Venezuela Abschied eines Demagogen
Berlin In der Rolle des "Retters der Armen" sah sich Hugo Chávez am liebsten. Bis 2012 werde er regieren, hatte er noch vor wenigen Wochen wiederholt. Doch sein viertes Amtsjahr war sein letztes. Innerhalb von drei Jahren hat er es geschafft nahezu alle gesellschaftlichen Schichten gegen sich aufzubringen. Militärs, Unternehmer, Gewerkschaften, die katholische Kirche, die Medien und die politischen Parteien - sogar Teile seiner eigenen "Bewegung fünfte Republik" - kehrten ihm den Rücken. Unter dem Druck blutiger Massenproteste und einer Rebellion der Streitkräfte musster er schließlich gehen.
Bis 1992 war der Linksnationalist, der am 28. Juli 1954 in Sabaneta im Bundesland Barinas geboren wurde, völlig unbekannt. Das änderte sich am 4. Februar jenen Jahres schlagartig, als der Fallschirmjäger und Oberstleutnant versuchte, mit wenigen Panzern und einigen hundert Männern Präsident Carlos Andrés Pérez aus dem Präsidentenpalast Miraflores in Caracas zu jagen. Der Putsch schlug fehl und Chavez musste Gefängnisleben lernen. Doch schon 1994 begnadigte der damlige Präsident Rafael Caldera den Putschisten. Chávez nahm seine politische Arbeit sofort wieder auf und verfolgte vehement sein Ziel, die älteste Demokratie Südamerikas zu regieren.
Trotz Rezession und zunehmender Arbeitslosigkeit, die das Land plagten, gewann er im Jahr 1998 mit überwältigender Mehrheit die Parlamentswahlen im Land zwischen der Karibik und Brasilien. Das Volk setzte große Hoffnung in den neuen Staatschef. Zu Beginn seiner Regierungszeit hatte Chávez einen Rückhalt in der Bevölkerung wie kein anderer Präsident seit Venezuelas Unabhängigkeit. Denn der redegewandte Oberst versprach seinen Landsleuten eine blühende Zukunft.
Aber entgegen seinen Versprechungen gelang es Chávez nicht, den Reichtum aus der Ölförderung wirklich der ganzen Bevölkerung zugute kommen zu lassen. Rund 80 Prozent der insgesamt 24 Millionen Venezolaner leben in absoluter Armut. Allein in der Hauptstadt Caracas müssen mehr als ein Drittel der knapp zwei Millionen Menschen in Elendsvierteln hausen.
Chávez, der innerhalb kürzester Zeit zum Idol und Symbol des Saubermannes avancierte, erklärte während seines Wahlkampfes der Korruption in seinem Land den erbitterten Kampf. Doch seinen Erklärungen folgten keine Taten. Während seiner Amtszeit sollen dreistellige Millionensummen in den Taschen ziviler und uniformierter "Revolutionäre" geflossen sein. Allein seit Jahresbeginn soll die linksnationalistische Regierung unter Chávez fast drei Milliarden Dollar auf Auslandskonten transferiert haben, berichteten in- und ausländische Medien. So führte die Kapitalflucht das Land an den Ranbd des wirtschaftlichen Kollaps . Die Schuld für die desolate Regierungsbilanz wies der Major "Verschwörern" und "Saboteuren" zu, die er bei den Unternehmern, in der katholischen Kirche, den unabhängigen Gewerkschaften und den Medien vermutete.
Mit seiner Politik wollte Chávez eine "soziale Revolution" herbeiführen und bei alten Freiheitshelden wie Simon Bolivar, der Anfang des 19. Jahrhunderts den größten Teil Lateinamerikas von der spanischen Kolonialherrschaft befreit hatte, anknüpfen. Doch er verunsicherte nur die Wirtschaft, Unternehmer bremsten ihre Investitionen, die Gewerkschaften warteten vergeblich auf Verbesserungen.
Auch im Ausland stieß Chavez auf tiefe Skepsis. Seine Ansammlung von Machtbefugnissen und der Bruch aller demokratischen Spielregeln wurde zunehmend kritisch beobachtet. Vor allem die USA - den größten Handelspartner seines Landes - verärgerte Chávez mit seinen engen Kontakten und Besuchen in Kuba, Libyen und Irak.
Nun ist die politische Karriere des 47-jährigen Demagogen endgültig am Ende. Derzeit sitzt er in der größten Kaserne des Landes, Fort Tiuna, in Haft. Dort werde der in zweiter Ehe lebende vierfache Vater festgehalten, bis über die Einleitung von Ermittlungen entschieden sei, erklärte ein Sprecher der Armee. Ginge es nach Chavez selbst, würde er wohl sofort ins Exil nach Kuba fliehen, zu seinem Vorbild und Mentor Fidel Castro.