Verstrahlung Paris will Opfer von Atomtests entschädigen
Paris - Die französische Regierung hat angekündigt, Opfer früherer Atomtests zu entschädigen. Verteidigungsminister Hervé Morin will ein Gesetz auf den Weg bringen, nach dem nicht mehr die Strahlenopfer den Zusammenhang zwischen ihrer Krankheit und Atomversuchen nachweisen müssen. Die Beweislast liegt nun beim Staat.
Für die Entschädigungen werde die Regierung zunächst zehn Millionen Euro bereitstellen, so Morin. Über den Anspruch auf Entschädigung soll eine eigens gegründete Expertenkommission von Fall zu Fall entscheiden. Grundlage sei eine Liste der Vereinten Nationen über 18 Krankheiten, die auf Verstrahlung zurückgeführt werden können.
An den Atomtests waren rund 150.000 Militärangehörige und zivile Angestellte beteiligt; hinzu kommt die Bevölkerung der Testgebiete in der algerischen Sahara und Polynesien, die künftig ebenfalls Anträge auf Entschädigung stellen darf. Morin sagte, von der Verstrahlung seien "mehrere hundert" betroffen. Der Gesetzentwurf soll im April dem Parlament vorgelegt werden. Zur maximalen Höhe der Entschädigungen äußerte sich Morin nicht.
Frankreich hat von 1960 bis 1996 insgesamt 210 Atomwaffentests durchgeführt. Zunächst wurden 16 Bomben in der algerischen Sahara gezündet. Als Algerien die Unabhängigkeit erlangte, führte Frankreich die Tests in der pazifischen Inselregion Polynesien fort. Im Jahr 1998 war Paris dem internationalen Teststopp-Abkommen beigetreten.
Bei den ersten 14 Tests in der Sahara und in Polynesien habe es Probleme gegeben, räumte Morin ein. Mitarbeiter der Streitkräfte und der beteiligten Firmen sowie die Einheimischen waren nicht hinreichend gegen Strahlung geschützt. Fotos zeigen Menschen, die unmittelbar vor dem Aufsteigen der Atompilze nur Badehosen und Schutzbrillen tragen.
Noch 2001 hatte die französische Regierung geleugnet, dass es überhaupt Opfer gegeben habe. Die Vereinigung der Veteranen der Atomversuche AVEN fordert hingegen seit Jahren Entschädigung für Strahlenopfer, die an Leukämie oder anderen Krebsarten erkrankt sind.
Der Vorsitzende von AVEN, Michel Verger, sprach nun von "nicht zu verachtenden Fortschritten" und begrüßte die Umkehr der Beweislast. Allerdings nannte er die von Morin auf "mehrere hundert" geschätzte Zahl "abwegig". "Bei unterirdischen Tests ist sehr viel Radioaktivität ausgetreten, es gab verpatzte Versuche, Verstrahlungen weitab von den Testgeländen", so Verger. Zudem forderte er eine Kommission zur Aufarbeitung der Atomwaffentests und ihrer gesundheitlichen Folgen, die aus dem Vorhaben "vollkommen verschwunden sei".