Verstimmung im Bush-Team Grabenkämpfe im Weißen Haus
Berlin - Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Gleich nach Kriegsbeginn, da war sich die US-Regierung sicher, werden irakische Soldaten scharenweise zu den Befreiern überlaufen und Saddams Regierung werde auseinander brechen. Nun aber, nach zwei harten Kriegswochen, ist es eher George W. Bush, der sich mühen muss, seine Leute beisammen zu halten. Der Ärger begann, als der Vormarsch auf Bagdad ins Stocken geriet. Schonungslos offen beschwerten sich die Kommandeure über die missratene Kriegsstrategie des Verteidigungsministers. Rumsfeld habe nicht auf die Generäle gehört, sondern stur seine Vision von einer kleinen High-Tech-Armee verfolgt. Die Invasion habe mit viel zu wenig Soldaten begonnen - und zu allem Überfluss auch noch den falschen.
Rumsfeld habe damit die Truppe in Gefahr gebracht. Ein Kommandeur in Kuweit verglich den Pentagon-Chef gestern schon mit Robert McNamara, der den USA den Vietnamkrieg eingebrockt hat. Der hatte ebenfalls die politischen und militärischen Gegebenheiten des Feindes völlig falsch eingeschätzt. Und ein Oberst sagte der New York Times: "Rumsfeld wollte einen Billigkrieg. Nun hat er ihn." So ist die Forderung der Militärs nach einem radikalen Wechsel der militärischen Strategie vor allem so zu übersetzen: Zivilist Rumsfeld soll sich endlich aus dem Kriegshandwerk raushalten.
Republikaner zweifeln an den Falken
Der Unmut über den Kriegsverlauf hat auch die Republikanische Partei erreicht. Die "Washington Post" meldet, dass die "Grand Old Party" hinter den Kulissen einflussreiche Mitglieder zum Präsidenten geschickt hat. Sie sollen Bush überzeugen, dass er denkbar schlecht beraten wird vom Falkentrio Rumsfeld, dessen Stellvertreter Paul Wolfowitz und Vizepräsident Dick Cheney. Deren Ratschläge seien falsch, würden amerikanischen Langzeitinteressen eher schaden als nützen und die Zusammenarbeit mit den Verbündeten und den Internationalen Organisationen nur weiter erschweren.
Zu allem Unglück seien die mächtigen Drei auch oftmals über Kreuz mit dem Außenminister Colin Powell dem Mann also, der das Vertrauen des Militärs besitzt. Von 1989 bis 1993 Oberbefehlshaber des US-Militärs, hat Powell nach wie vor enge Vertraute im Pentagon eine Tatsache, die Rumsfeld nicht gefallen kann.
"Schwarzer Kanal" zwischen Powell und den Generälen
Schon streuen seine Mitarbeiter, es gebe einen "schwarzen Kanal" zwischen Powell und den Generälen, von denen sich viele mit Rumsfeld überworfen haben. Offen jedoch kann der exzentrische Verteidigungsminister Powell nicht angehen: Vater Bush hält schützend die Hand über ihn. "Ich kann es nicht ertragen, wenn Powell kritisiert wird, egal von welcher Seite", ließ Bush senior gestern warnend wissen. Ein deutlicher Schuss vor Rumsfelds Bug.
Nach außen streitet Powell jeden Verdacht auf Dissonanzen ab. Als Außenminister sei die Verteidigung nicht mehr seine Baustelle, sagt er in die Mikrofone. Hinter den Kulissen aber zieht der Chefdiplomat die Fäden.
So ist der nun geforderte Strategiewechsel nichts anderes als eine Rückkehr zur Powell-Doktrin eine Strategie des 1991 Golfkrieges: klare Ziele, lang anhaltende Luftangriffe, gefolgt von der Invasion zahlenmäßig starker Bodentruppen, alles durchgeführt mit weitreichender internationaler Unterstützung.
Diese Doktrin wischte Rumsfeld kurz nach Amtsantritt vom Tisch: sie sei dem Denken des Kalten Krieges entsprungen und nicht mehr adäquat. Der willensstarke Haudegen setzte lieber auf eine kleine Hightech-Streitmacht und die "Schock-und-Schrecken"-Strategie: Mit extrem starken Luftangriffen das feindliche Regime lähmen, demoralisieren und zur Aufgabe zwingen.
Breitseite gegen Wolfowitz
Als Powell am Freitag gefragt wurde, ob er verstimmt über die Abkehr von seiner Doktrin sei, sagte er: "Ich kann Ihnen versichern, die Generäle und Admirale wenden genau diese Doktrin jetzt an. Ich weiß es, ich habe sie ja ausgebildet." Rumsfeld erwähnte er mit keinem Wort.
Eine Breitseite auf seinen Lieblingsgegner Wolfowitz konnte er sich indes nicht verkneifen. Der Hardliner, der nie eine Uniform getragen hat, gilt unter Powell-Getreuen als jemand, der den Irak als rein akademisches Problem betrachtet und die militärischen Realitäten nicht versteht. Befragt nach den Kriegsopfern antwortet Powell: "Das ist der Preis, den man für einen Krieg zahlen muss. Und der wird nicht von Intellektuellen bezahlt, sondern von wunderbaren jungen Amerikanern, die ihrem Land dienen und an die gute Sache glauben."
Viele Republikaner teilen Powells Auffassung - das Misstrauen gegenüber den Scharfmachern an der Seite des Präsidenten wächst. Gespannt würde beobachtet, so ein einflussreiches Parteimitglied, ob dieser Präsident etwas aus dieser schlechten Beratung lernt. Anzeichen hierfür, Konsequenzen gar, sind bislang nicht zu erkennen. Bush gebe sich wie eine Sphinx, ihm sei nicht anzumerken, wie er zu den Spannungen innerhalb seines Regierungsteams steht, verriet einer seiner Mitarbeiter der "Washington Post". Auch bei seiner gestrigen Rede in einer Kadettenschule war von Bush kein böses Wort über seinen umstrittenen Verteidigungsminister zu hören. Allerdings auch kein Gutes.