US-Wahlkampf: "Sergeant Schmidt" soll McCain retten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US-Wahlkampf "Sergeant Schmidt" soll McCain retten

Peinliche Auftritte, schlechte Organisation, miese Umfragewerte: Präsidentschaftbewerber McCain bereitet den US-Republikanern Sorgen. Jetzt soll ein Veteran des Bush-Wahlkampfs die Regie im Kampf gegen Barack Obama übernehmen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - John McCain verbrachte das Wochenende auf seiner Ranch in Arizona. Dort wirft der Senator gern eigenhändig den Grill an, brutzelt für Familie und Freunde. McCains Spezialität: saftige Rippchen.

Weniger gute Stimmung herrscht derzeit hinter den Kulissen. Parteifreunde werfen ihrem Präsidentschaftsbewerber vor, er habe bislang noch kein Konzept präsentiert, wie er seinen demokratischen Gegenspieler Barack Obama besiegen will.

In den vorherigen Wahlkämpfen war es George W. Bush mit Hilfe seines Polit-Gurus Karl Rove schon Monate vor dem Wahltag gelungen, den jeweiligen demokratischen Bewerber mies zu machen: Al Gore stellte Bush als abgehobenen Langweiler dar - John Kerry als elitären Zauderer.

"Es herrscht großer Frust, dass diesmal ein ähnliches Thema fehlt, um das man eine erfolgreiche Kampagne bauen kann", sagt der republikanische Meinungsforscher Steve Lombardo der Nachrichtenagentur AP.

McCains Team versuchte den demokratischen Hoffnungsträger in den vergangenen Wochen als unerfahren abzustempeln, als opportunistisch, als unberechenbar. Mal hielten sie ihm wechselnde Positionen zu Irak oder Waffengesetzen vor, mal naiven Umgang mit Diktatoren, mal null Verständnis in Wirtschaftsfragen. Doch die Attacken waren so breit gestreut, dass wenig hängen blieb - und Obama schlägt entschlossener zurück als seine Vorgänger. Vergangene Woche wurden Zweifel an Obamas Patriotismus erhoben, da donnerte der Demokrat, er lasse seine Vaterlandsliebe von niemandem anzweifeln.

In den meisten Umfragen liegt Obama deutlich vorn McCain. Das muss zwar rund vier Monate vor dem Wahltag noch nicht viel heißen - doch die Werte sind alarmierend genug für einen radikalen Umbau in McCains Wahlkampfteam. Das kommandiert ab sofort ein glatzköpfiger Enddreißiger, den McCain seinen "Sergeant" nennt: Steve Schmidt. Er hat schon George W. Bush und Arnold Schwarzenegger zur Wiederwahl verholfen - und McCain vor kurzem unmissverständlich klargemacht, ohne eine neue Organisationsstruktur werde er gegen Obama garantiert verlieren.

Schmidt ist als Kontroll-Freak berüchtigt, als penibler Organisator. Genau das scheint McCain zu brauchen. Viele seiner Veranstaltungen wirken noch improvisiert, rund 300 festangestellte Kampagnenhelfer stehen einem Heer von mehr als tausend Obama-Mitarbeitern gegenüber. Eine klare Linie fehlt oft: Als Reporter nachhakten, welche Wahlkampfstrategie wohl hinter McCains überraschender Reise nach Kolumbien und Mexiko vorige Woche stecke, zuckte ein Berater laut "New York Times" nur mit den Schultern: "Er sagte, er wolle dahinfahren - also sagten wir, na klar."

Mehr Verschnaufpausen, alte Themen

Zwar ist McCain mittlerweile beim Spendensammeln - bislang sein wunder Punkt - erfolgreicher. Doch viele Bettelauftritte in republikanischen Hochburgen lenken ihn von Treffen mit Wählern in umkämpften Bundesstaaten ab. Ohnehin muss der 71 Jahre alte Senator in seinem Terminplan mehr Verschnaufpausen einplanen als sein 46 Jahre alter Herausforderer.

Alt wirken auch seine wichtigsten Wahlkampfthemen: der Kampf gegen den Terror oder der Irak-Krieg. Zwar vertrauen die Wähler ihm in diesen Themen eher als Obama - aber die Zahlen derer, die ihre Wahlentscheidung vor allem von der Terrorangst beeinflussen lassen, ist von rund 20 Prozent vor vier Jahren auf nun vier Prozent gefallen.

Viele Amerikaner erkennen zudem die Erfolge der Truppenaufstockung im Irak an - weswegen Obama von seinem ehrgeizigen Plan öffentlich abrückt, die US-Soldaten binnen 16 Monaten nach Hause zu bringen. Doch das macht den Endlos-Krieg nicht populärer. McCains Unterstützung dafür gibt der Demokraten-Attacke neues Futter, der Republikaner stehe für eine dritte Bush-Amtszeit. Laut einer Umfrage von CBS News glauben fast zwei Drittel der US-Wähler, dass McCain die Linie des ungeliebten Präsidenten fortsetzen wird - oder gar noch weiter nach rechts rücken wird.

Bush sammelt derzeit fleißig Geld für seinen Parteifreund, meist hinter verschlossenen Türen bei wohlhabenden Republikanern. "In schwierigen Zeiten braucht Amerika einen Präsidenten, der getestet worden ist", wirbt der Präsident für McCain. Den rechten Parteiflügel, bei dem Bush immer noch populär ist, kann er damit mobilisieren. Doch öffentliche Treffen mit dem Amtsinhaber meidet McCain, und sein Team debattiert sogar schon, wie sich Bush beim Parteitag im September am besten verstecken lässt.

Aber auch McCains Solo-Auftritte machen seinen Beratern Sorgen. Vielen war klar, dass der eher steife Redner rhetorisch nicht mit Obama mithalten kann. Dennoch ist der Schock in Republikaner-Zirkeln groß, wie deutlich die Kluft aufscheinen kann. Kürzlich wollte McCain laut "New York Times" in Las Vegas für sein Programm werben, die Abhängigkeit der USA von ausländischem Öl zu senken. Da kam ihm der Name seines zentralen Wahlkampfthemas nicht über die Lippen: ""Lex-eegton Project", stotterte er dem Blatt zufolge, statt "Lexington Project." Dann, am Tag darauf bei einer Veranstaltung in Cincinnati, strauchelte er erneut bei dem Ausdruck und sagte "Lexiggdon Project", schreibt die Zeitung.

Meistdiskutiertes Beispiel bleibt jedoch McCains Ansprache in New Orleans Anfang Juni, wenige Stunden bevor sich Obama in einer mitreißenden Rede in St. Louis zum demokratischen Kandidaten erklärte. Der Republikaner sprach vor grünem Hintergrund, der ihn noch blasser und älter erschienen ließ, er grinste häufig unmotiviert in die Kamera, verhaspelte sich. "Es war ein Alptraum", stöhnte ein Parteistratege im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Einige Berater wollen nun aus der Not eine Tugend machen. McCain soll sich nicht mehr auf große Reden konzentrieren, sondern auf "Town Hall Meetings" - intimere Bürgersprechstunden, mit denen er in den Vorwahlen punktete. Im kleinen Kreis blüht McCain auf, er wirkt zugänglich, kundig und witzig. Doch auch diese Strategie birgt Risiken.

Anders als etwa George W. Bush, der seiner Botschaft stets treu blieb, gilt McCain als unberechenbar. Zuletzt nannte er einen Jungen, der ihn bei einer Bürgersprechstunde nach seinem Alter fragte, liebevoll einen "kleinen Mistkerl". Vor laufenden Kameras.

"Lasst McCain einfach McCain sein", empfiehlt Peggy Noonan, einst Ronald Reagans geniale Redenschreiberin, im "Wall Street Journal". Und der Kandidat selbst weist darauf hin, vor einem Jahr habe man ihn wegen Organisationschaos und Geldmangels schon einmal abgeschrieben. Bis er als Außenseiter das Comeback schaffte. "Jetzt bin ich halt wieder der Außenseiter", erinnert McCain Reporter und Anhänger.

Tatsächlich fand McCains Bürgersprechstunde am vergangenen Freitag in Cincinnati vor 150 Leuten statt. Im Obama-Lager wird gerade beraten, die Rede beim Demokraten-Parteitag Ende August in Denver wegen des Massenandrangs ins Freie zu verlegen. Erwartetes Publikum: 76.000 Menschen.


Anmerkung der Redaktion: Die Passage über McCains Versprecher beim "Lexington Project" wurde in der Hamburger Redaktion in den Artikel eingefügt. Dabei wurde in der ursprünglichen Fassung versäumt, die Quelle, die "New York Times", zu nennen. Außerdem wurde nicht erwähnt, dass sich der zweite Versprecher laut "New York Times" einen Tag nach dem Auftritt in Las Vegas bei einer Rede McCains in Cincinnati ereignete. Wir bitten, diese Fehler zu entschuldigen.