Usbekistan Tamerlans despotischer Erbe
Hamburg - Schnell hatte der 67 Jahre alte usbekische Präsident Karimow die Urheber der Unruhen in Andischan zu Hand: Die radikalislamische Hizb ut Tahrir ("Befreiungspartei"), die für die Errichtung eines Kalifates Turkestan kämpft, das ganz Zentralasien umfassen und durch die Scharia regiert werden soll. Das blutige Vorgehen seiner Sicherheitsleute gegen die Demonstranten in der 300.000-Einwohner-Stadt nahe Kirgisien rechtfertigte er kaltschnäuzig: "Wir konnten darauf nicht eingehen, sonst hätten wir morgen Dutzende ähnlicher Konflikte."
Doch die Nachrichtenagenturen zitieren die Demonstranten mit ganz berechtigten Anliegen: "Das Volk verlangt Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie." Sicher ist: In Karimows Land brodelt es gewaltig. Der Aufstand im Osten des Landes und die Reaktion der Sicherheitskräfte könnte das Feuer an der Lunte für eine gewaltige Explosion sein. Seit 15 Jahren regiert Karimow das Land diktatorisch. Er schwang sich wie alle heutigen zentralasiatischen Machthaber - mit Ausnahme des kürzlich gestürzten kirgisischen Regierungschefs Askar Akajew - vom regionalen KP-Chef zum Alleinherrscher über das alte Reich an der Seidenstraße mit seinen großartigen Kulturstätten wie Samarkand und Buchara auf. Dabei hatte er noch 1991 den Putsch kommunistischer Hardliner gegen den letzten Generalsekretär der KPdSU und sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow unterstützt.
Doch dann entdeckte Karimow den Islam, der die Kultur in seinem Land - trotz 70 Jahren Sowjetherrschaft - immer beeinflusst hat und nach dem Ende der UdSSR eine Renaissance erlebt. Nach Ansicht seiner Kritiker missbraucht der Präsident den Islam jedoch und nutzt ihn lediglich als Machtvehikel - als Ersatzidentität für ein Vakuum, das der Kommunismus in Zentralasien nie füllen konnte.
Imam in Gnaden des Präsidenten
"Der Präsident wurde uns von Gott gegeben", sagt folglich auch Usmanhon Alimow. Auf Alimows Kopf sitzt ein weißer Turban, von dem seine Ohren besonders weit abstehen. In einem makellosen Kaftan gewandet empfängt er Besucher in seinem Büro in dem prächtigen Gebäudekomplex "Imam al-Buchari", den Karimow für 35 Millionen Dollar bei Samarkand errichten ließ und der zur Aufbewahrung von Hadith, schriftlichen Zeugnissen von Taten und Aussprüchen des Propheten Mohammed, dient.
An den Wänden seines Büros hängen Fotos, die Alimow mit Karimow zeigen. "Der Präsident ist ein guter Muslim. Usbekistan hat dank ihm den richtigen Weg gefunden", fährt Alimow in seiner Lobeshymne fort. Vor der Unabhängigkeit Usbekistans von der UdSSR habe es in seiner Region nur sechs Moscheen gegeben, heute seien es fast 300.
Alimow muss seinen Präsidenten preisen. Alimow ist ein Staatsimam, eingesetzt von Karimow persönlich. Und ohne Karimows Wort läuft in Usbekistan nichts: Der Bau von Moscheen, Koranschulen und islamischen Universitäten für die 80 Prozent Muslimen unter den rund 26 Millionen Usbeken - alles nur möglich im staatlichen Auftrag.
Bei "politischen Fragen" wird der Vorbeter erst unruhig, dann ungehalten. Er zupft sich an seinem Bart und wischt sich mit einem sorgfältig gebügelten Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht. Pflichtschuldig sagt Alimow, für ihn sei der "Kampf gegen den Extremismus Aufklärung über den friedlichen Islam." Nur, wenn man den Koran "ohne Anleitung lese", könne man auf den Weg des Terrorismus gelangen. Dieses Risiko versucht der Staat zu minimieren, in dem er für jedes Freitagsgebet den Inhalt der Predigten vorgibt.
Verweis auf glorreiche Zeiten
Ortswechsel. Mitten im Zentrum von Taschkent überragt das Usbekische Staatsmuseum mit einer an Prunkmoscheen erinnernden futuristischen Kuppel die Wipfel der Bäume des Stadtparks. Drinnen erwartet die wenigen Besucher ein gewaltiger Saal, an dessen Stirn ein Bildnis des legendären Heeresführers und Staatenlenkers Timur der Lahme (oder Hinkende) thront.
Im Westen ist er besser als Tamerlan bekannt - und war als Schlächter und Zerstörer gefürchtet. Zu seinen Lebzeiten (1336 bis 1405) eroberte er ein riesiges Reich, das von der usbekischen Steppe bis nach Konstantinopel und Ägypten reichte. Vor den von ihm eroberten Städten soll er Pyramiden aus den Schädeln seiner Feinde errichtet haben. "Tamerlan war ein großer Staatsmann, Krieger, Gründer eines streng zentralisierten Landes, Schirmherr der Wissenschaften und der Kultur", erklären hingegen Stelltafeln im Museum. Dem mittelalterlichen Nachfolger des Mongolenfürsten Dschingis Khan ist nebenan im Stadtpark zudem ein riesiges Reiterdenkmal gewidmet - auf dessen Sockel früher einmal die Statue von Karl Marx stand.
Neben dem staatlich dirigierten Islam ist Tamerlans Legende das zweite Standbein der neuen Ideologie, die nur einen Zweck erfüllt: Kamirows Machtsicherung mit eiserner Hand. Er ist jederzeit bereit seine Macht durch Gewalt zu sichern, wie er gerade in Andischan zeigte. Sein neu geschaffenes ideologisches Fundament geht einher mit einer rigiden Politik der "Usbekisierung" aller Lebensbereiche. Kyrillische Buchstaben werden vollständig aus dem offiziellen Leben getilgt. Nur weiß noch niemand, was das für die Universitäten bedeutet. Denn sämtliche Fachliteratur ist lediglich auf Russisch zu haben. Viele der Russen und Ukrainer, die seit Generationen in Usbekistan leben, verlassen mittlerweile das Land. Es ist nicht mehr das ihre.
New York, Madrid, Taschkent
Das Staatsmuseum ist äußerst großzügig angelegt - man könnte es auch leer nennen: Neben nachgemachten Kriegerrüstungen und naiven Darstellungen von Tamerlans Herrlichkeit sind Geschenke aus befreundeten Staaten und Städten zu besichtigen. So hängt dort etwa ein Foto der New Yorker Skyline - ohne World Trade Center. Ein Schild kommentiert: "Gestern war New York, dann Madrid und nun Taschkent."
Auch die usbekische Metropole blieb von Gewaltakten der Islamisten nicht verschont: Vor einem Jahr starben dort nach offiziellen Angaben 47 Menschen bei einem Feuergefecht - davon 33 Angreifer. Ende Juli dann gab es Bombenanschläge auf die Botschaften Israels und die Vereinigten Staaten. Doch ebenso schnell wie jetzt in Andischan präsentierte die Regierung Schuldige. In Schauprozessen unter Tränen standen sie vergangenes Jahr ihre Verbindungen zum islamischen Terrorismus. Doch da waren sie wohl längst gebrochen, denn Folter wird nach Angaben der Vereinten Nationen in usbekischen Gefängnissen systematisch eingesetzt.
"Kampf gegen Terror" rechtfertigt Repressionen
Dass die Kugeln von Karimows Sicherheitsleuten jeden treffen, wie es sich jetzt in Andischan zeigte, ist neu - und seit dem Umsturz in Kirgisien ein Anzeichen auf die zunehmende Nervosität des Regimes. Doch schon zuvor konnte die staatliche Repression jeden treffen: Kritik an der Regierung reicht aus. Grund genug für eine Verhaftung kann selbst ein zu langer Bart sein, auch Sippenhaft ist gängig. Allison Gill von Human Rights Watch schätzt die Anzahl der gewaltfreien religiösen Gefangenen auf mindestens 6000. Die US-Menschenrechtsorganisation dokumentiert in einer Studie, dass Muslime seit Mitte der neunziger Jahre in Usbekistan systematisch unterdrückt werden - sobald sie nicht der staatlichen Koranauslegung folgen.
Als Brutstätte des zentralasiatischen Islamismus gilt das Fergana-Tal. Ein nur in der Ebene fruchtbares Gebiet, das sich auf 300 Kilometern Länge und einer Breite von 150 Kilometern auf die Länder Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisien ausdehnt und in dem mehr als acht Millionen Menschen leben. War die Region unter den Sowjets Zentrum der Seidenproduktion, wird hier heute aufgrund der grassierenden Arbeitslosigkeit vor allem Hoffnungslosigkeit produziert.
Die autoritäre Herrschaft im Wüstenstaat wurde durch die Terrorangriffe des 11. September 2001 fast unangreifbar. Als Nachbarland Afghanistans spielte Usbekistan eine wichtige logistische Rolle im Krieg gegen die Taliban 2001. Doch auf die hausgemachten Probleme seines Landes und die siechende Wirtschaft Karimow keine Antworten.
Lange schwieg die Weltgemeinschaft: Schließlich hatten die USA die ehemalige Sowjetrepublik zu ihrem Verbündeten im "Kampf gegen den Terror" erklärt und dort 1500 Soldaten stationiert. Auch 300 deutsche Soldaten sichern im usbekischen Termesz den Nachschub nach Kabul. Die Unterstützung des Westens galt seit Jahren einem Land, in dem keine Pressefreiheit existiert und Parteien dem Präsidenten nur als Attrappen dienen - zuletzt sichtbar bei den Parlamentswahlen kurz nach Weihnachten. Von der OSZE wurden sie als "undemokratisch" eingestuft: Es waren nur Kandidaten zugelassen, die Karimow unterstützen.
Nun richtete der britische Außenminister Jack Straw kritische Worte an Karimow. Doch den hat Schelte von Außen noch nie gestört. Schließlich habe Tamerlan sein Reich auch nur mit unnachgiebiger Härte und Strenge regieren können, meint der Präsident. Karimow ist ein Mann, der sich selbst als einer der ganz großen Herrscher Zentralasiens versteht - und sich als Tamerlan des neuen Jahrtausends inszeniert. Wie lange noch wird seit vergangenem Freitag auf der Straße entschieden.