US-Senatorin Boxer Neue Heldin der Linken
New York - Fast hätte sie alles hingeschmissen, bevor es überhaupt anfing. 1992 war das, im demokratischen Vorwahlkampf zum US-Senat. Ihre Kasse war leer, in den Umfragen lag sie weit hinter den Parteirivalen, die Medien zerrissen sie in der Luft. Sie wollte aussteigen.
Nur einen Tag vor der Meldefrist, erinnert sich Barbara Boxer in ihrer Autobiografie "Strangers in the Senate", hätten sie ihre Tochter Nicole und ihr Sohn Doug überredet, trotzdem weiter zu machen. Und so gewann sie erst die Vorwahlen gegen ihre innerparteilichen Männer-Rivalen und dann, denkbar knapp, die Senatswahl gegen den Republikaner Bruce Herschensohn, einen TV-Kommentator und vormaligen Ghostwriter für Richard Nixon. Es war, bezeichnenderweise, das "Jahr der Frau".
Heute tun die amerikanischen Demokraten gleich mehrere Stoßseufzer, dass sie sie damals haben walten lassen, die erzliberale Senatorin aus Kalifornien, die eigentlich ja aus New York kommt. Barbara Boxer, 63, ist plötzlich der Star dieser malträtierten Partei, die "Heroine der Linken" (CNN). Schon wollen ihre Fans sie noch weiter nach oben schubsen: "Boxer for President" ist der Name einer taufrischen Blogger-Website der Humoristin Madeleine Begun Kane, und die meint's ernst.
Eine Ohrfeige für die Außenministerin
Noch ist Mrs. Boxer anderweitig beschäftigt. Zum Beispiel mit der designierten US-Außenministerin Condoleezza Rice, die sie jetzt bei ihrer oligatorischen Senats-Inquisition vor laufenden Kameras zurechtstutzte. "Ich glaube persönlich", sagte sie Rice direkt ins Gesicht, "dass Ihre Loyalität zu der Mission, die Sie bekommen hatten, diesen Krieg zu verkaufen, Ihren Respekt für die Wahrheit überwältigt hat." Rice wich keinen Zoll: Sie verbat sich, "meine Glaubwürdigkeit oder meine Integrität in Frage zu stellen".
Da jauchzte selbst die konservative "New York Post", einem guten politischen Damen-Zank nie abgeneigt: "Boxer will Rice K.o. schlagen!" Mehr noch dürfte sich Boxer aber über die grienende Schlagzeile der "Washington Post" gefreut haben: "Rice langsam weichgekocht."
Boxer macht ihrem Namen alle Ehre. Als habe sich die gerade 1,50 Meter kleine Feministin mit dem Faible für grobe Tweed-Blazer vorgenommen, sich ausgerechnet an der ersten schwarzen Frau an der Spitze des State Departments zu profilieren - zu einer Zeit, da die Demokraten sonst ja kaum mehr Profil haben. So hat Boxer auch erreicht, dass Rices Bestätigung, obgleich per Mehrheit garantiert, demonstrativ hinausgezögert wurde bis nach der Vereidigung von Präsident George W. Bush, eine klassische Washington-Ohrfeige.
Selbst die Linken winden sich leise
Stattdessen kam es im Senatsplenum also, unter stiller Regie Boxers und bebender Leitung der Senatslegende Ted Kennedy, zur neunstündigen Anti-Rice-Show - und zu einer Generalabrechnung mit der Irak-Politik Bushs, bei der ein Demokrat nach dem anderen ans Pult trat und der Regierung die Leviten las, als ließe sich das Wahlergebnis doch noch wenden.
Es war eine typische Boxer-Aktion: krass, laut, impulsiv, kein Blatt vorm Mund - doch am Ende nur müßig, angesichts vollendeter Tatsachen. Ebenso symbolisch hatte sie vor ein paar Wochen im Senat ja auch versucht, die endgültige Absegnung des November-Wahlergebnisses wegen der eklatanten Ungereimtheiten in Ohio zu stoppen, als eine von nur zwei furchtlosen Proteststimmen in ihrer Partei. Die andere war ihre enge Freundin Stephanie Tubbs Jones aus dem Repräsentantenhaus. Immerhin erreichte Boxer, dass sich die zeremonielle Auszählung der Wahlmännerstimmen um vier endlose Stunden verzögerte. Die Republikaner tobten.
"Entweder du liebst sie oder du hasst sie", sagt AP-Reporterin Erica Werner, die Boxer in ihrem kalifornischen Heimatbezirk Marin oft begleitet. Dazwischen findet sich wenig, weder für die Gegner auf der Rechten noch die Freunde auf der Linken, die sich angesichts der Chuzpe Boxers selbst oft leise winden. "Sie weckt extreme Loyalität und fast ebenso giftige Abneigung, was man ihr zu Gute halten muss", sagt der kalifornische Demokrat John Burton, einer ihrer alten politischen Mentoren. "Sie unterschätzen Barbara immer wieder, und immer wieder schlägt Barbara sie."
Nachbarn zum Aufstand mobilisiert
Da lacht sie selbst nur. "Ich glaube nicht an solche Etiketten", sagt sie abwinkend. "Ich bin nun mal, wer ich bin, mehr nicht. Ich tue doch nur meine Arbeit. Ich sage die Wahrheit."
Wer sie kennt, den überraschten die Senats-Szenen dieser Tage nicht. Schließlich ist Boxer in Brooklyn aufgewachsen, allein das will was heißen. Schon dort mobilisierte sie ihre Nachbarn zum Mieteraufstand, um die Verlegung von Teppichboden in den Wohnungen durchzusetzen. Sie lernte schnell, sich Gehör zu verschaffen - selbst wenn sie bis heute bei Pressekonferenzen auf eine Holzkiste steigen muss, um bis ans Mikrofon zu reichen. Im College setzte sie sich unerschrocken gegen sexuelle Belästigung zur Wehr. Und später gegen den Chauvinismus der Vorgesetzten.
Die Ermordungen der Kennedy-Brüder und der Vietnamkrieg trieben sie in die Politik. Sie zog nach Kalifornien. Auch dort rief sie die Nachbarschaft auf die Barrikaden. Sie ließ sich in den Bezirksrat wählen, wo sie unter anderem den Bau eines Flughafens verhinderte. Nach zehn Jahren im US-Repräsentantenhaus stieg sie 1992 schließlich in den Senat auf - im selben Jahr, da auch ihre Parteifreundin Dianne Feinstein den Sprung schaffte. Es war das erste Mal in der Geschichte des Bundesstaates, dass Kalifornien zwei Frauen in die Hauptstadt entsandte. Obendrein "zwei jüdische Frauen", wie das jüdische Quartalsblatt "Women's League Outlook" damals erfreut anmerkte.
Platz fünf der liberalen Rangliste
Feinstein spielte im Senat fortan die moderate, versöhnliche Aushängefrau der Demokraten. Boxer dagegen wollte davon nichts wissen. Nicht umsonst war sie schon 1991 mit sieben Kolleginnen vom Unterhaus laut protestierend ins Oberhaus hinübermarschiert, um sich für die schwarze Sekretärin Anita Hill einzusetzen, die den designierten Obersten Bundesrichter Clarence Thomas der Anmache beschuldigte.
In den meisten Abstimmungen votierte Boxer fröhlich links von der Parteilinie. Das Polit-Magazin "National Journal" führt sie auf Platz fünf der liberalen Rangliste. Sie hat gegen Ölkonzerne, Umweltsünder, Militärs und Noch-Justizminister John Ashcroft gekämpft - und, mitunter auf verlorenem Posten, für die Menschenrechte, die Abtreibung und den Skandal-Präsidenten Bill Clinton. Ihre Tochter ist mit Hillary Clintons Bruder verheiratet. Sie machte publik, dass das Pentagon 7600 Dollar für eine Kaffeetasse ausgab. Sie stimmte gegen den Irak-Krieg und dessen Finanzierung.
Dem demokratischen Bürgermeister von San Francisco, Gary Newsom, verpasste sie ebenso flott einen Rüffel, weil der durch seine schwulen Massentrauungen den Republikanern nur unnötig Wahlkampfmunition geliefert habe. Ihrem Ansehen bei den Wählern schadet das alles nichts: Im November schlug sie ihren Senats-Herausforderer Bill Jones um satte 20 Prozentpunkte. "Ich stimme ihr nicht immer zu", sagt Parteifreund Charles Schumer. "Doch sie ist völlig authentisch. Sie glaubt wirklich an das, was sie sagt."
"Politik ist nichts für schwache Herzen"
Ihre Respektlosigkeit macht andere hingegen rasend. "Sie ist eine weibliche Version von John Kerry", wütet der Polit-Stratege Arnold Steinberg. "Auf Fotos posiert sie selten mit geschlossenem Mund." Der Kolumnist Colbert King rückte Boxer in der "Washington Post" sogar in die Nähe von Rassismus, wegen ihrer Rice-Frontalattacke: Boxer erinnere ihn an den Radio-Talker John Sylvester, der Rice als eine "servile Schwarze", beschrieben habe, "die sklavisch für das Weiße Haus Bushs rackert".
Auch darüber kann Boxer nur lachen. "Politik", sagt sie, ihre Kollegin Nancy Pelosi zitierend, die Top-Demokratin im Repräsentantenhaus, "ist eben nichts für schwache Herzen."