Vorwahlen: Marathon-Mann Kerry - DER SPIEGEL
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Vorwahlen Marathon-Mann Kerry

Bei den Präsidentschaftsvorwahlen ließ sich John Edwards früh als großer Sieger in South Carolina feiern. Doch in der Endabrechnung in sieben Bundesstaaten war John Kerry wieder einmal der Gewinner. Der Senator aus Massachussets muss nun nur noch eins vermeiden - dass sich alle Opponenten gegen ihn verbünden.
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Im Wahlkampfsprint war John Edwards nicht zu schlagen. Zur besten Sendezeit um Punkt neun Uhr abends zelebrierte der Senator aus North Carolina für die Fernsehkameras strahlend seinen Sieg im benachbarten South Carolina. Geschickt verkaufte der ehemalige Staranwalt dem amerikanischen Publikum seinen Heimsieg als einen Durchbruch von nationaler Bedeutung, so dass der Moderator und Wahlkampfveteran Chris Matthews nur noch Begeisterung zollen konnte: "Dem kommt das politische Talent aus den Ohren heraus."

Seitenhiebe gegen seinen großen Rivalen Kerry verpackte der als optimistischer Saubermann antretende Edwards ganz sanft: "Amerika braucht als Präsidenten jemanden, der das Schicksal einfacher Menschen kennt. Die Familie, in die man geboren ist, soll nicht den Werdegang bestimmen". Soll suggerieren: Er selbst, aus einfachsten Verhältnissen stammend, ist geeignet fürs Weiße Haus. Kerry, der eine patrizische Ahnenreihe hat und mit einer der reichsten Frauen Amerikas verheiratet ist, nicht.

Der Auftritt kam gerade noch rechtzeitig: Minuten später brachten die TV-Networks die ersten Hochrechnungen aus den anderen Wahl-Staaten - und dort lag sein Konkurrent, der knarzige John Kerry meilenweit vorn. Der klare Spitzenreiter unter den sieben demokratischen Präsidentschaftsbewerbern siegte nicht nur in fünf Bundesstaaten deutlich - er belegte auch in den beiden anderen einen starken zweiten bzw. dritten Platz. In South Carolina etwa hielt Kerry den Rückstand auf den dort geborenen Edwards erstaunlich knapp. Und als um Mitternacht feststand, dass sich der ehemalige General Wesley Clark in Oklahoma knapp vor Edwards geschoben hatte, vermochte der noch nicht einmal mehr seine neue Herausforderrolle mit zwei Siegen zu untermauern. So konnte Kerry in seinen Reden und Interviews am Wahlabend die frühe Herausforderung durch Edwards großmütig ignorieren. Zwar spulte der mehrfach ausgezeichnete Vietnamveteran auf alle Fragen über patrizische Stammbäume kurz seine Standardverteidigung ab - im Militär habe damals auch niemand etwas auf Herkunft gegeben, sondern nur auf die Haltung.

Doch die meiste Zeit konzentrierte sich Kerry in blumigeren Worten als gewöhnlich auf den "großen Kampf, den ich gerade erst begonnen habe". Gegen George W. Bush, gegen die Lobbygruppen der Reichen und Mächtigen! Schon ganz präsidial bemühte Kerry dabei Vergleiche zu demokratischen Ikonen wie Franklin D. Roosevelt oder John F. Kennedy. Und fast wie Kennedy in seiner berühmten Antrittsrede beschwor er so feierlich die "vielen Schwierigkeiten und Hürden, die wir überwinden müssen", als wolle er bereits alle Demokraten hinter sich scharen. Harmonie unter den "Parteifreunden" käme Kerry äußerst gelegen. Nur wenn alle Opponenten ihn von nun an ähnlich entschlossen attackierten wie dies vor einigen Wochen dem damaligen Favoriten Howard Dean widerfuhr, könnten Rivalen wie Edwards, Dean und vielleicht der Oklahoma-Sieger Clark dem Senator noch ernsthaft Paroli bieten.

Zumindest Dean wirkte dazu allerdings in der Nacht nach dem "Super Tuesday" kaum entschlossen. In beinahe allen sieben Staaten musste er verheerende Niederlagen hinnehmen, und entsprechend gedämpft fiel die Ansprache zu seinen Helfern aus. Nach Deans Schreiattacke in Iowa stehen derlei Auftritte unter besonderer Medienbeobachtung, doch diesmal musste Dean noch nicht einmal sonderlich die Stimme erheben - so leise waren selbst seine Unterstützer.

Dass Dean seine Rede bereits aus dem Bundesstaat Washington hielt, wo er bei der nächsten Vorwahl am Samstag den Umschwung einleiten möchte, sehen US-Politikexperten denn auch keineswegs als Hoffnungssignal. Denn Kerry ist in allen wichtigen Abstimmungsregionen der kommenden Wochen bestens positioniert - "dort kann er Dean endgültig beerdigen", glaubt der ehemalige Clinton-Wahlkampfstratege George Stephanapolous. Beerdigt sind in jedem Fall die Kampagnen des farbigen Bürgerrechtlers Al Sharpton, der trotz großer Hoffnung auf afro-amerikanische Stimmen in South Carolina weit abgeschlagen rangierte, und des Pazifisten Dennis Kucinich. Beide wollen aber munter weitermachen - im Gegensatz zu Joe Lieberman. Der Senator aus Connecticut, konservativster Demokrat aus dem Bewerberfeld, erklärte nach wieder enttäuschenden Resultaten im Laufe des Abends seinen Rücktritt.

Böse Journalistenzungen haben auf den Wahlkampf von Lieberman, der 2000 als Vizepräsidentschaftskandidat mit Al Gore antrat, den Filmtitel "Lost in Translation" umgemünzt - viele Politiker und Medien mochten seine ausgewogenen Positionen, doch irgendwie konnte Lieberman diese Zustimmung nie wirklich übersetzen. Wenigstens nach seiner Aufgabe konnte er jedoch einmal richtig die Massen mitreißen. In der Abdankungsrede sorgte Lieberman mit nur einem Satz für stürmischen Applaus und lang anhaltende Bravo-Rufe. Es war der Satz, der alle demokratischen Hoffnungen bündelt. "Ich werde weiterhin alles tun, um eine zweite Amtszeit von George W. Bush zu verhindern."