US-Politanalysen Wer knackt den Wahlkampf-Code?
Washington - Der Kampf ums Weiße Haus ist wie die Bundesliga. Es gibt Bewerber, die wirken wie Bayern München. Man hasst sie oder man liebt sie. Hillary Clinton ist so eine. Dann gibt es Bewerber, die sind etwa wie Schalke. Fast alle mögen sie, aber keiner weiß so genau, ob sie am Ende gewinnen können. Barack Obama könnte so einer werden.
Vor allem aber gibt es eine Menge Menschen, die spielen eigentlich nicht mit. Doch sie wissen alles besser. In Deutschland sind das die Millionen Hobby-Bundestrainer. In Washington heißen sie Wahlkampfexperten.
Es ist Donnerstagmorgen, zwei Tage nach den dramatischen Vorwahlergebnissen von New Hampshire, wo Hillary Clinton gegen alle Vorhersagen Barack Obama noch abfing. In einem kleinen Club in Washington, direkt am Bahnhof, sitzt eine Runde Männer auf einer Bühne. Man kennt sie aus dem Fernsehen, die Elite der US-Wahlkampfexperten. Chuck Todd von NBC News. Tad Davine, der für John Kerry und Al Gore Wahlkämpfe gemanagt hat. Scott Reed, der viele Republikaner zum Sieg führte.
"Das sind die Leute", führt der Moderator sie ein, "die vor zwei Tagen noch allen erklärt haben, warum nur Obama gewinnen kann." Die Zuhörer lachen, die Experten grinsen. Sie wissen, dass ihre Meinung manchmal eine kurze Halbwertszeit hat. Aber jetzt erklären sie halt, warum Obama verlieren musste. Chuck Todd sagt: "Vielleicht sind die Wähler zu alt für ihn." Scott Reed lobt: "Die Clintons wussten genau, sie müssen die Frauen zurückgewinnen. Das haben sie aggressiv getan." Tad Devine analysiert: "Die Leute haben einfach gezögert, Obama jetzt schon die Nominierung zu geben."
Was Experten über Bier- und Weintrinker wissen
Das wäre auch zu schade gewesen für Experten wie Todd, Reed oder Devine. Denn lange Wahlkampfschlachten sind herrliche Zeiten für sie - eine Art WM-Sommer mitten im Januar. Durch den Sieg von Hillary Clinton in New Hampshire wurden die Karten bei den Demokraten neu gemischt. Und bei den Republikanern ist das Spiel noch wunderbar unübersichtlich. Mike Huckabee, der Ex-Prediger, siegte in Iowa. Senator John McCain in New Hampshire. Der erfolgreiche Geschäftsmann Mitt Romney wird nächste Woche vielleicht in Michigan triumphieren. New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani hofft nach wie vor auf Florida, das am 29. Januar wählt. Vielleicht gibt es sogar eine Nachspielzeit - wenn sie sich bis zum Parteitag im Sommer noch nicht auf einen Kandidaten geeinigt haben. "Es ist, als ob das ganze Jahr Weihnachten wäre", jubelt Experte Todd.
Denn jetzt ist seine Spezialität erst richtig gefragt: Taktik-Debatten. Etwa über die Demokraten. Wird Clinton ihre Botschaft ändern? Wird sie den "change"-Slogan von Obama klauen? Negative Werbespots über ihn schalten? Wie wird Obama zurückschlagen? Die Insider berichten atemlos, Clinton-Spendensammler hätten in den Stunden vor der Auszählung in New Hampshire schon E-Mails ans Obama-Team geschrieben und versucht, die Seiten zu wechseln. Sie erzählen, wie rund 30 Journalisten, Experten und Berater in einem kleinen Raum in New Hampshire saßen, einige Stunden vor Schließung der Wahllokale. Darunter auch Mark Penn, Clintons Chef-Stratege. "Und keiner glaubte, sie könne gewinnen. Selbst Penn nicht." Die "Washington Post" füllte gestern drei Seiten mit Clintons Comeback. Sie hat dem Wahl-Aus ins Auge geschaut und ist wieder auferstanden. Washington liebt solche Geschichten.
Nur: Wie genau sie es geschafft hat, darüber erfahren die Zuhörer auch von den Experten wenig. Die zitieren Statistiken, Umfragen, Analysen. Clinton gewinnt die Stimmen der einfacheren Leute. "Die Biertrinker", sagen die Experten. Obama holt die besser ausgebildeten Leute. Die Weintrinker. Sie die älteren Wähler, er die jungen. Sie die Frauen, er die Männer. Haben die Frauen für Clinton gestimmt, weil sie am Tag vor der Wahl beinahe Tränen vergoss auf die Frage einer Frau, wie sie den ganzen Stress aushalte? Und männliche Journalisten das zynisch kommentierten? Jede Menge Zahlen schwirren durch den Raum. Aber eigentlich sind alle verwirrt.
Das Establishment setzt wieder auf Clinton
Und was heißt das für Barack Obama? Die vielleicht größte Leistung des Newcomers war, dass er gegen die Wahlkampfmaschine Clintons auch Granden der Demokratischen Partei und Geldgeber für sich gewinnen konnte. Nun scheint das Establishment wieder zu Hillary zu tendieren. Experte Chuck Todd präsentiert eine Umfrage unter demokratischen Spitzenleuten, die jetzt zu zwei Dritteln für Clinton stimmen. Doch Obama hat jede Menge Geld übrig, mehr noch als seine Rivalin. Für die große Schlacht am 5. Februar, wenn 22 Bundesstaaten abstimmen, kann er sich viele teure TV-Werbespots leisten. Auch in den beiden nächsten Vorwahlen in Nevada und South Carolina ist er gut aufgestellt - gerade hat ihm in Nevada die wichtigste Gewerkschaft ihre Unterstützung zugesagt. In South Carolina ist fast die Hälfte der Wähler schwarz. Zwar lieben sie Bill Clinton und respektieren seine Frau. Doch dass der schwarze Obama in einem fast weißen Bundesstaat wie Iowa deutlich gewonnen hat, könnte sie davon überzeugen, dass er wirklich eine Chance aufs Weiße Haus hat.
John Kerry findet Obama klasse
Außerdem hat sich gestern John Kerry hinter Obama gestellt. Zwar weiß keiner genau, wie viel das wert ist. Kerry trat vor vier Jahren für die Demokraten gegen George W. Bush an. Aber er verlor deutlich. Er versteht bis heute nicht, wie das passieren konnte - sonst versteht es leider fast jeder. Kerry war einfach ein lausiger Kandidat. Als vor kurzem ein Student bei einer Kerry-Rede Ärger machte und von Polizisten einen Elektroschock versetzt bekam, waren sich die US-Fernsehkomiker einig: "Das ist das erste Mal, dass jemand unter Strom steht, wenn John Kerry redet."
Doch Kerrys Organisation kann Obama helfen. Der Ex-Kandidat hat noch mehr als drei Millionen E-Mail-Adressen im Archiv. Und was ihm im Wahlkampf schadete, kann Obama möglicherweise nützen. Denn Kerry wirkt wie pures Establishment - und es tut Obama gut, dass ein so erfahrener Parteigrande gestern über ihn sagte: "Wir suchen unsere Kandidaten nach Urteilsvermögen und Charakter aus, nicht nach Lebensjahren." Mit solchen Sätzen kann sich der junge Senator aus Illinois wappnen gegen Clintons Attacken, er sei nicht bereit für das Weiße Haus.
Der Republikaner Thompson ist endlich aufgewacht
Bei den Republikanern ist die Lage noch verworrener. John McCain wirkt auf einmal wie der Mann der Stunde. Der Senator aus Arizona ist zwar schon 71 Jahre alt, und viele konservative Stammwähler sehen ihn skeptisch wegen seiner liberalen Haltung zur Einwanderung und zu Steuersenkungen. Doch er hat in New Hampshire überzeugend gewonnen und wirkt authentischer als seine Rivalen. Ex-Prediger Mike Huckabee schnitt nach seinem Triumph im religiös geprägten Iowa im zweiten Vorwahlstaat enttäuschend ab - und auch im Rest der USA sind seine Umfragewerte unter nicht-religiösen Wählern verheerend. Mitt Romney müsste nach seinen Niederlagen in Iowa und New Hampshire bei der nächsten Vorwahl in Michigan schon triumphieren, um im Rennen zu bleiben. Fred Thompson, der Ex-Schauspieler, brillierte gestern Abend bei einer TV-Debatte erstmals mit Schlagfertigkeit und Witz - doch weil er vorher als Bewerber meist schläfrig wirkte, hat er kaum Spenden sammeln können. Als Südstaatler aus Tennessee setzt er ganz auf einen Sieg in South Carolina. Aber in den Umfragen liegt er selbst dort zurück.
Und Rudy Giuliani? "Will der eigentlich Präsident werden? Hat er überhaupt eine Strategie?", fragen die Experten und lachen. New Yorks Ex-Bürgermeister setzt ganz auf einen Sieg in Florida, und auf die großen Vorwahlstaaten in Kalifornien und New York am 5. Februar. In den Staaten zuvor ist er kaum aufgetreten. Doch dadurch kommt Giuliani in den Wahlkampfdebatten kaum noch vor - und ist auch im Rest des Landes zurückgefallen. Die Analysten auf dem Podium in Washington sind sich einig. Nur eine Terrorattacke vor Ende der Vorwahlen könnte Giuliani zurück ins Spiel bringen. Weil er dann Emotionen und Stärke zeigen könne.
Sie finden die Idee spannend, sie diskutieren sie ausführlich. Ohne dabei mit der Wimper zu zucken.