US-Wahlkampf Der Phantomkandidat
Ames - Es ist glühend heiß im Herzen des US-Bundesstaates Iowa, doch John Cox trägt einen schwarzen Anzug. Ein gestärktes, weißes Hemd mit bordeauxroter Krawatte und goldenen Elefanten, dem Maskottchen der Republikaner. Am Revers steckt ein Sternenbanner. Sein Silberhaar über der gebräunten Miene ist makellos gescheitelt. Furchtbar präsidial sieht er aus. Mit Absicht.
"Hey Cathy, hey Doug!", ruft er und winkt, als er zwei Bekannte erspäht. "Habt ihr euch schon ein Tombola-Ticket gekauft?" Cathy und Doug verneinen stumm und eilen flugs weiter.
John Cox sucht den Parkplatz nach weiteren Wählern ab. Ablehnung ist er gewohnt. Das gehört eben dazu auf dem Marsch ins höchste Staatsamt. "Ich habe gute Chancen", sagt er. Gute Chancen, Präsident der USA zu werden.
Präsident? Der USA? Johnwho?
John Cox, 51, ist der Präsidentschaftskandidat, den keiner kennt. Dabei war er der erste Republikaner, der seine Ambitionen offiziell machte. Lange vor Rudy Giuliani, Mitt Romney, John McCain und wie sie alle heißen. Am 9. März 2006. Sein erster Wahlkampfstopp am selben Tag war "Tish's Restaurant" in Council Bluffs, einer Pflichtstation in Iowa.
"Daddy, willst du Popcorn?"
Seitdem hat der Selfmade-Millionär aus Chicago mehr Zeit in Iowa verbracht, dem stolzen Vorwahlstaat im Mittleren Westen, als die meisten seiner prominenten Rivalen. Auch war er schon in den anderen Entscheider-Staaten New Hampshire und South Carolina (wo er eine örtliche Testwahl gewann). Er hat nach eigenen Angaben Wahlkampfbüros in 33 US-Staaten und Freiwillige in 104 Bezirken. Er hat eine E-Mail-Liste, eine schicke Website und einen Blog. Und doch bleibt er für die meisten Amerikaner ein Phantomkandidat: Johnwho?
Seine Frau ist an allem schuld. Sarah Cox war sein Schimpfen leid. Über die inkompetenten Parteifreunde, Washington, den Präsidenten, von dem er sich als Reagan-Republikaner verraten fühlt. "Warum tust du nichts?", forderte sie ihn heraus, ohne die Konsequenzen ihrer Worte zu bedenken.
Cox blieb die ganze Nacht auf, vertiefte sich in ein Reagan-Buch und verkündete am Morgen: "Honey, ich werde für die Präsidentschaft kandidieren." Sarahs erste Reaktion war Schock. Ihre zweite: "Na dann mal los."
Personifizierung des American Dreams
Natürlich stürzt sich nicht jeder, der mit den Zuständen hadert, gleich in einen Präsidentschaftswahlkampf. Doch Cox hat die Nase voll. "Ich bin stinksauer", sagt er, zieht endlich das Sakko aus und hockt sich in den Schatten unter einen Baum. Seine jüngste Tochter, die zweijährige Danielle, läuft herbei. "Daddy", ruft sie, "willst du Popcorn?"
Doch Daddy will kein Popcorn. Daddy will Dampf ablassen. "Ich bin stinksauer", fährt er fort, sein Ton nun gereizter, "weil ich etwas anderes erwartet habe von einem konservativen, republikanischen Präsidenten." Damit trifft er mitten in den Gewissenskonflikt der Partei - und unbefangener als die Parteikonkurrenten.
Ja, die Konkurrenten. "Karrierepolitiker und Stars", schnaubt Cox. "Ich bin ein echter Geschäftsmann. Ich bin ein erfolgreicher CEO. Ich weiß, wie man ein Steuer herumreißt."
Cox erzählt jedem sofort, dass er in einfachen Verhältnissen aufwuchs - als Personifizierung des mythischen American Dreams. "Ich wurde nicht reich geboren. Ich habe es aus eigener Kraft geschafft. Nur in Amerika geht das!"
CNN rundet das Ergebnis der Probeabstimmung einfach auf 0 Prozent ab
Seine Kindheit verbrachte er in Chicagos Arbeiterviertel South Side. "Barack Obamas Heimatbezirk", fügt er spitz hinzu. "Doch der wuchs ja in Privatschulen in Hawaii auf."
Kartoffelchips als Wahlkampfgeschenk
Seine Mutter Priscilla, eine Lehrerin, zog ihn alleine auf. Der Vater hatte sie vergewaltigt und dann mit dem Baby sitzen gelassen. Eine Geschichte, die nicht in seiner Wahlkampf-Bio steht, die aber Cox' strikte Ablehnung der Abtreibung illustriert: "Wäre Abtreibung 1955 legal gewesen, stünde ich heute nicht hier."
Cox studierte Buchhaltung und Politik, landete einen Job bei der renommierten Anwaltskanzlei Coopers & Lybrand, machte dann seine eigene Kanzlei auf. Er versuchte sich an Investments, Immobilien und Risikokapital. "Ich habe es auf die altmodische Weise geschafft", sagt er.
1996 kaufte eine Investorengruppe unter seiner Führung den Kartoffelchips-Konzern Jays. Bis heute ist Cox Jays' Finanzchef. Während andere Kandidaten mit Freibier und Rippchen locken, verschenkt er bei seinen Wahlkampfstopps Jays-Chips, tütenweise.
Es ist nicht sein erster Ausflug in die Politik. 2000 bewarb er sich um den Kongress, 2002 um den Senat. Beide Male scheiterte er schon in der parteiinternen Vorwahl.
"Kein Wahlkampf ist uns zu klein"
Die Partei scheint ihn nicht zu lieben. Auch zu den jetzigen Wahlkampfdebatten wurde er bisher nicht eingeladen. Als er sich im Mai mit einem Presseausweis bei der Debatte in der kalifornischen Reagan-Bibliothek einschlich, der Walhall seines Idols, da schmissen sie ihn raus. Also zeichnete er seine Antworten auf die Debattenfragen in einem Hotelzimmer mit der Videokamera auf und stellte sie auf YouTube.
Er verklagte Rupert Murdochs Fox News, um bei dessen TV-Debatte einbezogen zu werden. Seine Pressekonferenz auf dem Gehweg vor Murdochs News Corp. in Manhattan wurde leider von der Ankunft leicht beschürzter Football-Cheerleader überschattet. "Dutzende hielten an, um die Frauen anzustarren", schrieb Murdochs "New York Post" tags darauf hämisch. "Nur wenige beachteten Mr. Cox."
Dabei ist sein Wahlkampfmanager ein Profi. Craig Berman kommt von der Robert Morris Group, einer Politberatungsfirma. Deren Motto: "Wir haben uns verpflichtet, gottesfürchtige Männer und Frauen von hohem moralischen Charakter in politische Ämter auf jeder Ebene zu wählen. Kein Wahlkampf ist uns zu klein."
Wahlkampf in der "Pizza Ranch"
"Ich habe gute Ideen", sagt Cox, der sich "der republikanische Jimmy Carter" nennt. So will er den Irak durch Öl wieder aufbauen: "Egal, ob wir an jede Pipeline Soldaten stellen müssen." Schließlich hätten die USA ja auch Deutschland nach dem Weltkrieg wieder aufgebaut, indem sie die "Wirtschaft ins Rollen gebracht" hätten.
Er will die Steuerbehörde IRS abschaffen und gegen illegale Einwanderer kämpfen. Er wettert gegen die Staatsverschuldung. Er unterstützt freien Waffenbesitz für alle: "Waffenkontrolle funktioniert nicht." Und er ist natürlich für eine "kleine" Regierung: "Die Regierung löst keine Probleme. Sie schafft sie."
Klassisch-libertäre Visionen, die in diesem Basis-Vorwahlkampf jeder Rechtskandidat beschwört. Wobei Cox unter vier Augen viel weniger ferngesteuert wirkt als seine Rivalen. Man nimmt ihm seine Überzeugung ehrlich ab, nicht zuletzt auch wegen seines jungenhaften Charmes. Kein Wunder, dass er fest überzeugt ist: "Ich habe eine realistische Chance, wenn mich die Leute nur erst einmal kennenlernen."
Also jagt er durch die Provinz, durch Hinterzimmer von Kneipen und Lokalzeitungs-Redaktionen, derweil seine Helfer das Land mit Cox-Schildern pflastern. Neulich war er an einem einzigen Tag in Iowa in "Cecil's Cafe" in Marshalltown, in "Ryan's Family Steakhouse" in Des Moines, im "Country Chit-Chat" in Ogden, im "Bonanza Restaurant" in Fort Dodge, im "Family Table" in Humboldt und in der "Pizza Ranch" in Sibley.
41 von 14.302 Stimmen
Das finanziert er meist aus eigener Tasche. Sein Spendenaufkommen ist mager: 2668 Dollar Einzelspenden im ersten Quartal 2007, 1410 Dollar im zweiten. Um flüssig zu bleiben, schoss er seiner Wahlkampfkasse bisher über 1,2 Millionen Dollar seines Privatvermögens zu.
Am vorigen Wochenende landete er in Ames, zur Iowa Straw Poll, der ersten großen Partei-Testwahl. Auf dem Campus der Iowa State University hatten die Kandidaten eine Polit-Kirmes aufgebaut; jeder belegte eine Ecke.
Cox warb mit drei weißen Zelten im Gras, einer aufblasbaren Hüpfburg für Kinder und einem Heißluftballon, auf dem "John Cox for President" stand. Ein Transistorradio spielte Glenn Miller, Marschmusik und "Living in America". Doch kaum jemand kam vorbei; die Zelte der anderen waren rappelvoll. "50 Prozent der Republikaner hier haben sich noch nicht entschieden", sagte Cox hoffnungsvoll.
Vor halbleerem Saal hielt er eine zaghafte Rede. Der Charme, den er in engem Kontakt zeigt, verhallte. Seine Lippen zitterten sichtbar.
Die Probeabstimmung gewann erwartungsgemäß Mitt Romney. Cox landete mit 41 Stimmen auf dem letzten Platz. 41 von 14.302 Stimmen. Das waren 0,28 Prozent. CNN rundete das einfach auf 0 Prozent ab.
Immerhin, er hat sich endlich zeigen können vor der eigenen Partei. "Ich gebe nicht auf", sagt Cox. "Dazu bin ich zu weit gekommen."