US-Muslime: Mittelklasse und Mainstream - DER SPIEGEL
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US-Muslime Mittelklasse und Mainstream

Einer US-Studie zufolge fühlen sich Muslime in Amerika sehr viel besser in die Gesellschaft integriert als in Deutschland und dem Rest Europas. Allerdings sind amerikanische Muslime auch deutlich besser ausgebildet - und verdienen mehr Geld.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg/Washington - Einige Löcher hat der Schmelztiegel schon abbekommen: Die USA als ein "Melting Pot" der verschiedenen ethnischen Gruppen, in dem diese zusammen fließen und sich zu einer homogenen Gesellschaft verflechten, das war wohl immer mehr Mythos als Wahrheit - insbesondere nach dem 11. September 2001.

Und dennoch sind die USA im Vergleich zu europäischen Staaten nach wie vor ein vorbildliches Integrationsland. Gefühlt, wenn beispielsweise bei der Einreise am Flughafen kaum einer der streng stempelnden Immigrations-Beamten europäisch anmutende Züge hat und akzentfrei Englisch spricht. Aber auch empirisch, wie eine neue Studie des renommierten "Pew Research Center" zeigt: Demnach sind die rund 2,4 Millionen amerikanischen Muslime sehr viel besser in die Gesellschaft integriert und als Bürger assimiliert als Mitglieder ihres Glaubens in Europa. "Middle Class and mostly Mainstream" eben - so die Überschrift zu den Ergebnissen.

Die Studie - etwa 55.000 amerikanische Muslime wurden befragt - bringt überraschende Zahlen zutage. So fühlt sich demnach die große Mehrheit der Befragten in der Gesellschaft wohl. "Das ist umso erstaunlicher, weil sie seit dem 11. September 2001 in diesem Land deutlich mehr Schwierigkeiten haben als zuvor", sagt Dr. Luis Lugo, Mitautor und Direktor des "Pew Forum on Religion & Public Life". Dieses Gefühl sei bei den Befragungen auch deutlich geäußert worden, erklärte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Bemerkenswert sei zudem, dass die amerikanischen Muslime selbst gegenüber anderen Einwanderergruppen - vor allem den sogenannten Hispanics - so viel zufriedenere US-Bürger seien.

"Harte Arbeit lohnt sich" - sagen 71 Prozent

71 Prozent der US-Muslime sind der Studie zufolge der Meinung, dass sich harte Arbeit in ihrer neuen Heimat auszahlt. Besser kann man die "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Mentalität kaum verinnerlichen - von den nicht muslimischen US-Amerikanern glauben das nur 64 Prozent. Auch ideologisch scheint die Assimilierung rasch zu gelingen: 61 Prozent begrüßen die US-Haltung zu Israel, 67 Prozent tun dies unter sonstigen Amerikanern.

Von den Befragten erklärten 42 Prozent, sie seien mit ihrer finanziellen Situation zufrieden, der Rest Amerikas liegt da mit 49 Prozent nur geringfügig höher. Die Gründe dafür sind allerdings von entscheidender Bedeutung - und machen die Vergleichbarkeit der Ergebnisse mit Europa und anderen Einwanderungsregionen schwieriger. "Die Untersuchung zeigt, dass muslimische Amerikaner größtenteils assimiliert sind, glücklich mir ihrem Leben und moderat - überwältigend anders als Muslime in West-Europa", sagt also Andrew Kohut, Chef des Pew Centers. Nur, die Zusammensetzung der Muslime in den USA ist eben eine ganz andere als beispielsweise in Deutschland: Hier kommen rund ein Viertel der Einwanderer mit muslimischem Hintergrund aus der Türkei, größtenteils aus ländlichen Regionen, sind dementsprechend schlecht ausgebildet. In den USA dagegen mischen sich muslimische Einwanderer aus 68 Herkunftsländern eher gleichmäßig, zudem ist das Bildungsniveau überdurchschnittlich hoch.

In den USA gehören Muslime – was Bildung und Einkommen angeht – sogar häufig zur Elite. Der Ökonom Robert Kaestner von der University of Illinois in Chicago hat entsprechende Zahlen zusammengetragen und veröffentlicht. "Über 50 Prozent der amerikanischen Moslems haben einen College-Abschluss", sagt Prof. Kaestner. Das ist deutlich mehr als im Rest der Gesellschaft.

Bildung und Einkommen sind zentrale Integrationsfaktoren

"Natürlich ist das ein ganz entscheidender Punkt", sagt Luis Lugo. Einkommen und Bildung seien zentrale Integrationsfaktoren. Allerdings weist er auf einen weiteren Unterschied zu Europa hin: "Die Einstellung zu Religion im allgemeinen ist in den USA eine ganz andere, die Toleranz ist da viel höher."

Man bilde die Muslime in Deutschland und dem Rest Europas also besser aus, lasse sie mehr Geld verdienen - und fertig ist die Integration? "Ich denke, dass diese Folgerung grundsätzlich auf der Hand liegt", sagt Lugo. Ausreichen würde das aber nicht, so sieht es jedenfalls der Göttinger Politikwissenschaftler Prof. Bassam Tibi. Zu der Studie will der geborene Syrer zwar nichts gegenüber SPIEGEL ONLINE sagen, weil er sie noch lesen muss - aber etwas grundsätzliches schon: "Als Ausländer kann man in Deutschland bisher noch so viele Liegestützen machen und sich anstrengen", anerkannt werde man dennoch nicht. Seit 43 Jahren ist er in Deutschland, es klingt ein bisschen verbittert.

Eine Zahl gibt es allerdings, die sowohl den Bundesinnenminister wie auch alle Freunde von Multi-Kulti in Deutschland beglücken dürfte: Der Anteil unter US-Muslimen, die Selbstmord-Terroranschläge nicht grundsätzlich ablehnen, liegt genauso wie in Deutschland bei 13 Prozent - deutlich niedriger als in den anderen untersuchten Ländern. Und obwohl die Zustimmung bei jungen Muslimen - unter 29 Jahren - generell höher ist, sind es in Deutschland mit 22 Prozent sogar weniger als in den USA mit 26 Prozent. "Sehr positiv" findet das Luis Lugo. Seine Erklärung: "Das liegt wohl genauso an dem überwiegend türkischen Anteil der Muslime in Deutschland, die eben eher moderat sind."

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