Video-Botschaft Deutsche Geisel spricht von Todesdrohung
Hamburg - Seit zwei Tagen kursierten in Kabul Gerüchte über ein neues Video der deutschen Geisel, die seit mehr als vier Wochen in der Hand von Kidnappern ist. Am Morgen nun strahlte der afghanische Privatsender Tolo TV Videoaufnahmen aus den Bergen aus. Auf einer Matte hockend ist der 62-jährige Rudolf B. zu sehen, der erneut eindringlich an die Bundesregierung appelliert, ihm zu helfen. Ganz offensichtlich trägt er einen Text vor, den ihm die Entführer zuvor diktiert hatten.
Der 62-Jährige wiederholt auf dem Band Textfragmente, die er bereits in den vergangenen Tagen in von den Geiselnehmern arrangierten Telefoninterviews wiedergegeben hatte. Von Husten unterbrochen stammelt er, dass er bei schlechter Gesundheit sei.
"Ich möchte, dass die afghanische Regierung und die deutsche Botschaft alles tun, damit ich schnell freigelassen werden kann", sagt er in Englisch mit deutlich deutschem Akzent. Seine Äußerungen werden auf dem Band übersetzt. Die Entführer selber sind auf den Aufnahmen nicht zu sehen.
Über die laufenden Verhandlungen spricht B. nur abstrakt. Irgendetwas scheine in den Gesprächen zu stocken, sagt er und fordert von der Bundesregierung mehr Engagement. In dürren Worten warnt er. Zwar seien die Geiselnehmer zu einer Lösung bereit. "Aber wenn die Zeit vorbei ist", so B. weiter, "wollen sie uns töten." Es ist das erste Mal, dass in einer der Botschaften aus den Bergen mit dem Tod der Geiseln gedroht wurde.
Geschüttelt von Husten bitte die Geisel um Hilfe
Rudolf B. wirkt auf den neuen Aufnahmen verzweifelt, das Sprechen scheint ihm schwerzufallen. Deutlich ist zu erkennen, dass er unter enormen Druck steht. Mehrmals schütteln den deutschen Hustenanfälle, über längere Strecken hält er sich mit der Hand die Brust. Auf dem knapp zwei Minuten langen Band sind auch vier Afghanen zu sehen, bei denen es sich offenbar um die vier Begleiter des Deutschen handelt, die mit ihm gemeinsam am 18. Juli entführt wurden.
Rudolf B. war am 18. Juli gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen Rüdiger D. in der südlichen Region Wardak von Taliban verschleppt worden. Rüdiger D. wurde nach einem Kreislaufkollaps, den er bei einem Gewaltmarsch in die Berge erlitt, von den Entführern erschossen.
Nach Erkenntnissen der Bundesregierung wird er von einer lokalen Kriminellen-Bande unter dem Kommando eines gewissen Nissam Udin festgehalten. Der Geiselnehmer jedoch agiert den Recherchen zufolge nur als Handlanger von lokalen Auftraggebern und hat nur lose Kontakte zu den Taliban.
Wann das neue Band aufgenommen wurde, ist auf den qualitativ schlechten Aufnahmen nicht zu erkennen. Wie auf dem letzten Video trägt B. eine Fleece-Jacke, die ihm ein Vermittler vor etwa zwei Wochen mit Medikamenten in die Berge geschickt hatte. Ansonsten sind keine Anhaltspunkte zu sehen, die den Zeitpunkt der Aufnahme erahnen ließen.
RTL zeigte die Bilder schon am Mittwochabend
In Kabul hieß es am Montag bereits, dass die Entführer neue Aufnahmen der Geisel mit einem Kurier nach Kabul geschickt hätten. Mehrere Fernsehsender, darunter auch deutsche Stationen, wurden von afghanischen Mittelsmännern am Mittwoch telefonisch kontaktiert. Dabei forderten sie teilweise auf mehrere Tausend Dollar für die Aufnahmen der Geisel, wenn TV-Stationen das Material exklusiv haben wollten.
Noch bevor Tolo TV das Band am Donnerstagmorgen ausstrahlte, waren im deutschen Privatsender RTL bereits am Mittwochabend Ausschnitte des aktuellen Videos zu sehen. Wie der Sender an die Bilder gekommen ist, wurde in den Sendungen nicht gesagt. Die Nachrichtensprecher teilten lediglich mit, das Material sei dem Sender "zugespielt" worden.
Für die Bewertung des neuen Bandes ist wichtig, dass die Kidnapper weiterhin keine politischen Forderungen stellen. Die Aussagen der Geisel stimmen grundsätzlich mit der Einschätzung des Krisenstabs im Auswärtigen Amt (AA) überein. Dort wird weiter versucht, über einen afghanischen Vermittler die Freilassung von B. zu erreichen.
Druck auf die laufenden Verhandlungen
Doch trotz der grundsätzlichen Hoffnung, den Deutschen unversehrt befreien zu können, scheitern die Verhandlungen immer wieder an lokalen Stämmen, die sich in die Geiselnahme einmischen. Mindestens zweimal schon sah man sich kurz vor einem Durchbruch. Am Ende der langen Tage in Kabul wurden die Experten enttäuscht. Mittlerweile wagt niemand mehr eine Prognose für einen Erfolg.
Die Bewertung des Bandes durch den Krisenstab läuft bereits seit gestern. Schon vor der Ausstrahlung im afghanischen Fernsehen äußerten Experten aus dem Gremium die Ansicht, dass die Geiselnehmer erneut mehr Druck ausüben wollten. Gerade die Übersetzung ins Deutsche solle offenbar emotionale Reaktionen in der deutschen Bevölkerung auslösen.
mgb/dpa/AFP/Reuters