US-Wahl: Gore holt auf - DER SPIEGEL
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US-Wahl Gore holt auf

Bei der Nachzählung der Stimmen zur Präsidentenwahl in Florida hat sich der Vorsprung des Republikaners George W. Bush offenbar deutlich verringert. Gores Mannschaft will nun in einigen Bezirken noch einmal per Hand nachzählen lassen. Inzwischen häufen sich die Klagen über Unregelmäßigkeiten bei der Wahl.
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Washington - Der Abstand zum Demokraten Al Gore betrug nach der neuen Auszählung in 56 von 67 Bezirken 776 Stimmen. Das meldete der Nachrichtensender CNN am Donnerstag unter Berufung auf die Wahlbehörde in Tallahassee. Das Gesamtergebnis soll am späten Nachmittag Ortszeit (gegen Mitternacht MEZ) bekannt gegeben werden.

Im Bezirk Pinellas wurde die Neuzählung wiederholt, nachdem Gore dort zunächst 400 zusätzliche Stimmen erhielt, die am Dienstag nicht mitgezählt worden waren. Die Wahlleitung in Florida kündigte an, die Nachzählung werde bis zum Abend Ortszeit (Nacht zum Freitag MEZ) abgeschlossen sein.

Von dem Ergebnis hängt ab, wer neuer Präsident der USA wird. Nach der Wahl am Dienstag lag Bush laut der ersten Auszählung 1784 Stimmen vor Gore. Beide erhielten damit 48,9 Prozent der Stimmen. Das Wahlgesetz in Florida sieht eine Neuzählung vor, wenn die Ergebnisse der Kandidaten weniger als einen halben Prozentpunkt auseinander liegen.

Die Demokratische Partei will nun die Stimmen in einigen Wahlbezirken in Florida noch einmal per Hand auszählen lassen. Wahlkampfmanager William Daley erklärte, es sei möglich, dass die Demokraten in Palm Beach möglicherweise eine Neuwahl beantragen würden. Dort habe es eine "massive Verwirrung" wegen der Stimmzettel gegeben. "Technische Fragen sollten nicht über die Präsidentschaft entscheiden, sondern der Wille des Volkes", sagte er.

Nach Berichten über Unregelmäßigkeiten wurden Klagen gegen den Wahlablauf eingereicht. Gores Wahlmannschaft sagte, sie erwäge ebenfalls juristische Schritte.

Berichte über Unregelmäßigkeiten und Manipulationen

Der demokratische Abgeordnete des Repräsentantenhauses, Robert Wexler, sagte im US-Fernsehen, offenbar seien 19.000 Stimmen im Distrikt Palm Beach ungültig, weil die Stimmzettel verwirrend gewesen seien. Viele Wähler hätten aus Versehen dem erzkonservativen Kandidaten der Reform-Partei, Pat Buchanan, ihre Stimme geben. Anschließend hätten sie versucht, statt dessen Gore zu wählen und hätten damit ihre Stimme ungültig gemacht. "Ich höre Empörung - offen gesagt, sogar Hysterie", sagte Wexler, der aus Florida stammt. Zudem habe die Reihenfolge der Namen auf den Zetteln nicht den gesetzlichen Vorschriften entsprochen.

Buchanan sagte den Fernsehsender NBC, etwa 3000 Stimmen für ihn in Palm Beach gehörten wohl Gore. Vor Landes- und Bundesgerichten wurden mindestens zwei Klagen eingereicht. Für den Nachmittag (Ortszeit) wurde ein Protestmarsch angekündigt.

Die Bürgerrechtsgruppe NAACP forderte US-Justizministerin Janet Reno auf, Berichte über Vorfälle zu untersuchen, nach denen Schwarze unter verschiedenen Vorwänden an der Wahl gehindert worden seien. Es gebe Anzeichen für "ein Muster von absichtlichen Versuchen, die Zahl der Stimmen von Amerikanern afrikanischer Abstammung zu drücken". Reno sagte zu, die Bitte zu prüfen. In Florida hat es bei früheren Wahlen Berichte über Unregelmäßigkeiten gegeben. Die Wahl des Bürgermeisters von Miami war 1997 wegen Fälschungen der Briefwahl für ungültig erklärt woren. Mindestens eine Stimme wurde damals im Namen eines Toten abgegeben.

Gores Wahlkampfleiter William Daley sagte CNN, Anwälte der Demokraten prüften gerade das weitere Vorgehen. Beide Kandidaten haben Anwälte nach Florida entsandt, die die Stimmenzählung überwachen. Für Bush beobachtet zudem der frühere republikanische Außenminister James Baker den Vorgang, für Gore ist der demokratische Ex-Außenminister Warren Christopher im Einsatz. Bush jüngerer Bruder Jeb, der Gouverneur von Florida, kündigte am Mittwoch seinen Rücktritt von dem Gremium an, das die Wahl beglaubigt. Er wolle jedem Anschein eines Interessenkonflikts vorbeugen, sagte er.

Möglicherweise wird erst die Auszählung der Briefwahlstimmen die Wahl entscheiden. Dies könnte mehr als eine Woche dauern. Wähler aus Florida, die im Ausland leben, mussten ihre Stimme bis Dienstag abgeschickt haben. Danach haben die Briefe zehn Tage Zeit, um die Wahlleitung zu erreichen. Bei der Präsidentenwahl 1996 gab es 2300 Briefwähler. Floridas Wahlleiter Clay Robers sagte dagegen, die Mehrzahl der Briefwahlstimmen sei wahrscheinlich bereits in der ersten Zählung berücksichtigt worden.

Gore hält landesweit einen Vorsprung von weniger als einem Prozentpunkt oder rund 150.000 der etwa 100 Millionen abgegebenen Stimmen. In den USA wird der Präsident jedoch indirekt, über ein Wahlkolleg mit 538 Wahlmännern, gewählt. Von ihnen werden 270, die absolute Mehrheit, für einen Sieg benötigt. Nach den bisherigen Ergebnissen aus den anderen Bundesstaaten und dem Regierungsbezirk Washington kommt Gore auf 260, Bush auf 246 Wahlmännerstimmen. Florida stellt die entscheidenden 25 Wahlmänner.