzeltäter wie möglich, um die Geheimdienste abzulenken - damit sie in Ruhe aufwendigere Attacken vorbereiten können. Das Detroit-Attentat zeigt ja, dass diese nach wie vor geplant werden.
SPIEGEL ONLINE: Verglichen mit den Anschlägen im Jahr 2001 war auch das aber noch relativ klein angelegt.
Hoffman: Der ist historisch einmalig. Aber der Detroit-Bomber hätte 300 Menschen mit einem Schlag töten können. Erinnern Sie sich nur einmal daran, was für ein politisches Erdbeben Bombenattacken mit noch weniger Todesopfern - wie 2004 in Madrid - ausgelöst haben. Oder die Attacke in London im Jahr darauf.
SPIEGEL ONLINE: Was gilt es jetzt zu tun?
Hoffman: Wir müssen die Terrorbedrohung endlich ernst nehmen. Wir müssen einfach die Risiken präziser einkreisen können.
SPIEGEL ONLINE: Schließt das auch das "profiling" von Passagieren ein, also etwa schärfere Kontrollen für Reisende aus bestimmten Ländern? Die US-Behörden sind davor bislang weitgehend zurückgeschreckt.
Hoffman: Wir können nicht alle gleich behandeln, sondern müssen die Personen finden, von denen eine echte Gefahr ausgeht. Wir müssen einfach alle Details und Charakteristika nutzen, die uns bei der Risikoeinschätzung helfen. Dabei sollten wir endlich die verfügbaren Technologien einsetzen, auch . Viele Politiker und Bürger scheinen entweder das eine oder das andere zu wollen - mehr Technologie oder mehr Ermittlungsarbeit. Dabei brauchen wir beides. Unsere Sicherheitssysteme sind als Antwort auf eine Gefahr entworfen worden, die vor acht Jahren auftauchte. Seither hat sie sich aber ständig weiterentwickelt.
SPIEGEL ONLINE: Barack Obama hat gesagt, er werde Geheimdienstfehler "nicht tolerieren". Wird er Verantwortliche in Ministerien und Geheimdiensten feuern?
Hoffman: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde auch niemand gefeuert. Darum geht es auch gar nicht. Viel wichtiger ist, die Fehler im System zu finden. Nehmen Sie das Anti-Terror-Zentrum, das neu gegründet wurde. Das sahen viele als Erfolg an - doch nun stellt sich heraus, dass die Analysten dort mit den Warnungen vor den nigerianischen Terroristen nichts anfangen konnten. Man muss untersuchen, wie es dazu kam.
SPIEGEL ONLINE: Wird dies Obamas Regierungsstil verändern? Er versprach einen Bruch mit George W. Bushs "War on Terror". Aber in seiner Rede am Dienstag klang er entschlossen wie nie, keine Kompromisse im Kampf gegen den Terror zu machen.
Hoffman: Ja, er wird sich verändern - spätestens nach dem Selbstmordattentat in Afghanistan, bei dem sieben CIA-Mitarbeiter getötet wurden. Der Kampf gegen den Terror wird auch Obamas Präsidentschaft prägen.