US-Vorwahlen: Romneys verschenkte Themen - DER SPIEGEL
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US-Vorwahlen Romneys verschenkte Themen

Wahlkampf ohne Ende: Mitt Romney kommt der Republikaner-Nominierung näher, doch ihm blühen weitere schmutzige Debatten mit den Gegnern aus der eigenen Partei. Jetzt wird es Zeit, dass er endlich Amerikas Probleme zum Thema macht.
Mitt Romney, Gattin Ann: Große Chance verspielt
Mitt Romney, Gattin Ann: Große Chance verspielt

Mitt Romney, Gattin Ann: Große Chance verspielt

Foto: WIN MCNAMEE/ AFP
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Er hat ein verschmitztes Lächeln, eine spitze Zunge und einen großen Vorteil: Zbigniew Brzezinski, einst Nationaler Sicherheitsberater für Präsident Jimmy Carter und seither graue Eminenz unter Amerikas Sicherheitspolitikern, darf als Amerikaner so harsch über sein Land sprechen, wie dies Europäern nicht gestattet ist. Etwa über den Vorwahlkampf der US-Republikaner.

Dieser droht zum Wahlwahnsinn ohne Happy End auszuufern. Republikaner Mitt Romney ist am Super Tuesday der Nominierung durch seine Partei näher gekommen, aber mal wieder nur ein Stückchen - noch immer kann er sich für das Duell mit Präsident Barack Obama nicht offiziell rüsten.

Brzezinski hat genug gesehen, er fühlt sich wie jemand, der zu lange Trash-TV geschaut hat: irgendwie schmierig. "Ich schäme mich als Amerikaner, wenn ich die republikanischen Präsidentschaftsbewerber erlebe", poltert der Politveteran. Sein vernichtendes Urteil: Die konservativen Kandidaten meinten entweder ernst, was sie sagten, dann seien sie dumm. Oder sie wollten mit ihren Reden bloß gezielt stramm rechte Wähler umschmeicheln. Dann seien sie verlogen.

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US-Republikaner: Duell am Super Tuesday

Foto: JIM YOUNG/ REUTERS

Was im Wahlkampf hingegen völlig zu kurz komme, klagt Brzezinski, sei das eigentlich Notwendige: eine Diskussion über Amerikas drängende Probleme. Kein einziger Bewerber für das mächtigste Amt der Welt habe die Traute, US-Bürgern die amerikanische Krisenformel: "We need to talk" zuzurufen - wir müssen mal reden.

Reden über Amerikas Krisen, die Brzezinski in seinem neuesten Buch so zusammenfasst:

  • eine explodierende Staatsverschuldung: Ohne Budgetreform werden Amerikas Verbindlichkeiten laut Brookings Institution schon 2025 auf über 108 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hochschnellen - beinahe Größenordnungen wie im Pleitestaat Griechenland.
  • ein nach wie vor lax kontrolliertes Finanzsystem, in dem die vier größten US-Banken nun sogar noch größer sind als vor der Weltfinanzkrise, "too big to fail" also. Das lädt zu neuen Zockereien ein.
  • eine dramatisch gewachsene Kluft zwischen Arm und Reich, in dem das reichste Prozent der US-Gesellschaft fast vierzig Prozent des gesamten Vermögens angehäuft hat.
  • eine verrottende Infrastruktur, der von Amerikas Ingenieursinnung ein "D" verliehen wurde - mit so einer miserablen Note müssen amerikanische Schüler um die Versetzung bangen. Ein Beispiel: In China fahren auf 5000 Kilometer Schienen modernste Hochgeschwindigkeitszüge. Amerikas Bilanz: 0 Kilometer.
  • öffentliche Ignoranz gegenüber dem Rest der Welt: 88 Prozent der jungen Amerikaner konnten in Umfragen Afghanistan nicht auf der Landkarte finden, während US-Soldaten dort kämpften.
  • ein politisches System, in dem heillos zerstrittene Lager lieber blockieren statt kooperieren, angefeuert von parteiischen Medien - und dank neuer Spendenvorschriften fünf schwerreiche Individuen rund 25 Prozent aller Vorwahlausgaben der Republikaner finanzieren durften.

Von den konservativen Bewerbern ist zu diesen Punkten nichts zu hören - abgesehen von den Staatsschulden, die durchweg Obama angelastet werden. Stattdessen überbieten sie sich in Beschwörungen, wie einzigartig Amerika noch immer sei.

Allen voran: Managementberater Romney, der sich sonst gern als kühler Problemlöser geriert - doch mit seiner plumpen Rhetorik eine große Chance verspielt.

Denn Amtsinhaber Barack Obama ist im November nicht nur bezwingbar, sollte der Benzinpreis hoch bleiben, die Israelis Iran attackieren oder Atomwaffenstaat Pakistan implodieren. Der Demokrat ist auch angreifbar, weil er die Probleme, die Brzezinski anprangert, weitgehend ignoriert hat.

Schließlich will der Präsident allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz das Staatssparen nur halbherzig angehen und mehr Schulden machen. Obama hat die großen Banken nicht zerschlagen, sein Finanzminister Timothy Geithner gilt als Freund der "1 Prozent". Ambitionierte Infrastrukturprojekte wie Hochgeschwindigkeitszüge sind steckengeblieben - und die von Obama versprochene Versöhnung in Washington lässt auf sich warten.

Ein intelligenter Republikaner, und Intelligenz will niemand Romney abstreiten, könnte ihn dafür wirksam attackieren - und so gar als verantwortungsbewusster Debattenanstoßer erscheinen, im Stile Obamas vor vier Jahren.

Doch stattdessen droht nun in den kommenden Monaten mehr republikanischer Wahlzirkus, befeuert von neuen Spendenmillionen und einer aufgepeitschten Parteibasis. Romney brandmarkt den Demokraten bereits pflichtschuldig als "europäischen Sozialisten". Obama dürfte entsprechend zurückschlagen, also sind auch im Hauptwahlkampf Kriege statt Debatten zu erwarten.

Sollen wir Krisen-Europäer uns über diese seltsame Nabelschau Amerikas freuen? So wie China, das insgeheim frohlockt, wie sich Amerika von strategischen Weichenstellungen ablenken lässt?

Ergebnisse der US-Vorwahl

Doch Europa kann nur verlieren, wenn Amerika sich im Wahlwahn zerfleischt und seine Probleme ignoriert. Brzezinski, der weise Amerikaner mit europäischen Wurzeln, knurrt: "Kann Amerika nicht mehr führen, vermag kein Land auf der Welt diese Lücke zu füllen."