Verschobenes Urteil: Kreml lässt Chodorkowski weiter schmoren - DER SPIEGEL
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Chodorkowski: Ex-Oligarch hinter Gittern

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Verschobenes Urteil Kreml lässt Chodorkowski weiter schmoren

Russlands Machtelite hat das Urteil über Michail Chodorkowski verschoben. Ausländische Prozessbeobachter wurden ausgetrickst - Intellektuelle kämpfen aber weiter für einen Freispruch ihres Idols. Sie halten den früheren Superkapitalisten sogar für einen künftigen Präsidenten.
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Michail Chodorkowski

Der Richter, der über das Schicksal von Russlands berühmtestem Häftling zu entscheiden hat, muss dieser Tage jede Menge Spott aushalten. Die Moskauer Tageszeitung "Nowaja Gaseta" hat ein Foto von Wiktor Danilkin aufgetrieben, dem vorsitzenden Richter im Prozess gegen den Ex-Oligarchen . Es zeigt Danilkin, der abgehetzt und mit fettem Bauch über eine Ziellinie sprintet.

Im Chodorkowski-Prozess aber hat Danilkin eine Vollbremsung vollzogen: Der für diesen Mittwoch angesetzte Beginn der Urteilsverkündung wurde gestoppt. Als die ersten Journalisten am Moskauer Chamownitscheski-Gericht eintrafen, fanden sie nur eine knappe Nachricht vor: verschoben auf den 27. Dezember, stand da. Russlands Justiz und Machtelite lässt so Dutzende Beobachter aus dem In- und Ausland ins Leere laufen, darunter die Bundestagsabgeordnete Marie-Luise Beck von den Grünen.

Erst kurz vor Neujahr will Danilkin nun seinen Urteilsspruch verkünden, wenn die meisten ausländischen Korrespondenten Moskau verlassen haben und in Russland zwei Wochen Staatsferien beginnen. Sechs zusätzliche Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft für Chodorkowski. Er soll angeblich seine eigene Firma Jukos um 218 Millionen Tonnen Rohöl bestohlen haben.

Prozess interessiert nur eine Minderheit

Wladimir Putin

Doch es geht in Wahrheit nicht um diese Vorwürfe, sondern darum, in einem Schauprozess einen Widersacher von kalt zu stellen, dem Ex-Präsidenten und heutigen Premierminister. Putin hat Chodorkowski öffentlich mit Al Capone verglichen, dem amerikanischen Mafiosi. Doch anders als der Russe handelte dieser mit Drogen und Prostituierten, aber nicht mit Öl.

Nur vier Prozent der Russen erwarten laut Umfragen des renommierten Lewada-Zentrums einen Freispruch, zwei Drittel interessieren sich nicht für das Verfahren. Nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung engagiert sich für den Häftling, darunter aber der Großteil von Russlands Intellektuellen. 2600 Teelichter haben Chodorkowskis Unterstützter Dienstagnacht in Moskau entzündet, eines für jeden Tag, den der 2003 in Ungnade gefallene Magnat bereits in Haft sitzt. Aus den Kerzen formten sie das Wort "Swoboda" - Freiheit.

Medwedew

Die berühmtesten Musiker des Landes, Veteranen des Untergrund-Rocks aus Sowjetzeiten, appellieren in einem Brief an Präsident und fordern einen Freispruch. Sie hoffen, dass "unter Dmitrij Anatolewitsch (Medwedew) Gerichtsverfahren ein wenig gerechter ablaufen als in den vorigen Jahren".

Hoffnung der ohnmächtigen Intelligenzija

Chodorkowskis rasanter Aufstieg begann während der achtziger Jahre, als Funktionär der sowjetischen Jugendorganisation Komsomol. In den neunziger Jahren schuf er dann ein Milliardenimperium, zum Teil mit fragwürdigen Methoden. So wurde er zu einem Symbol des russischen Raubtierkapitalismus. Nun aber steigt er zu einer Ikone der russischen Intelligenzija auf, zu einem Hoffnungsträger für die im riesigen Land versprengten Liberalen.

Der Moskauer Maler Andrej Budajew porträtiert Chodorkowski gern wie einen Messias, der lächelnd vor seinen obersten Richter tritt, einen Pilatus mit Putins Zügen. Auf einem anderen Bild, "Einladung zur Hinrichtung" genannt, geleitet Putin den Widersacher mit galanter Geste zu dessen Enthauptung. Der Schriftsteller Boris Akunin erhob Chodorkowski im SPIEGEL einst zur  "derzeit interessantesten Figur der russischen Gesellschaft".

Der unbeugsame Häftling sei ein Beispiel, wie man sich "würdevoll und schön" verhält, schwärmt der Science-Fiction-Autor Boris Strugatzki. Das Literatur-Magazin "Snamja", übersetzt: "Das Banner", zeichnete den Ex-Superkapitalisten und studierten Chemie-Ingenieur für seine Korrespondenz mit der russischen Bestseller-Autorin Ludmilla Ulizkaja als Literaten des Jahres aus.

Den Briefwechsel mit Akunin druckte sogar das Hochglanzmagazin "Esquire" ab: Darin schrieb Chodorkowski, in Russland gebe es immer mehr "echte Bürger, und es vollzieht sich ein Prozess, in dem sich eine Masse in eine Gemeinschaft von Bürgern verwandelt". Botschaften wie diese lassen ihn in den Augen vieler Intellektueller wie eine Lichtgestalt erscheinen, eine Art Anti-Putin und ein Gegenpol zum Kreml. So verkörpert Chodorkowski wie kein zweiter die Hoffnungen einer ohnmächtigen Intelligenzija. Deren kluge Appelle an die politische Führung und Volk verhallen seit Jahren ungehört.

Komsomolze, Räuberbaron, Öl-Magnat

Komme Chodorkowski frei, glaubt Schriftsteller Akunin, beginne die "Staatsmacht sich zu verändern". Eine Verurteilung aber führe zu einer weiteren "Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft". Doch die in der Bevölkerung weit verbreitete politische Apathie und das Schweigen des Staatsfernsehens über den Prozess führen dazu, dass nur elf Prozent das Verfahren aufmerksam verfolgen.

Auch der Moskauer Maler Dmitrij Wrubel, Schöpfer des berühmten "Bruderkusses" auf der Berliner Mauer, hat Russlands Häftling Nummer eins in seinen Werken verewigt. Auf einem Gemälde blickt ein überlebensgroßer Chodorkowski freundlich lächelnd zwischen Gitterstäben hindurch, davor aber steht Putin mit einer Pistole in der rechten Hand.

Chodorkowski war Komsomolze, Räuberbaron, Öl-Magnat und einer der mächtigsten Männer des Landes. Nun sitze er seit sieben Jahre in Haft, sei aber ungebrochen, sagt Wrubel. "So ist er zu einem Symbol des modernen Russlands geworden, zu einem Symbol wie sonst nur Putin." Insgeheim halten Intellektuelle wie die Rock-Legende Juri Schewtschuk, der vor wenigen Wochen mit U2-Sänger Bono auf der Bühne stand, Chodorkowski gar für den besseren Präsidenten.

"Wir hoffen jetzt auf eine Überraschung", sagt Mauermaler Wrubel. "Vielleicht lässt ihn Medwedew tatsächlich frei, und Chodorkowski ruft dann dazu auf, Medwedew bei der Präsidentschaftswahl 2012 zu unterstützen." Das aber käme einem Putsch Medwedews gegen seinen politischen Mentor Putin gleich. Wahrscheinlicher aber ist, dass Richter Danilkin eine weitere Haftstrafe gegen Chodorkowski verhängen wird.