USA versus Irak Die ungleichen Gegner
LKW-Konvois voller US-Kriegsgerät bewegen sich zur Stunde in Richtung der südirakischen Stadt Basra nahe der Grenze zu Kuweit. Die Amerikaner machen sich zum Erstschlag bereit, hoffen auf einen schnellen Sieg - auch, weil sie durch irakische Exil-Militärs wissen, dass viele irakische Soldaten schnell kapitulieren werden.
Die eingesetzten US-Streitkräfte können sich ihrer militärischen Überlegenheit sicher sein angesichts der Zahlen, mit denen das amerikanische Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) nüchtern das Kräfteverhältnis zwischen beiden Gegnern auflistet. Informationen der BBC zufolge stehen zwar nur 211.000 amerikanische und 45.000 britischen Soldaten 435.000 irakischen Berufskollegen gegenüber, aber zwischen der Motivation und der Ausrüstung auf beiden Seiten lägen Welten.
Zu den irakischen Truppen zählt das normale Heer mit 375.000 Wehrpflichtigen. Dazu kommen etwa 60.000 bis 70.000 Angehörige der Republikanischen Leibgarde Saddam Husseins, die von seinem Sohn Kusai befehligt werden. Diese Elitekämpfer stammen in der Mehrzahl aus Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit, haben sich freiwillig gemeldet und gelten als besser ausgebildet, ausgerüstet und bezahlt als die übrige Armee.
Im Vergleich mit den US-Soldaten sind aber auch sie mager ausgestattet, denn durch das Uno-Embargo war ihre Nachrüstung kaum möglich. So verfüge der amerikanische Infanterist des Jahres 2003 laut Pentagon über eine Kampfstärke, die den Fähigkeiten eines ganzen Zuges von 30 Mann zur Zeit des letzten Golfkriegs entsprechen soll.
So besitzt jeder US-Soldat am Golf inzwischen eine verbesserte schusssichere Weste, die auch gegen Splittereinwirkung schützt, einen ABC-Schutzanzug, außerdem Helme, die kleinen Wunderwaffen entsprechen. Darin sind Nachtsichtgerät und Funkgerät integriert, ebenso eingebaute Laserdetektoren zur Zielaufklärung und zum Messen von Entfernungen.
Iraker drohen mit Häuserkampf
Um die hochgerüsteten US-Soldaten dennoch abzuschrecken, droht Iraks Regierung mit Häuserkampf in den Großstädten, auf dem für Fremde unübersichtlichen Terrain. Für diesen Kampf werden auch Waffen an Zivilisten verteilt, hat der stellvertretende Ministerpräsident Tarik Azis bestätigt, in der Regel erhalten sie zuverlässige Mitglieder der staatstragenden Baath-Partei.
Zusätzlich werden in Hochschulen oder Ministerien militärische Übungen abgehalten, die Teilnahme ist für die Beamten Pflicht, die reale Aufopferungsbereitschaft gilt jedoch als fraglich. Wenn der Kopf des Systems, Saddam Hussein, beseitigt werde, bricht sein autoritäres Gefolgschaftssystem wie ein Kartenhaus zusammen, glauben manche Exil-Iraker.
Saddams Sturz verhindern soll dessen besser ausgerüstete Elitegarde. Diesen militärischen Bodyguards stehen moderne russische Kampfpanzer vom Typ T-72 zur Verfügung, den übrigen Einheiten dagegen nur in die Jahre gekommene Panzer vom TypT-55, T-59 und T-69, die importiert oder in Lizenz produziert worden sind.
Ihre Gesamtzahl wird vom CSIS auf bis zu 2600 Stück geschätzt, von denen allerdings nur ein kleiner Teil als voll funktions- und bewegungstüchtig gilt. Schrottfahrzeuge werden mitunter zu fest stationierten Geschützständen umfunktioniert, oder als Attrappen aufgestellt, berichten Irak-Reisende.
Gegen die panzerbrechende Munition der amerikanischen Geschütze gelten aber auch die T-72-Fahrzeuge als machtlos und sind mit den elektronisch bestückten, schnellen M-1 Abrams Panzer der US-Armee nur schwer vergleichbar.
Auf amerikanischer Seite werden bislang vom CSIS 309 Kampfpanzer gezählt, dazu kommt eine ungenannte Zahl schneller, wendiger, achträdriger Gefechtsfahrzeuge vom Typ "Striker".
Amerikaner setzen auf Luftangriffe
Strategisch setzt das US-Pentagon jedoch vordringlich auf Luftüberlegenheit. Dafür stehen der US-Airforce 500 hochleistungsfähige Flugzeuge zur Verfügung und 5.000 perfektionierte Marschflugkörper. Wurden im letzten Golfkrieg höchstens 30 Prozent so genannte "intelligente Bomben" eingesetzt, die ihr Ziel präzise gesteuert erreichen, sollen die Quote diesmal 80 Prozent betragen, behauptet das Pentagon. Allein in den ersten 48 Kriegsstunden wird der Abschuss von bis zu 3.000 Bomben und Flugkörpern angedroht.
Iraks Luftwaffe verfügt über 100 bis 300 einsatzfähige Maschinen, für die es laut CSIS obendrein nur wenige geübte Piloten gibt. Vor allem wegen Sprit- und Ersatzteilmangel und durch die Einschränkungen durch das partielle Flugverbot, fehlen Übungsstunden. Der Irak hat daher seine Armee auf Flugabwehr spezialisiert. Ihr gehören 17.000 Soldaten an, die Herr über etwa 850 Boden-Luft-Raketenwerfer und 3.000 irakische Flugabwehrgeschütze sind. Allerdings werden diese Abwehrstellungen vom US-Militär sofort angegriffen, sobald ihr Radar geortet wird. Auf bereits jetzt abgeworfenen Flugblättern werden die Bodensoldaten darauf hingewiesen, dass es sinnvoller sei, sich von vornherein zu ergeben und ihre Geräte nicht zu benutzen.
Diese blitzschnelle Reaktionsfähigkeit dürfte es dem Irak auch schwer machen, seine verbliebenen Raketenbestände einzusetzen. Etwa ein Dutzend al-Hussein-Raketen werden noch im Irak vermutet, deren Reichweite bei 650 Kilometern liegt. Weitere al-Samud-Kurzstreckenraketen, die etwa 180 Kilometer weit fliegen können, werden derzeit unter Aufsicht der Uno-Waffeninspektoren zerstört.
Rüstungsetats: 343 Milliarden zu 1,4 Milliarden Dollar
Das militärische Ungleichgewicht zwischen der amerikanischen und irakischen Armee wird überdeutlich, wenn der Militärhaushalt beider Länder verglichen wird. Mindestens 343 Milliarden Dollar stehen dem US-Verteidigungshaushalt 2003 zur Verfügung, im Irak wird die Summe vom CSIS auf 1,4 Milliarden geschätzt. US-Experten schätzen die Kosten für ihren Irak-Feldzug je nach Dauer auf 80 bis 140 Milliarden Dollar.
Dementsprechend zahnlos wird von den CSIS-Spezialisten Iraks Armee eingeschätzt: "Die Unfähigkeit sich zu modernisieren hat dazu geführt, dass Iraks bewaffnete Kräfte weitgehend veraltet sind", bilanzieren die Militärforscher aus Washington: "Viele Einheiten haben nur begrenzte Einsatzfähigkeit und werden es schwer haben, im Kampf zu bestehen."