US-Überwachung in Pakistan Unser Freund, der Feind
Test einer pakistanischen Kurzstreckenrakete, die Atomsprengköpfe transportieren kann
Foto: DPA/ ISPRIstanbul/Islamabad - Wer das Armeehauptquartier in der pakistanischen Garnisonsstadt Rawalpindi zu Hintergrundgesprächen mit Generälen aufsucht, bekommt eine Aussage ganz bestimmt zu hören: Die pakistanischen Atomwaffen seien sicher. Bohrt man weiter, um herauszufinden, vor wem sie überhaupt geschützt werden müssen, erfährt man, dass nicht etwa islamische Extremisten die größte Gefahr seien, sondern in Wahrheit die USA.
Ein neuer Bericht, den der NSA-Informant Edward Snowden der "Washington Post" zuspielte, dürfte die Furcht der pakistanischen Generäle verstärken. Aus dem 178 Seiten umfassenden Dokument geht hervor, dass US-Geheimdienste ihre Spionagearbeit ebenso stark auf Pakistan konzentrieren wie auf unumstrittene Feinde der USA wie al-Qaida, Iran und Nordkorea.
Die USA würden kein anderes Land aus Sorge um ihre eigene Sicherheit so genau beobachten wie Pakistan, berichtet die Zeitung. Washington habe vor allem die Überwachung des pakistanischen Nukleararsenals, angeblich das am schnellsten wachsende der Welt, verstärkt. Neu ist, dass die USA zudem befürchten, es könne in Pakistan auch Lager von chemischen und biologischen Waffen geben.
Pakistan verfügt Schätzungen zufolge über mindestens hundert Nuklearsprengköpfe. Wo genau sie sich befinden, ist geheim. Pakistanischen Angaben zufolge seien die Einzelteile aber so verteilt, dass kein Außenstehender die Kontrolle darüber erlangen und sie nutzen könnte.
"Verbündete aus der Hölle"
In Washington befürchten Sicherheitsexperten vor allem, Terrororganisationen könnten sich mit Gewalt Zugang zu den Atomwaffen verschaffen und sie gegen die USA oder US-Verbündete einsetzen. Dem Bericht zufolge habe man deshalb innerhalb der CIA eine neue Abteilung geschaffen, die sich ausschließlich mit Pakistan befasse. Sorge mache den USA auch, dass Pakistan Atomwaffen weitergeben könnte. In Sachen Proliferation stufen die USA Pakistan demnach als größte Gefahr ein. Schon einmal, in den achtziger und neunziger Jahren, hatte der pakistanische Ingenieur Abdul Qadir Khan Material und Know-how zum Bau von Atomwaffen an Iran, Nordkorea und Libyen geliefert. Bis heute gilt als wahrscheinlich, dass er dies mit Wissen seiner damaligen Regierung tat.
Die neuesten Informationen des früheren NSA-Mitarbeiters Snowden belegen, dass Washington mehr in Pakistan spioniert, als die USA bislang eingeräumt haben. Dabei gilt Pakistan seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001 als Partner der Amerikaner im Anti-Terror-Krieg. Tatsächlich ist das Verhältnis aber zerrüttet. Im Dezember 2011 nannte das US-Magazin "The Atlantic" Pakistan einen "Verbündeten aus der Hölle". Pakistan sei nicht nur ein gefährlicher Atomstaat, hieß es damals, sondern ein "instabiles und gewalttätiges Land im Epizentrum des globalen Dschihadismus".
Pakistaner fürchten, dass US-Einheiten die Atomwaffen kapern
Mit dem tödlichen Schlag der USA gegen Osama Bin Laden im pakistanischen Abbottabad war die Stimmung zwischen beiden Ländern auf einen Tiefpunkt gesunken. Längst hätten die Amerikaner, die immer noch jährlich mehrere Milliarden Dollar zivile und militärische Hilfe für das Land leisten, sich aus Pakistan zurückgezogen, wären da nicht die Nuklearwaffen.
Die Sorge der Pakistaner wiederum ist, dass die Amerikaner sich gewaltsam die Kontrolle über die pakistanischen Atomwaffen verschaffen könnten. "Wenn sie es gewagt haben, ohne unser Wissen in pakistanisches Gebiet einzudringen und Bin Laden zu töten, könnten sie auch versuchen, gewaltsam die Kontrolle über bestimmte Stützpunkte zu übernehmen", sagt ein pakistanischer Offizier in Islamabad, der namentlich nicht genannt werden will. "Das dürfte ihnen aber nicht gelingen, denn unsere Atomwaffen sind extrem gut geschützt."
Nach Angaben der pakistanischen Armee seien "mehrere tausend Soldaten" nur damit beschäftigt, jene Lager zu bewachen, in denen sich die Atomwaffen befinden. Nachdem "The Atlantic" berichtet hatte, nukleares Material würde in Pakistan teilweise in einfachen Transportern ohne Begleitschutz durch die Gegend gefahren, kündigte das Militär an, weitere 8000 Soldaten für die Bewachung auszubilden.
Im Anti-Terror-Krieg auf Pakistan angewiesen
In Reaktion auf die Informationen Snowdens teilte das pakistanische Außenministerium am Dienstag mit, dass Pakistan sich der Abrüstung und der Nichtweitergabe von nuklearem Material verpflichtet fühle. "Pakistans Politik lässt sich mit den Begriffen Zurückhaltung und Verantwortung charakterisieren", heißt es in der Mitteilung. Man habe "aufwendige Schutzmaßnahmen" unter der Aufsicht des Premierministers getroffen.
Die Wahrheit sei aber, sagt der Offizier in Islamabad, dass Pakistan machen könne, was es wolle. "Solange wir die Atombombe haben, werden die Amerikaner nicht locker lassen." Offensichtlich überwiegt in Washington die Überzeugung, letztlich doch auf Pakistan angewiesen zu sein im Anti-Terror-Krieg. Denn den Informationen Snowdens zufolge wussten die USA von Menschenrechtsverletzungen im pakistanischen Militär und in den Geheimdiensten.
Anstatt diese Tatsache öffentlich zu machen, verzichtete die US-Regierung darauf, wissend, dass sie US-Gesetz zufolge keine Militärhilfen an Staaten leisten darf, die Menschenrechte verletzen. Aber so kritisch wollte man gegenüber dem Partner Pakistan dann doch nicht sein.