US-Wahlkampf: Bushs himmlischer Beistand - DER SPIEGEL
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US-Wahlkampf Bushs himmlischer Beistand

US-Präsident George W. Bush macht nicht nur mit seinen Weltallplänen Wahlkampf, sondern auch mit dem Himmel. Religiosität soll der Stützpfeiler seiner Kampagne werden. Damit treibt er die demokratischen Kandidaten in die Enge - und Howard Dean gar in die Kirche: Der erklärt dem Wahlvolk neuerdings, nun auch täglich zu beten.
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Kurz vor Weihnachten führte "Newsweek" ein Interview mit dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Howard Dean. Es ging um den Wahlkampf, um Osama Bin Laden, die demokratischen Rivalen. Bis das Nachrichtenmagazin spirituelle Neugier überkam: "Sehen Sie Jesus Christus als den Sohn Gottes und als den Weg zu Erlösung und ewigem Leben an?", lautete die drittletzte Frage. Dass Christus der Sohn Gottes ist, wollte Dean nicht bestreiten. Aber ob er erlöst werde, antwortete der demokratische Hoffnungsträger, hänge doch eigentlich nicht von ihm ab.

Eine gefährlich vage Formulierung für einen Anwärter auf das Weiße Haus im Amerika des Jahres 2004. Für den bevorstehenden Wahlkampf erwarten viele US-Politikexperten Religion als ein zentrales Thema. "Seit dem Bürgerkrieg ist dieses Land nicht so geteilt gewesen", sagt John Kenneth White, der ein Buch über die Wertedebatte in Amerika geschrieben hat. "George W. Bush und seine demokratischen Herausforderer führen ihre Kampagnen in moralisch völlig unterschiedlichen Universen." Zur Bestätigung diagnostizierte das einflussreiche Intellektuellenblatt "The New Republic" gleich in einer Titelgeschichte "Deans Problem mit der Religion".

Wie Bushs moralisches Universum aussieht, hat er diese Woche in seiner Rede an die Nation erneut deutlich ausgemalt. Seine Rhetorik stammt aus dem Wörterbuch neugeborener Christen, zu denen sich der Präsident selber zählt. Demnach sind religiöse Einrichtungen Pfeiler der Zivilisation, Kinder müssen vor den negativen Einflüssen der Massenkultur bewahrt werden, sexuelle Enthaltsamkeit und Anleitung zur Gottesfurcht verdienen staatliche Unterstützung - und die "Heiligkeit" der Ehe gilt es mit allen Mitteln zu verteidigen, notfalls mit einem Verfassungszusatz zum Verbot der Homo-Ehe.

Demokratische Größen wie der ehemalige Clinton-Mitarbeiter Bruce Reed haben für derlei Botschaften kaum mehr als zynische Kommentare parat. Beispiel: "Wer keine Mittel für Politik hat, belehrt andere lieber über Werte." Doch Bush gelang es nicht nur, die für seine Wiederwahl äußerst wichtige christliche Rechte zu erfreuen, sondern auch die Glaubensfrage in den Blickpunkt des Wahlkampfs zu rücken. Dabei kann er auf Sympathie im Volk setzen. Seitdem der Demokrat Jimmy Carter in den siebziger Jahren seine tiefe Religiosität offen zur Schau stellte, gehen das US-Präsidentenamt und spirituelle Verwurzelung oftmals Hand in Hand.

Zwei Drittel für einen tiefreligiösen Präsidenten

Nach einer Umfrage des Pew-Instituts möchten mehr als zwei Drittel der Amerikaner eine Persönlichkeit mit tiefen religiösen Überzeugungen zum Präsidenten. Und fast ebenso viele sehen Bushs pathetisch-religiöse Ansprachen, die säkulare Europäer oft verstören, als angemessen an - jeder Zehnte wünscht sich sogar noch mehr davon. Die hohen persönlichen Sympathiewerte für den Präsidenten erklären sich auch aus der geschickten Vermarktung seines Glaubens im vorigen Wahlkampf. Bereits damals hatte Bush sich als "demütiger Sünder" präsentiert, der aus dieser Bescheidenheit heraus jeden anderen Menschen mit Respekt behandele.

Dem können die Demokraten wenig entgegensetzen. "Religion und moralische Werte sind Themen, die sie durcheinander bringen", frohlockt Linda DiVall, eine Meinungsforscherin für die Republikaner. Dies könnte sich ganz konkret in Wählerstimmen niederschlagen. Denn emphatische Glaubensbekenntnisse sind nicht nur im tiefreligiösen Süden der USA, wo die Republikaner ohnehin dominieren, Wahlkampfschmiermittel. Jeder zweite Amerikaner gibt an, mindestens einmal wöchentlich in die Kirche zu gehen, in Westeuropa ist es gerade einmal jeder Fünfte. In der Mitte des Landes, in der Bundesstaaten wie Illinois, Iowa oder Wisconsin den Ausschlag für die nächste Präsidentschaftswahl geben könnten, sind laut Umfragen nur rund 15 Prozent der Wähler nicht gläubig. "In diesen Gegenden glauben Leute an absolute Wahrheiten. Es gibt das Gute und das Böse", analysiert White. Dort kommt es bestens an, wenn George W. Bush seine Außenpolitik als göttliche Mission darlegt und Kriege mit Nächstenliebe rechtfertigt.

Deans sanfte Imagekorrektur

Auf derlei klare moralische Koordinaten können sich die wichtigsten demokratischen Herausforderer nicht stützen - insbesondere nicht die von der religiös toleranten Ostküste wie John Kerry oder Howard Dean. Zu Beginn seiner Kampagne hatte der leichthin erklärt, er trage seinen christlichen Glauben nicht vor sich her und habe kein Problem damit, dass seine jüdische Frau die Kinder in ihrem Glauben erziehe. Bei einer demokratischen Parteiversammlung in Kalifornien schrie Dean seinen Ärger über "fundamentalistische Prediger" heraus. Schon als Gouverneur von Vermont war der gelernte Arzt zur Zielscheibe christlicher Fundamentalisten geworden, als er die Homo-Ehe einführte und das Recht auf Abtreibung offensiv unterstützte.

Seit er als Kandidat im nationalen Rampenlicht steht, hat Dean sich um sanfte Korrekturen dieses Images bemüht. Bei Wahlkampfauftritten in Iowa erzählte er Reportern plötzlich, jeden Tag zu beten - und besuchte mit Jimmy Carter einen Gottesdienst. Auch sein Lieblingsbuch im Neuen Testament verriet Dean auf einmal - wobei sich leider herausstellte, dass das besagte Buch zum Alten Testament gehört.

Doch seine Aussagen über den Umgang mit Saddam Hussein verdeutlichen, dass Dean die Transformation zum moralischen Kreuzzügler nicht wirklich gelingen wird. Während der ehemalige Gouverneur gelassen erklärte, Saddam müsse halt einfach Gerechtigkeit widerfahren, zog sein demokratischer Mitbewerber Joe Lieberman - jüdischen Glaubens und tiefreligiös - in bester Bush-Manier alle moralischen Register. Hussein sei die Verkörperung des Bösen, donnerte Lieberman in Interviews und Fernsehauftritten nach der Festnahme des irakischen Diktators - und das Böse müsse sterben, damit das Gute triumphiere.

Nun liegt Dean in allen Umfragen noch immer deutlich vor Lieberman. Mehr sorgen sollte ihn jedoch, dass auch der große Sieger der Vorwahlen von Iowa, John Kerry, pathetische Rhetorik immer besser meistert. Der privat sonst eher zurückhaltende Ostküstenpatrizier hat nicht nur öffentlichkeitswirksam die jüdischen Wurzeln seiner Familie entdeckt - bei Wahlkampfveranstaltungen in Iowa legte Kerry auch regelmäßig die Hand aufs Herz und riet potenziellen Wählern offen zum Charaktertest: "Schaut in meine Seele!"