Wahlkampf-Endspurt Die Demoskopen sind ratlos
New York - Maurice Carroll hält offenbar nicht viel von Meinungsumfragen. Zum Beispiel von der Letzten aus New Jersey: Danach liegen US-Präsident George W. Bush und John Kerry exakt gleichauf, mit 46 zu 46 Prozent. "Ach was, das glaube ich nicht", sagt Carroll. "Ich bin sicher, dass Kerry in New Jersey gewinnen wird."
Das Vertrauen in Umfragen haben hier viele längst verloren. Bei Maurice Carroll, den alle nur Mickey nennen, ist das aber so eine Sache. Denn Carroll ist der Direktor des renommierten Umfraginstituts der Quinnipiac University in Connecticut, und die Umfrage für New Jersey, der er nicht glaubt, stammt aus seinem Hause.
Weshalb glaubt der Demoskop der eigenen Demoskopie nicht mehr? Carrolls Zweifel offenbaren, wie unberechenbar die US-Präsidentschaftswahl so kurz vor Toresschluss geworden ist. Wie unvertraut das Terrain ist, selbst für Experten. Wie schnell alte Maßstäbe verwelken. Dies sind dramatisch neue Zeiten - für die Amerikaner, für die Wahlkämpfer und vor allem für die Meinungsforscher auf ihrer Mission, den Hunger der Häppchen-Kultur mit statistischer Instant-Kost zu stillen und den Riss in der Volksseele mit Zahlen zu deuten.
Widersprüchlicher Zahlensalat
Nie zuvor ist die Psyche des US-Wählers so grell ausgeleuchtet worden wie in diesem Jahr. 1000 Umfragen in 100 Tagen, Bush vorne, Kerry vorne, "Kopf an Kopf", wer ist härter, wer klüger, wer präsidialer, mit wem würden Sie am liebsten einen trinken gehen, wovor haben Sie Angst, worauf sind Sie wütend? CNN ist inzwischen sogar dazu übergangen, nach dem Vorbild der parteiinternen Wahlkampf-"Polls" daraus täglich eine "Umfrage der Umfragen" zu destillieren, einen kombinierten Mittelwert aller. Doch sind wir schlauer? "Ich fürchte nicht", seufzt Carroll. "Die Antwort kommt am Wahltag." Oder, wie Kerrys Chef-Demoskop Mark Mellman vorige Woche in einer E-Mail an Parteifreunde schrieb: "Die einzige Umfrage, die zählt, wird es am Dienstag geben."
Mickey Carroll hat keine Hemmungen, über die Sinnkrise seiner Branche zu reden. Der schmale, agile Mann kann über sich und seinen Job auch mal lachen, und dann blitzen seine wasserblauen Augen unter dem weißen Haar verschmitzt. Das liegt vielleicht daran, dass er lange auf der anderen Seite gestanden hat, als politischer Reporter für "Newsday" und die "New York Times". Er weiß, was es heißt, solch atemlosen, widersprüchlichen Zahlensalat wie in den letzten Wochen hier in Schlagzeilen oder Wahlkampf-Budgets verarbeiten zu müssen: "Am Ende sind alle Umfragen gleich", sagt Carroll. Warum also dann der ganze Stress? Da grinst er nur: "Daran ist die Presse schuld."
Doch mal im Ernst. Allen Selbstzweifeln zum Trotz rühmt sich das Polling Institute der Quinnipiac University, eineinhalb Stunden nordöstlich von Manhattan, es komme den Trends der Stunde mit "Genauigkeit und Gründlichkeit" auf die Spur. In der Tat gilt Quinnipiac als ein meist verlässliches Orakel: Es hat kommunale Wahlergebnisse korrekt vorausgesagt und Entscheidungen wie die Olympia-Bewerbung New Yorks beeinflusst.
Statistisch obsoletes Rennen
Kleiner und flexibler als die US-Branchenriesen Gallup und Zogby, hat es längst auch nationales Gewicht: Die "New York Times", die "Washington Post", das "Wall Street Journal" und "USA Today" stützen sich regelmäßig auf Carrolls Datenfundus aus New York, New Jersey, Pennsylvania, Connecticut und, seit dem Wahlfiasko von 2000, auch aus Florida. Erst recht jetzt, da drei dieser fünf Staaten umkämpfte "Swing States" sind, die den morgigen Wahlausgang mit entscheiden.
Die Methodologie ist stets die gleiche: Quinnipiac-Studenten befragen über einen Zeitraum von fünf bis sechs Tagen telefonisch eine Stichprobe aus rund 1000 eingetragenen US-Wählern, unterstützt von einer Technologie namens Computer Assisted Telephone Interviewing (CATI). Dabei wählt der Computer die Befragten aus - und wählt sie dann auch automatisch an. Die Fragen erscheinen auf einem Bildschirm vor dem Fragesteller, der wiederum gibt die Antworten elektronisch ein. Die statistische Fehlerquote bei Quinnipiac-Umfragen liegt bei 3,1 Prozent. (Bei Gallup liegt sie bei 4, bei Zogby bei 2,9 Prozent.)
Es ist die Krux dieser Wahl, dass sich das Rennen zwischen Bush und Kerry nun seit Monaten innerhalb dieser Marge bewegt: mal ein paar Prozentpunkte rauf, mal ein paar runter, statistisch obsolet. "Die landesweite Stimmenmehrheit ist weiterhin so knapp, dass sich daraus keinerlei Rückschlüsse für die Stimmenverteilung im Wahlmänner-Gremium ziehen lassen", klagt Gallup-Chefredakteur Frank Newport in seinem täglichen Internet-Blog über die Wahlprognosen für morgen. Auch die regionalen Umfragen in den "Swing States" helfen diesmal nicht viel weiter: "Da sind Hunderte verschiedene Szenarien möglich."
Bush gegen Bush
New Jersey etwa: Von den Demoskopen lange als solides "Demokraten-Land" abgeschrieben, ist es in den letzten Wochen plötzlich zum Joker geworden. "New Jersey ist ein elender Ort für Meinungsforscher", weiß Mickey Carroll, der selbst dort aufgewachsen ist. "Die Leute ändern ihre Meinung oft, sie entscheiden sich erst spät, die Hälfte der Wähler lässt sich keiner Partei zuordnen." Dumm ist das auch für die Wahlkämpfer, die auf einmal ungeplante Werbegelder nach New Jersey abzweigen mussten - was beweist, dass Umfragen den Wahlkampf beeinflussen.
"Sie merken wahrscheinlich, dass mein Haar in diesen Tagen ein bisschen grauer ist als sonst", begrüßte auch der Star-Demoskop John Zogby neulich eine Gruppe Auslandskorrespondenten in Washington. Mickey Carroll verdreht derweil nur noch die Augen, wenn ihn die Leute anfeixen: "Na, wie steht das Rennen?"
Andere Fragen dagegen kann Carroll schon beantworten. Dass Bushs Stärke bei den Wählern der Krieg gegen den Terror ist und Kerrys Stärke die Innenpolitik, die Bush nach Ansicht der Mehrheit "in den Sand gesetzt hat". Dass die Armen demokratisch wählen und die Reichen republikanisch. Dass diese Wahl nichts anderes ist als ein Referendum über den Präsidenten: "Das ist Bush gegen Bush." Dass sich bei einem Patt die bis zuletzt zögernden, rund fünf Prozent der Wähler meist gegen den Amtsinhaber stellen. Und dass alle diese Axiome dieses Jahr hinfällig sind, wegen der enormen Zahl unberechenbarer Neuwähler.
"Alle Demoskopen erschießen"
Seine wichtigste Einsicht ist jedoch diese: Selbst der beste Meinungsforscher könnte das Mysterium USA nicht entschlüsseln. "Wir sind nun mal keine homogene Nation", sagt Carroll. "Jeder Bundesstaat hat sein eigenes, soziologisches Muster. New York, New Jersey und Connecticut haben gemeinsame Grenzen, sind aber drei völlig verschiedene Regionen."
Hinzu kommt, dass die gängigen Umfrage-Methoden längst von der Zeit überholt sind. So bleiben Handy-Benutzer bisher völlig außen vor, obwohl sich eine wachsende Zahl junger Amerikaner nur noch aufs Mobiltelefon verlässt. Zogby unternahm jetzt die erste Handy-Wahlumfrage überhaupt. Das Ergebnis lässt ahnen, wie verzerrt andere Statistiken sind: Die 18- bis 29-jährigen Handy-Wähler, die per SMS abstimmten, votierten klar für Kerry - mit 55 zu 40 Prozent. "Dies ist keine Wissenschaft mehr", sagt der demokratische Pollster Peter Hart. "Dies ist eine Kunst."
Oder ein Verbrechen: "Ich denke, wir sollten alle Demoskopen erschießen", schlägt Ed Rendell vor, der Gouverneur des "Swing States" Pennsylvania. "Wir sollten überhaupt keine Umfragen mehr anstellen." Das findet Mickey Carroll allerdings nicht so lustig: "Wie soll ich denn dann meine Miete bezahlen?"