US-Vorwahlen High Noon in Texas
Austin - Alles steht bereit zur großen Schlacht. Hunderte von "Hillary"-Plakaten stapeln sich am Eingang des Wahlkampfbüros, wie Schutzschilder einer Armee. Die Wände sind mit Listen tapeziert: Telefonaktionen, Demo-Termine, Mitwohngelegenheiten. "Hast du deinem Superdelegierten schon gemailt?", mahnt ein Zettel. Daneben hängt ein Foto von Hillary Clinton, in einem dicken goldenen Rahmen. Als sei sie bereits Staatschefin.
Clintons Wahlkampfzentrale in der texanischen Haupstadt Austin ist gut gerüstet für den Tag dieses Vorwahl-Marathons, der für sie alles entscheiden kann. Berufsoptimismus herrscht vor. "Wir sind enorm enthusiastisch", sagt Kamyl Bazbaz, Clintons Pressemann in Austin und wie viele hier ein kurzfrisiger Aushilfsimport. Der Jung-Politologe wohnt eigentlich in New York.
Sonntagnachmittag. Nicht mal 36 Stunden, bis es ernst wird: Bazbaz steht im Clinton-Büro, einem Flachbau südlich von Downtown. Draußen haben sie Plastikbecher zu Buchstaben in den Zaun gesteckt: "Clinton 08". Drinnen lärmender Trubel: Dutzende Freiwillige sitzen an Telefonen, malen Schilder, diskutieren in Strategie-Grüppchen. Shirley Weiler, eine Sozialarbeiterin, ist zum ersten Mal dabei - weil sie "eine Frau im Weißen Haus" will. Täglich bis zu 300 Freiwillige, sagt Bazbaz, würden hier Wahlkampfdienst für Clinton schieben. "So einen Aufmarsch haben wir noch nie erlebt."
Den werden sie auch brauchen: In Texas sowie im ebenfalls wichtigen Vorwahlstaat Ohio entscheidet sich morgen Clintons Schicksal. Wenn Clinton in Texas und Ohio gewinnt, bleibt sie im Rennen. Wenn sie verliert, nach elf vorherigen Niederlagen, ist hier wohl Schluss.
"Als führe man einen landesweiten Wahlkampf"
Auch wenn sie nur in Texas verliert, steht es schlecht um sie. "Wir müssen am Dienstag gewinnen", gestand selbst die Kandidatin hier am Wochenende ein, auf einer Spenden-Gala in San Antonio, bei der die Alt-Feministin Gloria Steinem zur Damen-"Revolution" aufrief.
Und so ist Wildwest-Texas plötzlich zum Schauplatz des möglicherweise finalen Showdowns zwischen Clinton und Obama geworden - was allein logistisch eine gigantische Herausforderung bedeutet.
Denn der "Lone Star State" ist größer als Frankreich - mehr als 1000 Kilometer breit und ebenso lang, 24 Millionen Einwohner, ein Patchwork aus völlig gegensätzlichen Regionen. Nord- und Zentraltexas sind konservatives Bush-Land; Südtexas ist die Hochburg der Ölbarone und Latino-Immigranten; West Texas gilt als der echte Wilde Westen; Osttexas hat den richtigen Südstaaten-Charme. Und mittendrin liegt Austin, die linksliberale Studentenmetropole. 12 Prozent Afro-Amerikaner. 36 Prozent Hispanics, allein die sind eine unberechenbare Wahl-Größe.
"Es ist, als führe man einen landesweiten Wahlkampf", sagte Garry Mauro, Clintons Texas-Wahlkampfchef, der "New York Times". "Es gibt keine Ähnlichkeiten zwischen Amarillo und Brownsville und Beaumont und Texarkana und El Paso und Austin und Houston und Dallas. Überall haben wir getrennte demografische Gruppen mit sehr diversen Interessen."
Und das erfordert einen gigantischen Aufwand. Namentlich Abermillionen Dollar - für eine ausgetüftelte Wahlkampfstrategie, die massive Bodentruppen einsetzt, aber auch im Fernsehen und im Internet zuschlägt. "Meet me in Texas!", hatte Clinton ihrem Rivalen kürzlich herausfordernd zugerufen. Polit-High-Noon im Wilden Westen.
Flächendeckende Wahlkampfwerbung
Dazu hat Clinton in Texas - zu dessen demokratischer Führung sie langjährige Verbindungen hat - 18 Büros eröffnet. Während sie durch die großen Städte tingelte, klapperte Gatte Bill die Provinz ab. Tochter Chelsea verschickte E-Mails, um Freiwillige nach Texas zu locken: "Wir brauchen so viele Leute wie möglich." Mehr als 41.000 sind gekommen. Einige, so Sprecher Bazbaz, sogar aus den Niederlanden.
Barack Obama hat seine Texas-Operation dagegen in aller Eile zusammengeschustert. Mit "Kordeln und Klebeband", sagt sein Texas-Chef Mitch Stewart. Nur ein Dutzend bezahlter Wahlkampfhelfer war anfangs hier. Nach dem Super Tuesday wurden 200 weitere eingeflogen und auf inzwischen 25 Büros verteilt. Unterstützt werden auch sie von einem Heer Tausender Freiwilliger.
Doch ein Mammutstaat wie Texas lässt sich am Ende nur mit Fernsehspots erreichen, und das ist eine teure Angelegenheit. Wer hier flächendeckend werben will, muss in 20 separaten TV-Märkten antreten - sowie auch in Oklahoma und Louisiana, wenn er jede Ecke ausleuchten will.
Obama, dessen Wahlkampfkasse reich gefüllt ist, hat nach Angaben der Campaign Media Analysis Group allein von Mitte bis Ende Februar in Texas TV-Spots für insgesamt 5,9 Millionen Dollar geschaltet - fast doppelt so viel wie Clinton, die im gleichen Zeitraum 3,6 Millionen Dollar investierte. Übers Wochenende hat die frühere First Lady allerdings merklich aufgeholt. Mit dem Ergebnis, dass hier im Lokalfernsehen mittlerweile fast durchgehend Demokraten-Wahlwerbung läuft.
Kompliziertes Wahlsystem: "Bei uns bringt das erwachsene Männer zum Heulen"
Der provokanteste dieser Spots geht auf Clintons Konto. 30 Sekunden kurz und "Red Phone" betitelt , ist er zwar nur in Texas zu sehen. Über YouTube aber hat er schnell landesweit Prominenz erlangt - nicht zuletzt auch in den anderen Vorwahlstaaten. Was das Clinton-Team natürlich eingeplant hatte.
Die Szene beginnt mit schlafenden Kindern. Ein Telefon klingelt. "Es ist drei Uhr nachts", sagt ein sonorer Sprecher. "Doch da ist ein Telefon im Weißen Haus, und es klingelt. In der Welt ist etwas passiert. Ihre Stimme entscheidet, wer diesen Anruf beantwortet." Das Telefon klingelt und klingelt, der Sprecher redet vom "Militär", von einer "gefährlichen Welt". Der Spot endet mit Clinton im Licht einer einsamen Schreibtischlampe - Telefonhörer am Ohr.
TV-Spot: Wenn nachts im Weißen Haus das "rote Telefon" klingelt
Dies steht in der alten Schock-Tradition, wie sie bisher eigentlich ein Steckenpferd der Republikaner war. Das letzte Mal, dass die Demokraten derart mit den Ängsten der Wähler spielten, war im Vorwahlkampf 1984 - ebenfalls in Texas. Damals fuhr Walter Mondale ein ähnliches "rotes Telefon" gegen seinen Konkurrenten Gary Hart auf: "Die mächtigste Verantwortung der Welt liegt in der Hand dessen, der dieses Telefon abnimmt."
Mondale gewann zwar die Nominierung, verlor später jedoch die Wahl gegen Ronald Reagan. Beide Spots gingen aufs Konto des Werbegurus Roy Spence, der jetzt für Clinton arbeitet.
Es dauerte nur Stunden, bis Obama in Texas mit seinem eigenen Telefon-Spot nachlegte . Der begann gleichermaßen mit schlafenden Kids. "Wenn dieser Anruf beantwortet wird", intonierte der Sprecher, "sollte der Präsident nicht derjenige sein, der Urteilsvermögen und Courage hatte, den Irak-Krieg von Anfang an abzulehnen?" Auge um Auge - im Texas-Stil.
Clinton nutzt das "rote Telefon" seither unbeirrt als Standardformel, um Obama im Law-and-Order-Staat Texas als Schwächling zu diskreditieren. Seinen Einwand, sie betreibe "Angstmache", verhöhnte sie vor Tausenden in Dallas mit den Worten: "Ich glaube nicht, dass die Leute in Texas so schnell Angst haben."
"Wartet nur ab"
Schnell kam es zum Fernduell. Welche konkrete "Rote-Telefon-Erfahrung" Clinton denn habe, schimpfte Obama. Clinton konterte, sie sei "an vielen Entscheidungen beteiligt" gewesen. Ach ja, einen "Red-Phone-Moment" habe es wirklich gegeben, erwiderte Obama - die Frage, ob die USA in den Irak einmarschieren sollten. "Senator Clinton gab die falsche Antwort." Und so schaukelte es sich tagelang hoch, von Wahlkampftermin zu Wahlkampftermin.
Wie wirksam das alles ist, bleibt offen. Denn die tollste Strategie kann in Texas schnell scheitern - an dem verflixten Wahlsystem. Erstens kann man hier in Texas bereits seit zwei Wochen "frühwählen". Schon am ersten Tag gingen 65.000 Stimmen ein, ein historischer Rekord - von den jüngsten Scharmützeln unbeeinflusst.
Zweitens besteht der morgige Wahltag aus zwei Etappen: Erst wird ganz normal gewählt. Gleich anschließend werden dann Caucusse abgehalten. Rund ein Drittel der 228 Parteitagsdelegierten werden auf diesen Caucussen bestimmt - aber auch die erst über den Umweg späterer Bezirksparteitage. Die anderen Delegierten werden mit einer Formel ermittelt, die sich, auch das noch, an der Senatswahlbeteiligung von 2004 orientiert.
"Primacaucus" nennen sie das Ganze, im Ernst. Obamas Freiwilligen-Team hält tägliche Trainingsseminare ab, um das zu verstehen und den Wählern klarmachen zu können. Clinton sagte zu dem System nur: "Bei uns bringt das erwachsene Männer zum Heulen."
Wem von beiden diese texanische Sonderregel letztendlich hilft, weiß keiner. Doch Texas hatte ja immer schon den Anspruch, anders zu sein als andere Staaten. "Wartet nur ab", warnt Clinton-Helferin Shirley Weiler in Austin. "Die große Überraschung kommt noch."