USA Gelingt Gore die Gegenrevolution?
Washington - Die höchste Form menschlicher Anerkennung ist Neid. So gesehen kann sich Al Gore nicht beschweren. Das Weiße Haus des Präsidenten George W. Bush reagierte ausgesprochen zickig auf die Entscheidung des Nobelpreiskomitees in Oslo.
Der Präsident selbst schwieg, seine Sprecherin auch. Schließlich schickte man ihren Stellvertreter vor die Kameras. Ohne Zweifel sei das eine wichtige Auszeichnung, sagte Tony Fratto: "Wir sind sicher, der Preisträger ist hochgradig erfreut."
Derartige Verkniffenheiten dürften den Konservativen mehr schaden als nützen. Das politische Nachbeben der Preisverleihung wird erheblich sein. Die Auszeichnung eines erklärten Anti-Bush-Aktivisten wenige Wochen vor Beginn eines Wahljahres könnte tektonische Veränderungen in der ohnehin porösen politischen Landschaft der USA bedeuten.
Schon bald nach der verlorenen Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 zog der ehemalige Bush-Gegenkandidat wie eine Kassandra durchs Land, er war wütend, oft schrill, nicht selten wurde er auch von den eigenen Parteigängern als Sonderling empfunden. Seine Kritik ging weit über das Ozonloch hinaus, er polemisierte gegen die Sensationsgier der Medien, sprach immer wieder von den Verformungen einer Lobbydemokratie, geißelte die Unwahrheiten des Regierungsapparates im Zuge des Irak-Krieges. Nun wurde diese heutige Kassandra, anders als ihre Vorgängerin in Troja, zum Ehrenbürger der Welt ernannt.
Gore-Faktor wirkt in drei Richtungen
Die Wirkung dieser Anerkennung ist derart stark, dass wir durchaus vom Gore-Faktor sprechen können. Er wirkt vor allem in drei Richtungen: Das erste Kraftfeld, das Gore beeinflusst, ist die eigene Partei. Schon länger wird in ihren Reihen debattiert, wie radikal der Bruch mit der Bush-Ära im Falle eines Wahlsieges ausfallen soll. Gore wird diese Debatte weiter anheizen. Anders als die demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama, John Edwards und Hillary Clinton braucht er sich nicht selbst als "Agenten des Wechsels" zu bezeichnen. Er ist es. Die anderen haben Berater, er besitzt eine Botschaft. Mit ein paar ökologischen Korrekturen, das machen er und seine Leute in diesen Tagen deutlich, wird er es nicht bewenden lassen. Gore drängt auf einen wirklichen Neuanfang. Sein Berater Michael Feldman sagt, der frisch gebackene Nobelpreisträger sei entschlossen "das politische Klima im Lande zu verändern". Auch ohne Parteiamt könnte er die demokratische Gegenrevolution anführen. Bei der Kandidatenkür wird er wohl ebenfalls ein Wort mitreden wollen. Donna Brazile, seine einstige Wahlkampfmanagerin, ist überzeugt: "Er kann nun die Rolle des Königsmachers spielen."
Im Kraftfeld der Konservativen entfaltet der Gore-Faktor ebenfalls seine Wirkung: Er spaltet. Er treibt einen Keil zwischen Bush und seine Partei. Der Präsident steht mit seiner Klimapolitik ziemlich einsam da. Erst bestritt Bush die Probleme, bevor er sich unter der erdrückenden Last wissenschaftlicher Beweise zur Teilanerkennung einer menschlichen Mitschuld an den Klimagiften aufraffte. Neuerdings versucht er die Vereinten Nationen, die in Bali über ein neues Klimaschutzabkommen konferieren wollen, durch einen Separatfrieden mit den Umweltsündern zu umgehen.
Diese Geringschätzung der Ökologie und der Völkergemeinschaft tut dem Gefühlshaushalt konservativer Wähler nicht gut, weshalb führende Republikaner schon seit einiger Zeit den Anschluss an die neue Zeit suchen. Die Klimapolitik sei für ihn eines der ganz großen Themen, sagte Präsidentschaftsbewerber John McCain am vergangenen Freitag. Gore greift in seinen Reden und Schriften vor allem das Wertefundament der amerikanischen Neokonservativen an: ihren Wachstumsglauben, ihre Geringschätzung des Umweltschutzes, ihre militärische Erstschlagsdoktrin und nicht zuletzt das Schüren von Terrorangst, das in der Innenpolitik allerlei Einschränkungen persönlicher Freiheitsrechte mit sich brachte. Mittlerweile trifft diese Kritik auch in der Regierungspartei des Präsidenten auf Resonanz. Der liberale Flügel der Republikaner wird gestärkt. Die Neokonservativen dürften weiter an öffentlicher Zustimmung einbüßen.
Al Gores stärkste Wirkung wird außerhalb der Parteipolitik zu beobachten sein
Seine stärkste Wirkung aber entfaltet der Al-Gore-Faktor jenseits der Parteipolitik. Sie reicht bis tief hinein in die verunsicherte amerikanische Mittelschicht. Deren Lebensmodell, das ist die eigentliche Botschaft dieser Preisvergabe, ist nicht nachhaltig. Das Kernland des Kapitalismus lebt in so augenfälliger Weise auf Kosten seiner Zukunft, dass der Direktor des Deutschen Historischen Museums überlegen sollte, ob er nicht die grünen Wahlplakate der achtziger Jahre als Leihgabe nach Washington überstellt: "Wir haben die Welt von unseren Kindern nur geborgt", steht da zu lesen.
Amerika aber konsumiert, als habe man die Zukunft den Enkeln abgekauft. Der Energieverbrauch ist anhaltend hoch. Auf den Straßen bewegt sich eine Armada von Trucks, Vans und Großraumfahrzeugen aller Art. Die Straßenbeleuchtung brennt oft auch am Tage. Bei laufender Klimaanlage sind allerorten die Fenster geöffnet. Das Ergebnis: Die Amerikaner, also rund fünf Prozent der Menschheit, verbrauchen mehr als 20 Prozent des Weltenergiebedarfs.
Amerika wird sich ändern müssen
In der Volkswirtschaft der gleiche Zukunftsverzehr. Das amerikanische Wirtschaftswunder, das immer noch hohe Wachstumsraten und in diesen Tage wieder eine Zunahme von Arbeitsplätzen vorweisen kann, wird mit Leihgeld erzeugt. Die Privathaushalte wetteifern dabei mit dem Staat um den Titel als größter Schuldenmacher. Die Sparquote, also der Anteil des Einkommens der für später zurückgelegt wird, ist auf null gesunken. Zum Vergleich: Die Deutschen legen 11 Prozent, die Chinesen 45 Prozent ihres Monatseinkommens zurück.
Staat und Gesellschaft unternehmen keinerlei Anstrengungen, das entstandene Handelsbilanzdefizit wieder zu schließen. Amerika konsumiert Importware auf Teufel komm raus, ohne der Welt im Gegenzug Exportgüter zur Verfügung zu stellen. Die amerikanischen Haushalte sehen heute aus wie ein Außenlager der chinesischen Exportindustrie. Der Staat ist gezwungen, mit immer neuen Dollaranleihen die großen Lieferländer ruhigzustellen. Aus dem weltgrößten Kreditgeber ist der weltgrößte Kreditnehmer geworden. Früher besaß Amerika ein Stück von der Welt. Heute besitzt die Welt ein ständig größer werdendes Stück von Amerika.
In jüngsten Umfragen beurteilten erstmals mehr Menschen (35 Prozent) die Zukunftsaussichten des eigenen Landes negativ, derweil nur noch 30 Prozent Positives erwarten. Der Rest ist unentschieden. Diese Verunsicherung ist der Nährboden für einen politischen Wechsel wie Gore ihn will. Seine Fundamentalkritik entspricht den derzeitigen Abstiegsängsten der Mittelschicht. Er thematisiert das Unwohlsein mit einem Land, das von sich selbst Größeres erwartet. "Unser Immunsystem funktioniert nicht mehr wie früher", schreibt Gore in seinem jüngsten Buch "Angriff auf die Vernunft".
Einem Mann mit diesem Dampf ist alles zuzutrauen, auch die erneute Bewerbung als Präsidentschaftskandidat. Zumal sich die Schmach der knappen Niederlage nur auf diese Art sühnen ließe. Über Monate wird Gore nun zum Schatten von Hillary Clinton. Doch erst wenn ihre Kampagne zusammenbrechen sollte, kann Gore in den Ring steigen. Gegen die Frau des Ex-Chefs kann er ohne triftige Gründe nicht antreten.
Die demokratische Partei verlangt von ihren Spitzenpolitikern Harmonie - und nicht ein Blutbad innerhalb des Clinton-Clans. Al Gore selbst dementiert Präsidentschaftsabsichten und hält sich zugleich alles offen. Er wolle für den Wechsel arbeiten, sagt er. Seine Berater ergänzen augenzwinkernd: "Never say no."