USA nach 9/11: Land der Opfer, Land der Täter - DER SPIEGEL
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11. September 2001: Der Tag des Schreckens

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USA nach 9/11 Land der Opfer, Land der Täter

Den Anschlägen vom 11. September 2001 folgte eine Welle der Solidarität mit Amerika. Doch die Supermacht hat den Bonus in den Folgekriegen verspielt - heute stehen die USA als Täter im Fokus und nicht mehr als Opfer des Terrors. Die Anatomie eines tragischen Missverständnisses.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Rauch stieg noch aus den Trümmern des World Trade Center, da sprach Richard Armitage, in den Tagen um den 11. September 2001 US-Vizeaußenminister, diesen Satz: "The history begins today" - was man frei so übersetzen kann: Heute beginnt die Geschichte von Neuem.

Armitage sollte mit seiner Vorhersage für das kommende Jahrzehnt recht behalten. Nur konnte der Politiker nicht vorhersehen, wie traurig die Geschichte nach dieser Zäsur verlaufen würde.

Es ist die Geschichte vom Abstieg der Weltmacht USA.

Unmittelbar vor den Anschlägen stand dieses Land in voller Blüte, wie Rom zu seiner besten Zeit, so erinnert sich der TV-Moderator Joe Scarborough heute staunend.

Der Republikaner George W. Bush hatte vom Demokraten Bill Clinton einen satten Haushaltsüberschuss übernommen. Im Kosovo hatte Amerika den Europäern kurz zuvor bewiesen, wie es selbst in deren Hinterhof als "unersetzliche Nation" (Madeleine Albright) Konflikte lösen konnte. Bill Gates und Microsoft waren noch cool.

Dann kamen die Flugzeuge, gesteuert von den Getreuen Osama Bin Ladens - und für einen kurzen Moment schien die Weltmacht noch mächtiger zu werden. Palästinenser-Führer Jassir Arafat ließ sich beim Blutspenden für die Opfer fotografieren, selbst die Franzosen wollten auf einmal alle Amerikaner sein, Bundeskanzler Gerhard Schröder gelobte "uneingeschränkte Solidarität".

Was folgte, war ein uneingeschränktes Missverständnis. Bin Laden hatte gehofft, die Amerikaner in blutige Kriege zu verstricken. Wie gut ihm dies gelingen würde, konnte er wohl selber nicht ahnen.

Bushs tragisches Vermächtnis

Amerika war lange im Irak gefangen, wo ein Sieg ewig auf sich warten ließ und nie ein echter wurde. Es ist gefangen in Afghanistan, wo Sieg nicht mehr möglich scheint. Und es ist gefangen in der Umarmung mit seinem Verbündeten Pakistan, dem es nicht trauen und den es dennoch nicht loslassen kann - eine Partnerschaft, in der Sieger gar nicht vorgesehen sind.

Es sind teure Niederlagen, für Amerika und den Rest der Welt. Fast 140.000 zivile Opfer gab es laut einer vorsichtigen Schätzung der Brown University in Afghanistan und im Irak zu beklagen. Und mehr als drei Billionen Dollar kostete die massive Vergeltung, jeder Dollar fehlt nun, in Amerikas Schulen, in den Geldbeuteln der Bürger.

Dabei schien das Land nach dem Angriff kurz vereint, die Amerikaner klammerten sich aneinander, selbst das oft kalte New York wirkte auf einmal warmherzig. Doch Präsident Bush suchte statt Gemeinsinn einen Vorwand, jeden Vorwand, um nach Afghanistan auch im Irak einzumarschieren. Das ist sein tragischstes Vermächtnis: dass Amerika nicht einmal seine Opfer mehr ordentlich betrauern kann. Weil Amerikaner längst als Täter dastehen, nicht mehr als Opfer.

Dabei hat das Jahrzehnt des Terrors sie wirklich traumatisiert und zu Opfern gemacht - auch diejenigen, die den Anschlag nur am Fernsehschirm erlebten.

Misstrauisch, ängstlich, abwehrend

Die USA sind heute nach all den Bush-Steuersenkungen ein sozial noch tiefer gespaltenes Land. Die Kluft zwischen Arm und Reich verläuft fast so scharf wie zu den Zeiten der Ölbarone und Stahlkönige im vorvergangenen Jahrhundert. Fünf Prozent der Amerikaner erwerben fast 40 Prozent aller Konsumgüter.

Das Land ist zerstrittener denn je, mit einem Kongress, in dem sich radikale Rechte und radikale Linke unerbittlich bekriegen - und nicht einmal miteinander reden wollen, wenn der Staatsbankrott droht.

Die USA, die wie kein anderer Staat durch Offenheit groß geworden sind, sind misstrauischer geworden, ängstlicher, abwehrender - gegenüber Muslimen, gegenüber Ausländern, gegenüber Fremden. Sie jagen illegale Einwanderer mit Bürgermilizen, und den schwarzen Präsidenten im Weißen Haus können viele immer noch nicht akzeptieren.

"American exceptionalism", die amerikanische Ausnahmestellung, das war immer Amerikas großer Trumpf. Die neuen Bewerber für das Weiße Haus beschwören sie immer noch im Wahlkampf, doch es klingt wie ein hohles Mantra, wie eine jener Wahlkampf-Notlügen, die auf keinen Fall hinterfragt werden dürfen.

Denn dann könnte ja herauskommen, dass vieles an Amerika nur noch außergewöhnlich ist, weil es so negativ ist. Die miesen Gesundheitsstatistiken trotz eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Die verschwendeten Bildungsmilliarden. Der Rüstungswahnsinn, der das Land für Panzer und Raketen etwa so viel ausgeben lässt wie alle andere Nationen auf dem Planeten zusammen.

Und die Fixierung auf ein Finanzsystem, das Zocken belohnt - und die begabtesten jungen Menschen nicht mehr an Patenten tüfteln lässt, sondern an Credit Default Swaps. Das alles, während China und andere Aufsteiger sich ganz auf ihren Aufschwung konzentrieren können.

Amerika - vom Rest der Welt entfremdet

Wo ist das einzigartige Amerika hin? Das "New York Magazine" resümiert: "Unser positives Verhältnis zum Kapitalismus ist komplizierter geworden, unsere soziale Mobilität weniger sicher, unsere Einwanderer und Vielfalt weniger einzigartig."

Selbst in der Außenpolitik sieht sich die Weltmacht nicht mehr als Vorbild der Welt. "Leading from behind", von hinten führen, so lautet die Maxime des aktuellen Präsidenten Barack Obama, er sagt es auch gezwungenermaßen. Denn daheim hat sich eine seltsame Allianz gebildet, aus ganz Linken und ganz Rechten.

Sie wollen Amerika in eine geizige Weltmacht verwandeln. Sie möchten nur noch eins: Die US-Truppen sollen nach Hause kommen, sollen andere Staaten doch sehen, wo sie bleiben. Schließlich, so argumentieren diese Isolationisten, verstehen andere Länder Amerika ohnehin nicht.

Amerika hat sich entfremdet vom Rest der Welt. Es ist selbst schuld, aber dieser Rest trägt auch Schuld daran - weil viele Amerika partout nur noch als Täter sehen, gar nicht mehr auch als Opfer.

Am deutlichsten wurde das am Tag, als Bin Laden gestellt und erschossen wurde. Amerikaner jubelten spontan auf den Straßen, als sie die Nachricht erfuhren. Doch viele in anderen Gegenden der Welt mochten nicht mitjubeln. Sie reagierten verstört auf die offen zur Schau gestellte Freude über den Tod des Terroristen. Das Befremden der anderen klang oft belehrend und selbstgefällig.

Doch es unterstrich: Nicht mehr die Opfer der Anschläge stehen im Vordergrund. Stattdessen sind die Sünden des ersten Opfers in den Mittelpunkt gerückt - Amerikas Sünden. Die Supermacht hat sich das zu einem großen Teil selbst zuzuschreiben. Aber traurig ist es dennoch.