Usbekistan Der ängstliche Nachbar
Termez - Die Armee ist in erhöhter Alarmbereitschaft. Paramilitärs errichten Checkpoints in und vor der Grenzstadt Termez. Die Soldaten, gekleidet in Wüsten-Camouflagen, kontrollieren Papiere, durchsuchen Autos und Kofferräume. An einem Grenzübergang hängt ein Fahndungsposter mit den finsteren Gesichtern von etwa 50 mutmaßlichen Terroristen, viele von ihnen mit buschigen, dunklen Bärten.
An der Grenze, die hier durch den Fluss Amu-Darya markiert wird, starren usbekische Soldaten auf hohen Wachtürmen angestrengt zum afghanischen Ufer hinüber. Noch scheint alles ruhig. Betonblöcke und gepanzerte Fahrzeuge versperren den Weg zur offenkundig falsch getauften "Freundschafts"-Brücke. Über dieses fast einen Kilometer lange, kühne Stahlkonstrukt waren Weihnachten 1979 sowjetische Panzer und Truppen in Afghanistan eingefallen - und zehn Jahre später geschlagen wieder abzogen.
Der Grenzübergang ist seit Jahren geschlossen, um das Chaos des afghanischen Bürgerkriegs draußen zu halten. Für afghanische Flüchtlinge ist es fast unmöglich, an dieser Stelle über die Grenze zu schlüpfen. "Wir haben Befehl, niemanden über den Fluss kommen zu lassen", lässt sich ein Grenzsoldat entlocken.
Einschlag von Cruise Missiles
Vergangene Nacht waren von der anderen Seite des Flusses mehrere Explosionen zu hören, vermutlich von amerikanischen Angriffen auf die nur 40 Kilometer entfernte Stadt Masar-i-Scharif. Gefechtslärm von dort ist nichts Neues für die etwa 20.000 Einwohner von Termez, schließlich kämpfen die Taliban und die Nordallianz seit Jahren in der Gegend.
"Aber letzte Nacht knallte es lauter als sonst, das müssen Cruise Missiles gewesen sein", sagte ein älterer Mann in einem Teehaus. "Hoffentlich bleibt der Lärm immer so weit weg."
Dennoch fürchten viele Usbeken, dass der Krieg dieses Mal zu ihnen kommen könnte. Vor einer Woche hat Usbekistan, als erste ehemalige Sowjetrepublik, eintausend amerikanische Bodentruppen ins Land gelassen. Sie sind auf einer Airbase bei Qarshi stationiert. Zwar hat Präsident Islam Karimow betont, die Amerikaner dürften nur für Rettungseinsätze und humanitäre Missionen losmarschieren. Dennoch ist die usbekische Hilfe unschätzbar für die USA, da bislang kein weiteres islamisches Nachbarland amerikanische Truppen für die Militärschläge gegen Afghanistan akzeptiert hat.
Taliban drohen mit Krieg
Die Taliban haben Usbekistan daher postwendend mit Krieg gedroht. Auch in Tadschikistan machen fundamentalistische Muslime gegen das Nachbarland Stimmung. Und auch innerhalb des Landes tun sich durch die neuen Allianzen Konflikte auf: Islamistische Gruppen kündigten inzwischen terroristische Anschläge auf amerikanische Einrichtungen an.
Vor der großen blaugekachelten Moschee von Termez haben sich einige dutzend Männer versammelt, manche gehen hinein - zum Nachmittagsgebet. Andere versammeln sich um den Imam, Scheich Abdullah Hafiz, dessen Erscheinung mit dem weißer Turban, dem weißen Chapan-Gewand und dem schneeweißen Bart fast zu leuchten scheint.
"Eine schwere Sünde"
Der Mullah ist gerade aus der Hauptstadt Taschkent heimgekehrt, wo er sich auf einem Dringlichkeitstreffen mit anderen muslimischen Führern des Landes beraten hat. "Wir sind sehr bestürzt über den Krieg", sagt Scheich Abdullah, während zwei Polizeioffiziere rechts und links von ihm aufmerksam zuhören. "Terroristen müssen bekämpft werden, aber unschuldige Zivilisten, Frauen und Kinder zu töten, das ist eine schwere Sünde."
Die Gläubigen, die den Scheich umgaben, tragen ebenfalls Turbane und Duppi-Kappen, was viel Mut erfordert in diesem Land, dessen extrem säkulare Regierung solche Zeichen muslimischer Frömmigkeit verboten hat. Doch im Süden Usbekistans hat der Islam nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine derartige Renaissance erlebt, dass die Polizei sich zurückhält. "Zu Sowjet-Zeiten hatten wir in der Region um Termez zwei Moscheen mit 200 Gläubigen, nun sind wir fast 100.000 und haben 76 Moscheen", berichtet Scheich Abdullah.
Nur wenigen gefällt es, dass amerikanische Truppen von ihrem Land aus muslimische Brüder angreifen. Dauert der Krieg länger, könnte vorhandene Solidarität mit den Taliban staatsgefährdend stark werden, fürchtet das Karimow-Regime. Scheich Abdullah drückte die Gefühle seiner Gemeinde vorsichtig aus: "Es ist jetzt sehr schwierig, kein Mitleid mit unseren afghanischen Brüdern zu haben."